Eichenprozessionsspinner im Landkreis Ludwigslust-Parchim : Kampf gegen die Raupen geht weiter

Schon am Montag könnte es sein, dass der Hubschrauber im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner wieder abhebt.katt
Schon am Montag könnte es sein, dass der Hubschrauber im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner wieder abhebt.katt

Luftangriff auf den gefährlichen Eichenprozessionsspinner: Ungeachtet einer Strafanzeige und Protesten in der Region wird ab Montag im Landkreis Ludwigslust-Parchim der Hubschraubereinsatz gegen die Larven fortgesetzt.

von
10. Mai 2013, 08:13 Uhr

Ludwigslust | Ungeachtet von Protesten, Klagen und Strafanzeigen soll die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners aus der Luft im Landkreis Ludwigslust-Parchim schon am Montag weitergehen. Wenn Wetter und Luftströmungen es zulassen, wird der Hubschrauber ab 13 Uhr Bereiche im Amt Ludwigslust-Land sowie Flächen im Gebiet der Stadt Ludwigslust, einschließlich Ortsteilen, befliegen, wie der Landkreis mitteilte. Es gehe aber nur um Areale außerhalb der Bebauung. Zum Einsatz könnte dann zumindest auf Teilflächen auch ein anderes als die beiden bisher verwendeten bzw. angekündigten Mittel kommen. "Dimilin", das den Wirkstoff Diflubenzuron enthält, verhindert die Häutung von Insekten. Grund für den Sinneswandel: "Dipel ES", das eigentlich vorgesehen war, sei nicht regenfest, heißt es in der Mitteilung des Kreises. Es benötige nach der Ausbringung zwei bis drei regenfreie Tage, um erfolgreich wirken zu können. Angekündigt ist jedoch wechselhafte Witterung.

"Das Mittel ist unschädlich für Mensch und Tier, einschließlich der Honigbienen", teilte der Landkreis zu "Dimilin" mit. Das sehen offenbar nicht alle Behörden so. "Pflanzenschutzmittel mit den insektiziden Wirkstoffen Diflubenzuron... sind sehr giftig für Gewässerorganismen, insbesondere Fische und Krebstiere", heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Bundestagsabgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen vom Juni 2012. "Bei der Anwendung mit Hubschraubern sind daher Abstände von 100 Metern zu Oberflächengewässern einzuhalten, um Einträge durch Abdrift auszuschließen."

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erklärt in einem Bericht an das Bundesumweltministerium aus dem März dieses Jahres jedoch, dass Dimilin im Biozidbereich im Rahmen von Übergangsregelungen sowohl vom Boden als auch aus der Luft eingesetzt werden darf. Während das zugelassene Produkt Dimilin WG80 als gesundheitsschädlich gilt, sei die für die Anwendungen verdünnten Konzentrationen nicht als gesundheitsschädlich eingestuft. "Bei einer Luftanwendung bestehen auch in einem Worst-Case-Szenario (unter Annahme einer 100-prozentigen Abdrift) keine Risiken für den Verbraucher."

Den Chemikalieneinsatz aus der Luft gegen die Raupen des Eichenprozessionsspinners sieht der Naturschutzbund Nabu äußerst kritisch, vor allem in Wäldern. "In Wäldern muss auf den Einsatz von Insektiziden verzichtet werden", heißt es in einer Mitteilung. "Um Risiken für Menschen (durch den Eichenprozessionsspinner, d.Red.) zu vermeiden, sollten stark befallene Bereiche in der kritischen Jahreszeit gesperrt werden." Die Grünen in MV rufen die Einwohner des Landkreises sogar auf, gegen den Chemikalieneinsatz zu protestieren. "Das Versprühen von Giften aus der Luft ist angesichts der tatsächlichen Gefährdung durch den Eichenprozessionsspinner völlig unangemessen", erklärte die umweltpolitische Sprecherin der bündnisgrünen Landtagsfraktion, Ursula Karlowski.

Die zuständigen Behörden sehen jedoch keine Alternative zum Luftschlag gegen die Raupen. Nach den rund 400 Hektar Befallsfläche, die Anfang der Woche abgeflogen worden waren, müssen jetzt im zweiten Angriff weitere rund 2000 Hektar folgen. Und das in sehr kurzer Zeit. Schon ab dem dritten Larvenstadium werden die Brennhaare ausgebildet, die bei Kontakt zu stark juckenden Rötungen der Haut, schmerzhaften Augenentzündungen, Husten bis hin zu asthmatischen Beschwerden und im Extremfall sogar lebensbedrohenden Zuständen führen. In einem solch knappen Zeitfenster sei nur die Bekämpfung aus der Luft erfolgversprechend, sagte der Leiter der Aktion, Dr. Joachim Vietinghoff vom Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei MV (LALLF). Würde man vom Boden oder von einem Hubsteiger aus sprühen, benötige man pro Baum eine Viertelstunde. "Da auf einem Kilometer Allee aber rund 120 Eichen stehen, wäre das schlicht undurchführbar", so Joachim Vietinghoff.

Nach Meinung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) kommt von den mechanischen Verfahren nur dem Absaugen eine gewisse Bedeutung zu. "So lange es Firmen und Arbeitskräfte gibt, die das machen", schränkte Dr. Joachim Vietinghoff jedoch ein. Obwohl die Mitarbeiter spezielle Schutzanzüge tragen, die nichts von außen nach innen lassen, hätten viele erhebliche Probleme mit der durch die Brennhaare ausgelösten Symptomatik. Diese würde sich mit zunehmender Wirkdauer auch noch verstärken, weil es sich um keine Allergie, sondern um eine Vergiftung handele, so der LALLF-Experte. Deshalb könne man sich auch nicht hyposensibilisieren lassen wie beim Heuschnupfen.

Ob der Luft-Einsatz gegen den Eichenprozessionsspinner Erfolg hat, wird sich erst zeigen, wenn Ende Juni/Anfang Juli die Gespinstnester ausgebildet werden. "Dann wird das gesamte Gebiet bereist und der Befall aufgenommen, nicht nur an den behandelten Flächen", erklärte Landwirtschafts- und Umweltminister Till Backhaus.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen