Kult-Kiosk in Parchim schließt : Luke auf: Ein neuer Tag beginnt

Mit einem Kaffee am Kiosk-Stammtisch beginnt der Tag für Siegfried Zollmann (r.) und Uwe Sommer.
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Mit einem Kaffee am Kiosk-Stammtisch beginnt der Tag für Siegfried Zollmann (r.) und Uwe Sommer.

Kiosk am Wasserturm weit mehr als Mini-Supermarkt: Kult-Laden schließt im Herbst nach 28 Jahren.

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01. Februar 2018, 17:22 Uhr

Punkt 9 Uhr ist es soweit: Gisela Ewert öffnet ihr kleines Kiosk-Fenster und begrüßt den ersten Kunden des Tages mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ Der junge Mann im Handwerker-Overall hat sofort ein Lächeln im Gesicht, als sich die „Luke“ – wie Parchimer das ziemlich kleine Ladenfenster liebevoll nennen – den Blick auf die Chefin und ihr Geschäft freigibt. Die Bestellung für die zeitlich überschaubare Frühstückspause – einen Pott Kaffee und eine Bockwurst mit Brot – wird sofort erledigt. Der Mann reicht passend abgezählt sein Geld über die Kiosk-Theke. Nun geht es Schlag auf Schlag. „Seit 15 Jahren komme ich fast täglich, bevor es in den Garten geht. Ohne Giselas Kaffee würde mir was fehlen“, sagt Siegfried Zollmann, der in der Nähe wohnt. Am Stehtisch vor dem Laden mit der weithin sichtbaren Aufschrift „Kiosk am Wasserturm“ trifft er an diesem Morgen wie so oft Uwe Sommer. „Gisela hat ihre Jungs im Griff. Hier passt einfach alles“, meint der Parchimer, der sich noch gut an die Gründerjahre des Kiosk, der inzwischen Kult-Status erlangt hat, erinnern kann. „Wir dürfen gar nicht daran denken, dass es bald vorbei sein könnte“, sind sich die Männer einig und scherzen mit durchaus ernstem Hintergrund: „So geht das nicht!“

Bei den vielen Stammgästen hat es sich herumgesprochen. „Im Herbst werden wir die Luke für immer schließen“, sagt Karl-Uwe Ewert. Lange haben der 68-Jährige und seine 64-jährige Frau mit dieser Entscheidung gerungen. „Es fällt natürlich schwer. Da hängt man dran. Aber der Lauf der Zeit lässt sich nicht aufhalten“, so Karl-Uwe Ewert, der seit dem Ausscheiden aus seinem Job vor mehr als zwei Jahren seiner Frau im Kiosk täglich hilfreich zur Seite steht.

Mit einem Kaffee am Kiosk-Stammtisch beginnt der Tag für Siegfried Zollmann (r.) und Uwe Sommer.
Wolfried Pätzold
Mit einem Kaffee am Kiosk-Stammtisch beginnt der Tag für Siegfried Zollmann (r.) und Uwe Sommer.
 

Bier war knapp und die Brause schmeckt nicht

Mitte der 1980er Jahre hatten Ewerts einen Traum. „Das Bier war bekanntlich knapp und die Brause schmeckte nicht. Das geht besser, waren wir uns sicher und wollten eigene Wege gehen. Ein privater Laden sollte es sein. Doch das scheiterte an der DDR-Bürokratie“, blicken beide zurück. Nach der Wende ging alles ganz schnell. Im August 1990 – Kioske und Getränkehändler sprossen wie Pilze aus dem Boden – konnte die umgebaute Garage auf Ewerts Grundstück am Ostring als „Kiosk am Wasserturm“ öffnen. „Es fiel mir ein großer Stein vom Herzen, als ein Mann aus der Nachbarschaft als erster Kunde einen Blumenstrauß brachte“, erinnert sich Gisela Ewert noch heute gerne. Von 6 Uhr am Morgen bis oft in die späten Abendstunden stand sie nun täglich im eigenen Kiosk. Auf rund 55 Quadratmetern gab es mehrere Biersorten, Brause, Cola & Co., Naschereien, Zigaretten, Schnaps, frische Eier, Briefmarken, Streicheis, Telefonkarten, Zeitungen, Bockwurst...

Doch längst nicht jeder, der regelmäßig zu ihr kam, wollte hier nur Waren des täglichen Bedarfs kaufen. Gisela Ewert war mitunter gefragt, wenn ein Antrag für eine Behörde auszufüllen war, einer ihrer Kunden ins Krankenhaus musste oder sich eine Nachricht in Parchim wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. „Mancher muss sich einfach mal den Frust von der Seele reden und sucht einen Gesprächspartner“, weiß die Kiosk-Chefin aus nunmehr fast 28-jähriger Erfahrung. „Wenn Bäume in den Wallanlagen gefällt werden oder die Graffiti-Schmierer durch die Stadt ziehen, machen sich die Leute halt Sorgen. Manchmal stand unser Kiosk sogar selbst im Fokus des aktuellen Geschehens. 13 Mal wurde in den zurückliegenden Jahren bei uns eingebrochen, aber alle Täter konnten ermittelt werden“, sagt Karl-Uwe Ewert. Pläne für die „Nach-Kiosk-Zeit“ haben beide schon: „Aus dem Gebäude wird wieder eine Garage. Da kommen die Gartengeräte rein. Da bleibt Zeit für Natur, basteln und vieles, was zu kurz kam“.

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