Parchim : In Mecklenburg in jeder Hinsicht zuhause

Dr. Joachim Hesse im Gespräch mit Patientin Hannelore Wendt.
Dr. Joachim Hesse im Gespräch mit Patientin Hannelore Wendt.

Dr. Joachim Hesse ist seit zehn Jahren als niedergelassener Arzt in Parchim tätig . Zukunft der hausärztlichen Versorgung im ländlich geprägten Raum bereitet ihm Sorgen

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05. August 2016, 05:00 Uhr

„Gut, dass es ihn gibt.“ Mit einem Satz, der alles sagt, beschreibt Hannelore Wendt ihr Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt. Die Parchimerin ist Tumorpatientin und macht gerade eine zehrende Behandlungsphase durch. Bevor Schwester Franziska Greiffenberg sie im onkologischen Therapieraum für die Infusion vorbereitet, nimmt sich Dr. Joachim Hesse Zeit für ein persönliches Gespräch, wertet Befunde aus, bereitet sie auf die Nebenwirkungen vor, spricht ihr Mut zu…

Seit nunmehr zehn Jahren ist Dr. Joachim Hesse in Parchim als niedergelassener Arzt tätig. Als sich im Jahr 2006 die Chance ergab, in der Eldestadt eine vakant werdende Internistische Praxis an einem Standort mit einer jahrzehntelangen medizinischen Tradition zu übernehmen, war das für den Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Hämato-/ Onkologie genau der passende Zeitpunkt, wieder nach Mecklenburg zurückzukehren. Nach Parchim, wo er aufgewachsen ist.

Geboren vor 48 Jahren in Weimar, kam seine Familie in die Eldestadt, als er vier Jahre jung war: Sein Vater Dr. Peter Hesse schrieb in Parchim als langjähriger Leiter der Abteilung für Innere Medizin und von 1990 bis 2003 als Ärztlicher Direktor Krankenhaus-Geschichte. Vorgelebt zu bekommen, wie der Vater, davor schon der Großvater, ihren Beruf mit Leidenschaft ausgeübt und sich mit ihrer Arbeit wohl gefühlt haben, habe natürlich auch auf ihn „abgefärbt“.

Joachim Hesse gehörte aber nicht zu denen, die sich „schon immer“ ihrer Berufung klar waren: Für den Abiturweg entschied er sich zum Beispiel erst in der 9./10. Klasse. Und bis zur 11. Klasse liebäugelte er viel mehr mit einem Chemiestudium. Im Rückblick betrachtet ist er echt froh, zum Abijahrgang 1986 gehören zu dürfen: Die Klasse pflegt bis heute einen regelmäßigen Kontakt mit Wiedersehen in Fünfjahres-abständen. Das jüngste Treffen liegt erst wenige Wochen zurück. „Und wir verstehen uns heute noch wie vor 30 Jahren.“


In Jena studiert und den Facharzt gemacht


Das Medizinstudium absolvierte Joachim Hesse von 1989 bis 1995 in Jena. Den Studienort wählte er als Reminiszenz an seine thüringischen Wurzeln. Dem schloss sich die eineinhalbjährige Zeit als Arzt im Praktikum an der Uniklinik Jena an, wo er sich vor allem auf die Fachrichtung Endokrinologie konzentrierte.

2002 beendete Dr. Joachim Hesse seine Facharztausbildung, um sich dann weiter in das Spezialgebiet der Hämatologie und Onkologie zu vertiefen, eine Teildisziplin der Inneren Medizin, die er ganz persönlich seit langem auf dem Schirm hatte: Sie beschäftigt sich mit Erkrankungen des Blutes, der Lymphknoten sowie bösartigen Tumoren wie Brust- und Lungenkrebs. Als der Stationsarzt („Ich habe immer gerne klinisch gearbeitet“) dann vor zehn Jahren die Möglichkeit sah, seine beruflichen Weichen neu zu stellen, entschied er sich für die berufliche Selbstständigkeit - in Mecklenburg.

