Archäologie : Jede Menge interessante Funde

Archäologe Rolf Schulze (l.) im Fachgespräch mit Ramona Ramsenthaler und Detlef Nagel
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Archäologe Rolf Schulze (l.) im Fachgespräch mit Ramona Ramsenthaler und Detlef Nagel

Ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger aus der Region kümmern sich um fast vergessenes Erbe

svz.de von
22. März 2016, 12:00 Uhr

Wie bereits Ende letzten Jahres trafen sich dieser Tage mehr als ein Dutzend Mitglieder und Freunde der regionalen Kulturbund-Fachgruppe für Ur- und Frühgeschichte nahe des Dörfchens Kritzow zu einem Arbeitseinsatz, der ehrenamtliche Bodendenkmalpflege wörtlich nahm. Der trockene und heitere Vorfrühlingstag hielt nach zwei höchst effektiven Aufräum-Stunden zur Beseitigung von Windbruch an einem 700 Jahre alten frühdeutschen Turmhügel aber noch mehr Erfreuliches für die Hobby-Archäologen bereit.

Auf einen telefonischen Tipp von Rolf Schulze hin, entschloss sich der größte Teil der Gruppe gegen Mittag noch zu einer spontanen Feldbegehung bei Siggelkow. Hier hatte der in der Gegend bereits seit Wochen forschende Magister der Archäologie (SVZ berichtete) beim Kontrollieren bekannter Fundplätze im Umfeld der aktuell von Parchim südwärts verlegten Windenergietrasse einen frisch umgepflügten Acker entdeckt und den betreffenden Landwirt kontaktiert.

Es sei zu erwarten, dass mit dem Pflug Relikte einstiger Hofstellen jenseits des heutigen Ortsrandes zu Tage gefördert wurden, erklärte der erfahrene Grabungsleiter im Auftrag des Landesamts für Kultur und Denkmalpflege MV. Rolf Schulze wusste sich dabei sachkundigen und überaus engagierten Partnern aus der Region gegenüber, welche den Profis schon oft hilfreich unter die Arme gegriffen hatten, wenn es darum ging, das Erbe menschlichen Tuns längst vergangener Zeiten aufzuspüren und vor unabwendbarer Zerstörung zu bewahren. Hier nahe des Dorfes seien vor allem Überreste jener aufgegebenen Haushalte zu erwarten, deren Grundrisse in Luftbildern noch zu erkennen seien, meinten Rolf Schulze aber auch die Fachgruppen-Aktivisten Ramona Ramsenthaler und Detlef Nagel, die bei dieser Gelegenheit ihre Erfahrungen gern weitergaben. Zu den Neulingen zählten nicht nur Corina und Ralf Tiedemann mit Söhnchen Luca (9 Jahre) aus Ludwigslust, sondern auch ein Paar syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge.

Alle gemeinsam suchten bald systematisch die Ackerkrume mit den Augen ab und bückten sich bei allem Ungewöhnlichen, wobei nicht so leicht zu unterscheiden war: Was ist womöglich eine Scherbe grauer Irdenware (typische Gebrauchskeramik des Mittelalters), ein Stück etwas dickwandigerer aber ebenso unauffällig gefärbter Slawen-Töpferei oder doch nur ein Allerweltsstein?

Gänzlich unerwartet gerieten aber ein paar Steine doch noch in den Fokus der Aufmerksamkeit – nicht nur wegen ihrer für Feuerstein relativ seltenen Rotfärbung, sondern wegen anscheinender Bearbeitungsspuren, die möglicherweise steinzeitlichen Menschen zuzuordnen wären. Das wiederum würde durchaus zur bereits durch Großstein- und Hügelgräber aus der Bronzezeit (vor ca. 3000 Jahren) belegten uralten Besiedlungsgeschichte Siggelkows passen.

Als sich schließlich die Frühlingssonne schon merklich dem westlichen Horizont zuneigte, hatte die Gruppe Hobbyarchäologen jede Menge Interessantes eingetütet und jedes einzelne Stück akribisch den GPS-Daten seines jeweiligen Fundortes zugeordnet. Zur „Ausbeute“ dieser Feldbegehung zählten neben der bereits erwähnten Keramik auch eine historische Kleinmünze vom Anfang des letzten Jahrhunderts und ein besonders schöner „Daumen“.

Was auf den ersten Blick tatsächlich wie der fast lebensgroße Daumen einer rötlichen Tonfigur aussah, entpuppte sich übrigens als gut erhaltener Grapenfuß. Der kleine Luca hatte das typische Stück – einst Standfuß eines gern auch direkt ins offene Feuer gestellten Kochtopfes – entdeckt und sogar richtig identifiziert. Denn der aufgeweckte Junge hatte offenbar sehr gut aufgepasst, als er mit seinen Eltern kürzlich beim Säubern derartiger archäologischer Fundstücke zugesehen und sogar geholfen hatte. Derlei Erfolgserlebnisse in der aufgeschlossenen Gemeinschaft Gleichgesinnter bescheren der Fachgruppe Ur- und Frühgeschichte erfreulichen Zulauf, wie Leiterin Ramona Ramsenthaler lächelnd bestätigt. „Und zwar nicht nur für Schönwetteraktionen wie heute!“ Doch die Fachgruppenarbeit bestehe keineswegs nur aus (insbesondere bei Rettungsgrabungen) mehr oder weniger schmutzigen Hilfsarbeiten für die professionelle Archäologie des Landes. Die Fachleute revanchierten sich u.a. mit Vorträgen und Präsentationen ihrer Arbeit bzw. populärwissenschaftlichen Führungen.

Neben den turnusmäßigen und für Gäste offenen Herbst- und Frühjahrsexkursionen zu interessanten Bodendenkmälern aber auch Ausstellungen in der näheren und weiteren Region unternimmt die Fachgruppe sogar ausgesprochen aufwändige Bildungsreisen wie gerade über fünf Tage kreuz und quer durch das seiner Siedlungsgeschichte sehr aufgeschlossene Dänemark.

Im Eindruck dieser unvergesslichen Erlebnisse unterschrieben die Hobbyarchäologen übrigens geschlossen jene Petition der Initiative IPAL, welche für MV ein längst überfälliges Archäologisches Landesmuseum fordert.

Außerdem fanden sie im Siggelkower Dorfladen die Unterschriftenlisten zur Rettung der Mecklenburger Südbahn vor und trugen sich spontan ein, auch weil sie aus erster Hand von den Schwierigkeiten Hamburger Archäologiestudenten erfahren hatten, die hiesigen Forschungsplätze wie Siggelkow und insbesondere das für den Sommer wieder zur Grabung avisierte Karbow-Vietlübbe zu erreichen.

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