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Flughafen Parchim : Mann aus China mit Visionen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Doku-Filmpremiere vor ausverkauftem Haus: Publikum geteilter Meinung. Jonathan Pang möchte Montag Movie Star besuchen

svz.de von
erstellt am 19.Mai.2016 | 06:00 Uhr

Fast wie in Cannes, Venedig oder Berlin: Premierenfieber vor dem Parchimer Kino Movie Star. Hostessen in knallroten Stewardess-Uniformen leiteten die Publikumsströme über einen roten Teppich zur Kasse oder direkt in die drei Filmsäle. Der Deutschland-Start von „Parchim International“ war ausverkauft. Sieben Jahre lang hatten der Regisseur Stefan Eberlein und sein Kameramann Manuel Fenn den chinesischen Investor Jonathan Pang bei seinem Unterfangen begleitet, den Parchimer Flughafen zum Drehkreuz zwischen Europa und Asien zu machen (SVZ berichtete). Vorschusslorbeeren kamen aus der Bundeshauptstadt, wo „Parchim International“ als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet worden war, oder aus München, wo er den Publikumspreis gewonnen hatte.

Ein 68-jähriger gebürtiger Parchimer, der seinen Namen nicht nennen wollte, kennt den Flughafen seit seiner Kindheit. „Ich habe die Hoffnung, dass sein Ausbau genügend wirtschaftlichen Aufschwung und Arbeitsplätze schafft, damit nicht mehr so viele junge Menschen in andere Regionen abwandern.“

Parchim kommt aus der Sicht des Publikums in dem Film nicht besonders gut weg. Die Kamera schwenkt über Gewerbegebiete oder zeigt die monotonen Plattenbauten der Weststadt, wo Senioren ihren Rollator durch das Einkaufszentrum schieben. „Parchim kommt mir vor wie eine Kulisse“, erklärt Regisseur Eberlein dem Premierenpublikum seinen Blick auf die Stadt. Als er davon erfahren habe, dass dort ein tatendurstiger Investor einen Großflughafen errichten wolle, „prallten für mich Gegensätze aufeinander, die nicht zusammenpassten“. Er - nach eigenem Bekunden als gebürtiger Oberschwabe in der Sattheit des Wirtschaftswunders in Westdeutschlands aufgewachsen – habe miterlebt, wie die Einwohnerzahl Parchims im Verlauf der siebenjährigen Drehzeit um siebentausend geschrumpft sei. Freimütig räumte der Filmemacher ein, „dass die ausgewählten Bilder nicht charakteristisch für Parchim sind“. Er habe Pang als dynamischen, energischen Mann voller Visionen kennen gelernt. „Wir haben uns sehr gut verstanden.“ Der Investor sei in dunkle Jahre Chinas hineingeboren worden, als dort die Kulturrevolution tobte und die Universitäten zehn Jahre geschlossen waren. Dennoch sei Pang - aus ärmlichen, dörflichen Verhältnissen stammend - unbeirrt seinen Weg gegangen. In der Weltwirtschaftskrise 2008 habe der Chinese bitteres Lehrgeld gezahlt. Wenn auch die meisten der Pangschen Visionen nicht in die Tat umgesetzt seien, gibt Eberlein dem Parchimer Flughafen durchaus eine Chance – „aber nicht in den von Pang geplanten Dimensionen“.

Diese Einschätzung wurde mehrheitlich auch vom Publikum vertreten. Während Zuschauer in München, Berlin oder beim MV-Filmfestival in Schwerin lauthals an Stellen lachten, als Pang großspurig von einem Messezentrum mit 6000 Läden fantasierte, Investitionen von mehr als 100 Millionen Euro versprach oder einen regen Reise- und Warenverkehr ausmalte, glucksten die Parchimer bei anderen Bildern. Heiterkeit erntete beispielsweise die Einstellung, als ein Fahrschulauto am Zebrastreifen vor der Abflughalle das vorschriftsmäßige Anhalten übte, obwohl weit und breit kein einziger Fußgänger zu sehen war. Oder als Pang einen brandenburgischen Fischer bedrängte, sich vertraglich auf das Zehnfache seiner bisherigen Fangquote festlegen zu lassen. Oder der Appell von Pang-Berater Werner Knan an die Flughafenfeuerwehrleute, ihre Aufstiegschancen durch Sprachunterricht zu verbessern. Knan ist inzwischen ebenso Geschichte wie das Engagement von Jonathan Pang. „Er ist nicht mehr der verantwortliche Ansprechpartner“, berichtete der Parchimer Bürgermeister Dirk Flörke. Insofern sei „Parchim International“ auch eine Dokumentation über die Ära Pang gewesen. Der Film geht mit 24 Kopien an den Start, hauptsächlich im Norden oder Nordosten Deutschlands, aber auch in München oder Freiburg.

Gestern Nachmittag wurde bekannt, dass Jonathan Pang am Montag (23. Mai) spätestens zum Ende der 19.30 Uhr-Vorstellung im Parchimer Movie Star sein und dem Publikum für Fragen zur Verfügung stehen möchte.

 

Horst Kamke

 

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