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Chefmeteorologe Werner Schulz : Marnitzer Wetterfrosch sagt Tschüs

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Noch ein einziges Mal der gewohnte Tagesablauf und dann Tschüs: Für Werner Schulz wird dies nun Realität. Der Chefmeteorologe geht nach mehr als 45 Dienstjahren in den verdienten Ruhestand.

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erstellt am 22.Apr.2012 | 07:29 Uhr

Marnitz | Noch ein einziges Mal der gewohnte Tagesablauf: Um 5 Uhr Dienstbeginn, danach halbstündige Übertragung der Daten an den Zentralcomputer, tagsüber visuelle Beobachtungen der Wetterlage, um 17 Uhr den PC herunterfahren, das Bürolicht ausschalten und Tschüs! Für Werner Schulz wird dies nun Realität. Heute feiert der Chefmeteorologe der Marnitzer Warte des Deutschen Wetterdienstes seinen 65. Geburtstag und startet als "Regierungshauptsekretär a. D." in den verdienten Ruhestand. Mehr als 45 Jahre hat der gebürtige Schweriner in seinem Traumberuf gearbeitet. "Es war eine tolle Zeit, die Arbeit hat Spaß gemacht und die Wetterküche bietet bekanntlich Abwechslung wie in kaum einem anderen Bereich", ist sich der bekennende "Mecklenburger Sturkopf" sicher.

Am 1. Dezember 1966 hatte sich der damals 19-Jährige auf den Weg in die Schweriner Wetterstation am Fliederberg gemacht. "Schuld war die SVZ. Meine Oma hatte eine Anzeige in der Lokalausgabe entdeckt", erinnert sich Werner Schulz. "Suchen Mitarbeiter für interessante wissenschaftliche Arbeit, Amt für Meteorologie Schwerin". Diese Offerte machte den jungen Mann neugierig. Schon bei der Grundausbildung an der Seite der "alte Hasen" wurde Werner Schulz klar: Er hatte einen Volltreffer gelandet. Vor allem die Auswertung der Klimadaten mit spitzem Bleistift auf Millimeterpapier bereitete ihm viel Spaß. In den folgenden zehn Jahren, die der Nachwuchsmeteorologe an der Seite erfahrener Kollegen in der Wetterstation Schwerin absolvierte, erarbeitete er sich das Rüstzeug für die verantwortungsvolle Tätigkeit in einer eigenen Station. Seit 1978 hatte er den Hut in Marnitz auf. Hier, am Rande der Ruhner Berge, war Dorfschullehrer C. H. Tarnke schon 1864 auf die Idee gekommen, wichtige Klimadaten regelmäßig zu erfassen.

Schon im ersten Jahr - dem Rekordwinter 1978/79 - hat es den Neu-Marnitzer kalt erwischt. Fast hätte Meteorologe Werner Schulz die größte Herausforderung seines Berufslebens verpasst. Am 12. Februar 1979 war der damals 32-Jährige zu Besuch bei einem Esperanto-Kollegen in Prag. "Als ich bei ihm am Abend den Wetterbericht im Fernsehen sah, war mir klar, dass Norddeutschland ein zweiter Wintereinbruch droht", erinnert er sich noch ziemlich genau.

Wenige Stunden später saß er bereits im Zug, der am Abend des 13. Februar den Zielbahnhof Ludwigslust erreichte. Hier schneite es heftig und Werner Schulz konnte mit dem letzten Taxi nach Marnitz fahren. "Ich war wirklich erleichtert, als mein Mann gegen 22 Uhr vor der Tür stand, schließlich war ich mit unserer noch nicht mal ein Jahr alten Tochter alleine in Marnitz geblieben", sagt seine Frau Gerda. Werner Schulz stürzte sich sofort wieder in die Arbeit. Wie schwer dies werden würde, wurde am nächsten Morgen klar. Das Nebengebäude der Wetterstation, in dem sich die Messgeräte befanden, waren vom Schnee zugeweht. Immer wieder fiel der Strom aus. "Ich musste einen Tunnel zum Gerätehaus schaufeln. Die Messwerte ließen sich nur per Hand aufnehmen. Telefonisch oder per Fernschreiber wurden die Daten nach Potsdam übermittelt. "In der Messreihe des Februars 1979 gibt es keine Lücke", ist Werner Schulz noch heute stolz. "Ein solcher Winter könnte sich jederzeit wiederholen", ist sich der Experte sicher, der sich mit einem erst kürzlich in Marnitz gemessenen Winter-Rekord nun verabschiedet: Am 6. Februar 2012 sank das Thermometer hier auf minus 28 Grad Celsius. Es war damit der kälteste Februartag seit 1956.

"Das Wetter ist immer für eine Überraschung gut", meint Werner Schulz, der trotz der unzähligen Sensationsmeldungen über die Klimaentwicklung gelassen bleibt. "Es zählen die Fakten und die sprechen langfristig betrachtet mitunter eine andere Sprache", meint er und findet dafür durchaus Unterstützer. Zu ihnen gehört sein wohl bekanntester Lehrling Stefan Kreibohm, der aus Parchim stammt und regelmäßig aus dem Wetterstudio auf Hiddensee berichtet.

Werner Schulz bedauert sehr, dass in Marnitz der Beobachtungsdienst am 1. Mai nach 144 Jahren eingestellt wird und hier nur noch die Geräte im Automatikbetrieb weiterlaufen.

Auch im Ruhestand will der "Wetterfrosch der Ruhner Berge" seiner Leidenschaft treu bleiben. "Ich werde meine Datensammlung pflegen und sicher viel fotografieren", freut er sich. Stolz ist er, dass seine Tochter in die Fußstapfen des Vaters getreten ist und inzwischen im Seewetteramt Hamburg als Computerexpertin arbeitet. Pläne für neue Reisen in die Ferne gibt es auch schon. "Dabei wird der Blick geweitet. Oft habe ich erlebt, dass Menschen in anderen Teilen der Welt mit der Natur in Einklang leben und sich mit dem Klima besser arrangieren als wir in Mitteleuropa", gibt der Wetter-Versteher den Jüngeren mit auf den Weg.

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