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Tierschutz : Kälberhort rettet Jungtieren das Leben

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Hilfe für frühgeborene, geburtsgeschädigte oder schwache Kälber in Grebbin. Tierschutzverein wird gegründet

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2014 | 16:05 Uhr

Boby ist zu klein geraten und ohne Schwanz zur Welt gekommen.  Andrea ist    sehbehindert, Rössler   auf beiden Augen total erblindet. Heike  läuft in der blinden Gruppe mit und ist sozusagen der Blindenführer.   Diese    Kälber wachsen bei Maik Kindler in Grebbin auf. Im Kälberhort kümmern er und weitere Helfer sich um Tiere, die anderenfalls kaum eine Überlebenschance hätten, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich ist. Die Initiatoren des Kälberhorts päppeln die Jungtiere auf  und     versuchen, sie an Interessenten  zu verkaufen. Mit enormem Aufwand: Frühgeburten müssen zwölfmal am Tag und mehr gefüttert werden.

 Seit zwei Jahren nimmt der Kälberhort    frühgeborene, geburtsgeschädigte oder lebensschwache Kälber auf.   Tierärztin Swantje Gerkens brachte das erste hilfsbedürftige Kälbchen, berichtet Maik Kindler. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, das Tier einzuschläfern.    Die Nachricht vom Kälberhort sprach sich unter Tierärzten und Landwirten  herum und schon bald häuften sich die Anrufe, so Kindler. Es habe sich herausgestellt, dass   viele Kälber  „durchfallen“. Dabei seien die oft kleineren Tiere für den Privathaushalt gut geeignet.

Zwischen 50 und 60 Kälber hat   Kindler mittlerweile aufgenommen. „Nicht alle haben wird durchgekriegt“, so der Grebbiner. Besonders traf es ihn, als mehrere Jungtiere an einem Tag verendeten. Sie waren vergiftet, stellte sich   bei der Obduktion heraus.  Die Kälber standen auf einer Wiese, wo sich früher ein Dünger-Schuppen befand. Der Schuppen war abgerissen worden, der Schutt offensichtlich samt Chemikalien in Behältern untergebuddelt. Der Frost hob die Giftstoffe nach oben.  Die Tiere auf der Wiese, die Kindler gepachtet hatte, fanden die Chemie an einer Stelle unter der Grasnarbe, leckten sie und verendeten.

   Derzeit hat Kindler alle Jungtiere auf einem Hof konzentriert, wo er sie auch bei Schnee und Frost jeden Tag besser auf ihren Zustand kontrollieren kann. Rund 20 Kälber wachsen hier derzeit heran.  „Ich muss sie über den Winter bringen“, so Kindler. Das Problem: In dieser kalten Jahreszeit lassen sich die Kälber nicht an Privatleute verkaufen. Die warten, bis draußen Gras wächst.

Kindler versucht, einen Teil der Kosten durch den Kälberhort aufzufangen, indem er nebenbei  Schweine züchtet und Ferkel für Biobauern liefert. Es bleibt allerdings ein Zuschussgeschäft. Die Aufzucht der kranken Kälber koste wahnsinnig viel Geld. Er schiebe ständig   Tierarztkosten vor sich her, so der Grebbiner. Um  das Projekt auf noch breitere Schultern zu verteilen, wird ein Tierschutzverein ins Leben gerufen. Die Mitglieder stehen bereit, die Satzung wurde vom Finanzamt geprüft, ein Notartermin war bereits angesetzt, musste allerdings abgesagt werden.

„Die Schweinemast kam dazwischen“, sagt Kindler. Der Grebbiner engagiert sich   stark in der Bürgerinitiative gegen den Bau der industriellen Schweinemastanlage im benachbarten Dargelütz. Auch aus dem Grund, weil er  während seiner Auslandstätigkeit in Dänemark miterleben musste, wie es in einem großen Mastbetrieb zugehen kann. Bei einem  dänischen Schweinebauern   hatte er  als Handwerker im Wohnhaus gearbeitet.

Denn das ist es, womit der nebenberufliche Landwirt sein Geld verdient. Kindler hat sich mit seiner Firma Builders.Inc  , die auf ökologisches Bauen   mit Wandgestaltung und Innenausbau setzt, einen Namen gemacht.

Der 37-Jährige   war in Schwerin aufgewachsen, wo seine Eltern als Gastronomen tätig sind. Er erlernte zunächst den Beruf als Koch. Als Jugendlicher rutschte er in die Drogen-Szene und ist heute dem Polizisten dankbar, der sich dafür einsetzte, dass er nicht ins Gefängnis kam, sondern in den Entzug.  Im Rahmen der Therapie machte er an einer Schule in Frankfurt/Main sein Fachabitur nach. Um finanziell über die Runden zu kommen, jobbte er nebenbei auf dem Bau. Später absolvierte er eine Malerlehre und war   mit seiner neu gegründeten Firma auch in der Region Frankfurt tätig.

Allerdings zog es ihn nach Mecklenburg-Vorpommern zurück. Auf Grebbin fiel die Wahl, weil hier ein Jugendfreund lebte. Für seine älteste Tochter, die schon in Frankfurt beim Reiten aktiv war, kam  das erste Pferd  auf den Hof, später folgten die Kälber und   andere  Tiere.

13 Hektar bewirtschaftet der Landwirt im Nebenerwerb. Er muss  einen Schlüssel beachten, wie viele Tiere er halten darf, erklärt er. Abgerechnet wird in Großvieheinheiten. Für den   Investor, der 15 500 Schweine-Plätze in Dargelütz bauen will, gilt das nicht, so Kindler. Diese Anlage zähle nicht als Landwirtschafts- sondern als Gewerbebetrieb.  Kindler  liegen Zahlen vor, dass im Landkreis Ludwigslust-Parchim im Vorjahr rund 235 000 Schweine gehalten wurden. Eine Mast-Industrie brauche das Land nicht, meint er. Über langfristige  Auswirkungen macht er sich Sorgen: „Wir zahlen nur die Zeche.“

Kindler befürchtet auch, dass  die kleinen Landwirte, die heute auf den Dörfern wirtschaften, durch den Großbetrieb ein Problem  bekommen.  Die meisten Nachbarn stören sich heute nicht daran, wenn ein Misthaufen stinkt. Aber wie wird das, wenn wegen der industriellen Schweinemastanlage in Dargelütz etliche große Laster mit Gülle durch Grebbin rollen?

 

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