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Kleinkinder alleine auf dem 3-Meter-Sprungturm

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Bei seinen routinemäßigen Rundgang stockt Jens-Uwe Wagner am Nachmittag der Atem: Auf der Treppe zum 3-Meter-Sprungturm entdeckt er einen kleinen Jungen und ein noch kleineres Mädchen.

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erstellt am 16.Jul.2013 | 07:15 Uhr

Parchim | Was für ein Tag! Die Sonne gibt alles und im Bad am Wockersee herrscht emsiges Treiben. Rund 300 Gäste, Familien mit Kindern sind gekommen, Jugendliche tummeln sich im See und suchen beim Sprung vom 3-Meter-Turm den Kick. DRK-Rettungsschwimmer Jens-Uwe Wagner ist an diesem Tag an der Seite von Schwimmmeister Dietmar Weiß für Ordnung und Sicherheit verantwortlich.

Bei seinen routinemäßigen Rundgang stockt Jens-Uwe Wagner am Nachmittag der Atem: Auf der Treppe zum 3-Meter-Sprungturm entdeckt er einen kleinen Jungen und ein noch kleineres Mädchen. Beherzt läuft der erfahrene Rettungsschwimmer zum Steg und holt die Kleinkinder von der Leiter. Die Mutter der beiden - wie sich später herausstellt drei und fünfjährigen Geschwister - reagiert betont cool. Es sei schließlich die Aufgabe des Schwimmbadpersonals auf die Kinder aufzupassen. Sie hatte es sich auf der Liegewiese in rund 80 Metern Entfernung zum Sprungturm gemütlich gemacht. Von dort ist beim normalen Trubel im Bad nur schwer auszumachen, was sich im Schwimmbereich des Bades tut. Jens-Uwe Wagner informiert umgehend den Schwimmmeister und beide hoffen zunächst, dass die Belehrung der Mutter Wirkung zeigt.

Doch auf den ersten Schock folgt schon bald ein zweiter. Der fünfjährige Junge und das dreijährige Mädchen werden nun - erneut unbeaufsichtigt - am Auslaufbecken der Wasserrutsche entdeckt. Nur durch das besonnene Handeln kann auch hier Schlimmeres verhindert werden. Der Rettungsschwimmer muss mit ansehen, wie es beinahe zu Zusammenstößen mit anderen Kindern und rutschenden Badegästen gekommen wäre.

Für das Schwimmbadteam ist damit Schluss mit lustig. "Die Mutter zeigte weiterhin keine Einsicht. Ich musste zum härtesten Mittel, einem sofortigen Hausverbot, greifen", sagt Dietmar Weiß. Aber auch diese drastische und sehr seltene Maßnahme geht ins Leere, so dass die Polizei zur Unterstützung angefordert werden muss.

Als die Beamten eintreffen, behalten sie mit ihrer Vermutung Recht, dass die 32-jährige Frau womöglich unter Einfluss von Alkohol steht. "Das hat sie unumwunden vor Ort zugegeben", wird später im Polizeiprotokoll vermerkt. "Sie besaß dann auch noch die Unverfrorenheit, im stark alkoholisierten Zustand ihr Auto, mit dem die kleine Familie aus Parchims Altstadt offenbar ins Freibad am Wockersee gefahren war, auch für die Heimfahrt zu nutzen", so Klaus Wiechmann, Sprecher der Polizeiinspektion Ludwigslust. Die Beamten können die Weiterfahrt verhindern und nehmen eine Verkehrskontrolle vor. Der vor Ort ermittelte Atemalkoholwert beträgt 1,5 Promille. Die Mutter und ihre beiden Kinder, die gemeinsam im Fahrzeug sitzen, müssen das Auto sofort verlassen. Das Strafverfahren wegen Trunkenheit am Steuer wird folgten.

Im städtischen Schwimmbad am Wockersee ist der beispiellose Vorfall auch am Tag danach "Thema Nummer 1". "Es ist unbegreiflich, wie Eltern trotz der tragischen Badeunfälle im Land, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen", gibt der Schwimmmeister zu bedenken. Schließlich sind in der vergangenen Woche sechs Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ertrunken. Auch Rettungsschwimmerin Annelore Höppner, die als Mitglied des DRK-Teams in Parchim Dienst tut, kann es nicht fassen. "Ich habe meine Kinder beim Baden niemals aus den Augen gelassen. Das Gefühl sollte eigentlich jede Mutter kennen und beherzigen", meint die 60-Jährige, der der verantwortungsvolle Job im Ehrenamt seit Jahren Spaß macht.

Dietmar Weiß ist wichtig, dass es im Bad Regeln geben muss. "Eltern, die die Verantwortung für ihre Kinder bei uns mit dem Kauf der Eintrittskarten abgeben wollen, liegen falsch", sagt er. Wenn Kinder ohne Begleitung eines Erwachsenen zum Baden kommen, müssen sie mindestens acht Jahre alt sein. Das ist einigen offenbar noch nicht bekannt.

Völlig unverständlich ist dem Schwimmbadteam, dass sich zwei Kleinkinder zwischen den älteren Badegästen bis zum Steg durchschummeln konnten, ohne dass andere Badegäste eingegriffen haben. "Leider kümmern sich nur wenige um ihre Nachbarn. Selbst bei größter Aufmerksamkeit kann der Aufsicht etwas entgehen", gibt der Experte zu bedenken. Lob gab es für ihre Arbeit von der Polizei. "Wenn die Kinder, die nicht einmal Schwimmhilfen hatten, ins tiefe Wasser gefallen wären, hätte die Sache übel ausgehen können...", so der Sprecher der Polizei. Für den zuständigen Fachbereichsleiter der Stadtverwaltung Dirk Johannisson steht fest: "Lieber öfter eingreifen, als einmal zu wenig. Unsere Mitarbeiter und die DRK-Rettungsschwimmer haben umsichtig gehandelt. Dafür verdienen sie Anerkennung."

Das Geschwisterpaar hatte an diesem Tag wohl gleich mehrfach Besuch vom Schutzengel. Nicht auszudenken, wenn sie unbeaufsichtigt vom Sprungturm gestürzt oder die Alkoholfahrt mit der verantwortungslosen Mutter ins Auge gegangen wären.

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