Doch der Anfang in Parchim war steinig: Hürden und Reglementarien, mit denen niederlassungswillige Ärzte konfrontiert werden, sieht er als Hemmschuh. Er selbst hat sich erfolgreich dagegen gewehrt. Dass die Hausarzt-Situation im Lande derzeit so ist wie sie ist, nämlich katastrophal, sei eine lange absehbare Entwicklung, ist er sich mit vielen Berufskollegen einig. Vor allem ärgert ihn, dass es so gut wie keine Anreize für jungen Berufsnachwuchs gibt, sich in ländlich geprägten Regionen niederzulassen. In den zurückliegenden Jahren sei auf diesem Gebiet vieles verpasst worden, das Ergebnis sind Überalterung, Ärztemangel, keine Nachfolger in Sicht. Dr. Joachim Hesse selbst hat sich vor dreieinhalb Jahren einen internistischen Fachkollegen mit ins Boot geholt, den er bereits zu Zeiten an der Uniklinik in Jena schätzen gelernt hat: Seit 2013 betreiben Dr. Joachim Hesse und Dr. Alexander Kademann in Parchim eine Gemeinschaftspraxis, die sich neben der umfangreichen hausärztlichen Versorgung auf die Behandlung von Diabetikern, auf Tumorpatienten sowie auf die Behandlung von Patienten mit Magen-Darm-Problematiken spezialisiert hat. Etwa ein Drittel der Patienten kommen auf Überweisung.

Mit zwei festen Sprechstunden in der Woche ist auch Vater Dr. Peter Hesse noch in der Praxis tätig, der außerdem viele Hausbesuche übernimmt und damit den Praxisalltag deutlich entlasten hilft. Mit einem Team von sieben Schwestern sei es das Anliegen der Ärzte, den Patienten eine Rundumversorgung zu ermöglichen. Das schließt sogar die Übernahme von Telefonaten mit ein: „Jeder Patient soll wissen, wie es mit ihm weitergeht und was ihn erwartet“, lautet der Anspruch von Dr. Hesse.


In diesem Frühjahr neue Praxis bezogen


Gleichermaßen groß ist die Freude bei Mitarbeitern und Patienten über die zum 11. Mai bezogenen neuen Praxisräume in der Parchimer Südstadt mit insgesamt acht Therapieplätzen im Onkologischen Bereich. Nachdem einerseits der Sanierungsbedarf am alten Standort immer offenkundiger wurde und die Anzahl der Funktionsräume einfach nicht mehr ausreichte, entschied man sich, ein Objekt anzumieten, das komplett neu, barrierefrei gebaut wurde und in dessen Planung die Wünsche der künftigen Nutzer mit einflossen – einschließlich Parkplatz vor der Tür. Honoriert wurde dieser Schritt mit vielen lobenden Worten von den Patienten: „Es ist so schön hell und freundlich hier“, findet Hannelore Wendt.


Region attraktiv halten für Berufsnachwuchs


Dr. Joachim Hesse hat den Schritt, sich als Arzt in Parchim niederzulassen, in zehn Jahren nicht ein einziges Mal bereut. „Ich liebe Mecklenburg, ich könnte mir wirklich nicht mehr vorstellen, in einem anderen Bundesland zu leben“, gesteht der Vater einer Patchworkfamilie mit vier Kindern zwischen 10 und 29 Jahren. Er mag die Mentalität der Menschen hier, findet es zum Beispiel toll, was solche Leute wie die Betreiber der Eldeterrassen, des Watergate, vom Papillon oder am Brunnencafe für die Region auf die Beine stellen. Die Umgebung von Parchim biete so viel, dass man gar nicht weit wegfahren müsse, um es schön zu haben. „Jongleuren, die mit Millionen hantieren und Luftschlösser entwerfen“, steht er offen skeptisch gegenüber. „Ich hoffe, dass solche Luftblasen platzen“, spielt er auf die gigantischen Pläne für den Parchimer Airport an, deren Umsetzung seiner Meinung nach einen Identitätsverlust für unser Land nach sich ziehen würde.

Beruflich macht er sich schon Gedanken, wie es angesichts des (Haus)Ärztemangels künftig gelingen kann, jedem Patienten die Zeit zu widmen, die er benötigt: „Wenn das nicht mehr geht, macht es keinen Spaß mehr, Arzt zu sein.“ Seine Hoffnung, mit neuen Hausarztkollegen an der Seite die Versorgung der Patienten auch in Zukunft leisten zu können, verbindet er mit dem Appell an die politischen und kassenärztlichen Entscheidungsträger, die Region einerseits attraktiv zu halten für Ansiedlungswillige. Andererseits solle man Ärzte das machen lassen, wozu sie sich berufen fühlen und was sie können.
 

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