Parchim : Langer Straße droht die Kehrtwende

Die Kontrollen sind auf Dauer keine Lösung.Wolfried Pätzold
Die Kontrollen sind auf Dauer keine Lösung.Wolfried Pätzold

Der verkehrsberuhigte Bereich in der Langen Straße in Parchim bereitet zunehmend Probleme. Damit das Projekt nicht scheitert, müssen Alternativen her. Die Situation wird im Wirtschaftsausschuss diskutiert.

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09. November 2012, 06:39 Uhr

Parchim | Nun ist die Katze aus dem Sack. "So kann es nicht weitergehen", sagt Waldemar Skrocki, Chef des Parchimer Polizeihauptreviers und erntet betretene Gesichter bei den Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses, die sich in dieser Woche wieder einmal mit der Situation in der Langen Straße beschäftigt haben. Mitte Oktober waren auf einem Erfahrungsaustausch mit Geschäftsleuten, Anwohnern und Vertretern der Stadtverwaltung vor allem die Ordnungshüter in die Kritik geraten. Nico Skiba hatte als Ausschussvorsitzender die Frage aufgeworfen: "Warum wird nicht kontrolliert?". Und Unternehmersprecher Wolfgang Waldmüller setzte noch einen drauf: "Wir müssen Messungen einfordern!". Beide haben damit vor allem auf die anhaltende Kritik der in der Langen Straße ansässigen Ladenbesitzer und Anwohner reagiert, die sich von viel zu schnell fahrenden Autos und Radfahrern am Tag und in der Nacht genervt fühlten.

Obwohl man zum Erfahrungsaustausch keinen Vertreter der örtlichen Polizei eingeladen hatte, folgte die Reaktion auf den Fuß. Schon wenige Tage später rückten die Ordnungshüter mit ihrem Lasergerät an und kontrollierten hier mehrfach am Tag und in der Nacht die Geschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer. "In nur zwei Stunden mussten wir rund 50 Verstöße ahnden. Und wir haben kein gutes Gefühl dabei", gibt Waldemar Skrocki, der nun erstmals als kompetenter Gesprächspartner mit am Tisch sitzt, unumwunden zu. "Die Rechtslage ist schwammig. Wir sind ganz offenbar in eine Zwickmühle geraten", meint Skrocki. Weitere Einsätze folgten. "Ich hatte den Eindruck, dass niemand die hier geltenden Verkehrsvorschriften kennt", so der 1. Polizeihauptkommissar. Vor allem, die durch das Verkehrszeichen 325 für einen verkehrsberuhigten Bereich festgelegte Maximalgeschwindigkeit von nur sieben km/h, wird ignoriert. "Wir halten es nicht durch, hier täglich präsent zu sein. Wir werden da gebraucht, wo Menschen Leid angetan wird. Unsere Schwerpunkte sind andere", macht Waldemar Skrocki seinem Unmut Luft.

Für ihn stellt sich längst die Frage, ob die Interessen einer Gruppe mit den Erwartungen der Mehrheit in dieser Stadt in Übereinstimmung gebracht werden können. "Wir nehmen billigend in Kauf, dass von der derzeitige Situation in der Langen Straße tagtäglich Gefahren ausgehen". Für ihn steht fest, dass schnell verantwortungsvoll abgewogen werden muss, wie es weiter geht. "Parchim ist eine schöne Stadt und wir haben gemeinsam die gleiche Absicht, wieder mehr Leben in die Einkaufsmeile zu bringen. Ich befürchte allerdings, dass wir dieses Ziel so nicht erreichen", sagt Skrocki und gibt zu bedenken, "was haben wir gekonnt, wenn die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer Ordnungswidrigkeiten begeht?"

Auch den Ausschussvorsitzenden Nico Skiba haben die klaren Worte des Polizeichefs sichtlich überrascht. "Bisher haben wir in gutem Glauben zur Kenntnis genommen, dass es so in Ordnung geht und zusätzliche Maßnahmen wie der Einbau von Schikanen und die Nutzung des Pollers für die Nachtstunden nicht möglich sind."

Für Skrocki ist die Sache klar: Entweder in der Langen Straße wird wieder eine Fußgängerzone eingerichtet, oder die Stadt nimmt richtig Geld in die Hand und schafft die baulichen Voraussetzungen mit Nischen zum Parken, separaten Fußgängerbereichen und evtl. Schikanen für einen praktikablen verkehrsberuhigten Bereich. "Im Moment sehe ich nur ein ,Zurück. Wollen wir auf den Tag warten, an dem hier etwas Schlimmes passiert?".

Stadtvertreter Gerd Beyer, der sich noch vor wenigen Wochen öffentlich als Befürworter des verkehrsberuhigten Bereiches geoutet hat, reagiert betroffen: "Ich ändere heute meine Meinung. Ich bin dafür, dass den Leuten die Augen geöffnet werden. Wir hätten viel früher die Fachkompetenz der Polizei einbeziehen müssen". Auch der anwesende Vorsitzende der SPD-Fraktion Eckhard Büsch stellt klar: "Ich bin nicht händlerfeindlich, habe aber die Probleme kommen sehen und die derzeitige Variante von Anfang an abgelehnt". Er würde sich als Sofortmaßnahme wünschen, dass die Straße in der Nacht wieder für den Verkehr gesperrt wird. Nico Skiba appelliert an alle, die Suche nach neuen Varianten für die Belebung der Langen Straße fortzusetzen. "Derzeit haben wir hier einen Leerstand an Geschäften von 25 Prozent. Wenn wir die Straße wieder schließen, dürfte hier in einem Jahr jeder zweite Laden dicht sein", gibt er zu bedenken. "Alles ist wieder offen", so das Fazit des Ausschussvorsitzenden.

Blumenhändler Matthias Koschitzki, der nach eigenen Zählungen inzwischen mehr als 900 motorisierte Kunden in seinem Geschäft begrüßt hat, hält von Geschwindigkeitskontrollen nichts. "Bis zur Kontrollstelle wird gebremst und vor meinem Laden wieder beschleunigt." Aus Sicht von Konditormeister Lothar Scholz sind die Verkehrsplaner dafür verantwortlich, dass in der Langen Straße ein "Highway" angelegt worden ist. "Unsere Vorschläge wurden ignoriert." Nun sollten schnell Blumenkästen oder Fahrradständer aufgestellt werden, um die Autos und Fahrräder wirksam auszubremsen.

Der zuständige Fachbereichsleiter Holger Geick räumt ein, dass "nicht alles optimal gelaufen" ist. "Wir bemühen uns aber seit Jahren intensiv". Juristen und Verkehrsexperten des Landkreises hätten schließlich die zweijährige Testphase befürwortet. "Wir sind in einer offenen Diskussion und werden eine neue Befragung durchführen. Letztendlich müssen in einem Jahr die Stadtvertreter entscheiden", so Geick. Mit Waldemar Skrocki sind sich schließlich alle einig: "Wir sollten gemeinsam weiter das Ziel verfolgen, mehr Leben in die Stadt zu bringen. Doch dafür muss schnell und viel mehr passieren, als neue Schilder aufzustellen".

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