Parchimerin Pilgert : In eine neue Lebenszeit gepilgert

Sabine Ritter unterwegs auf dem Jakobsweg. Die Parchimerin plant für das kommende Jahr eine weitere Tour. Fotos: privat
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Sabine Ritter unterwegs auf dem Jakobsweg. Die Parchimerin plant für das kommende Jahr eine weitere Tour. Fotos: privat

Heute vor einem Jahr war Sabine Ritter auf dem Jakobsweg unterwegs / Ihr Fazit: „Ich könnt schon wieder pilgern gehn“

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10. April 2017, 12:00 Uhr

Wo Sabine Ritter heute vor einem Jahr war? Da war der Weg das Ziel und sie gerade zu Fuß unterwegs von Rates nach Barcelos in Portugal. Gerade in diesen Tagen sind die Erinnerungen wieder besonders gegenwärtig, an das große Abenteuer, auf das sie sich gemeinsam mit ihrer damaligen Arbeitskollegin Heike Glowalla einließ. Zusammen pilgerten sie auf dem Campino Português von Porto nach Santiago de Compostela.

Für Sabine Ritter war diese Tour im April vergangenen Jahres zugleich eine Reise in einen neuen Lebensabschnitt, den sie nun seit zwölf Monaten in vollen Zügen und ausgefüllt mit vielen Aktivitäten genießt. Die Parchimerin pilgerte damals im wahrsten Sinne des Wortes in die Rente: Innerhalb von knapp drei Wochen legten sie und ihre Pilgergefährtin etwa 350 Kilometer zurück. Sie übernachteten in 18 verschiedenen Unterkünften, verbrachten zwei unvergessliche Tage an der Atlantikküste, lernten Menschen aus aller Herren Länder kennen, die sie unterwegs sogar mehrfach wiedertrafen. Als Erinnerung im Herzen bleibt ihr vor allem die überall auf dem Weg erlebte Gastfreundschaft der Einheimischen haften. Zum Beispiel in der „Casa Fernanda“, einer privat betriebenen Herberge, in der allabendlich bis zu zehn Pilger zum Teil der Gastgeberfamilie werden, sich gemeinsam am großen Küchentisch versammeln, liebevoll bewirtet und mit einem selbst hergestellten guten Tropfen verwöhnt werden.

Zu einem Schlüsselerlebnis gleich zu Beginn der Tour wurde eine Situation, in der die beiden Pilgerinnen zwei Kilometer vor dem Tagesziel einfach nicht mehr weiter konnten und Hilfe erfuhren. „Da wusste ich, uns kann nichts passieren“, sagt Sabine Ritter. Mit dieser Zuversicht besiegten sie auch den größten Feind eines jeden Wanderers: Dauerregen. Als nach zwei Tagen alle Sachen am Körper und im Rucksack nur noch nass und klamm waren, blieb ihnen – ganz pragmatisch gesehen – nichts weiter übrig, als das Pilgermenü am Abend im Schlafanzug einzunehmen. Und niemand scherte sich darum.

„Eigentlich wollte ich immer von meiner ersten Rente nach Thüringen laufen“, lacht die gebürtige Vogtländerin, die als Landwirtschaftsstudentin 1970 eine neue Heimat in Mecklenburg fand und seit 1974 gern in Parchim zuhause ist, wo auch ihre beiden Kinder zur Welt kamen. Ja, sie sei schon eine leidenschaftliche zügige Fußgängerin, gesteht Sabine Ritter. Das hat sicher auch damit zu tun, dass sie in den letzten vier Jahren ihres Berufslebens im Großhandel im Außendienst tätig war und in dieser Zeit Fahrkilometer in gigantischen Größenordnungen zurücklegte. Wandern sei einfach der perfekte Ausgleich für sie.

Eine ihrer „Hausstrecken“ ist das Buchholz, wo sie jetzt zum Frühjahr hin an manchen Tagen gute 16 Kilometer als Trainingseinheit zurücklegt, um im Tritt zu bleiben und sich für die Walkingdistanz beim Darßer Halbmarathon am Wochenende nach Ostern zu wappnen.Als Freundin schneller Entscheidungen legte sich Sabine Ritter damals spontan fest, als sie von den Urlaubsplänen ihrer Arbeitskollegin hörte: Pilgern? „Da komme ich mit“, reagierte sie aus dem Bauch heraus. Mit jeweils ca. acht Kilogramm Marschgepäck im Rucksack, Mut und Wanderkarte machten sich die beiden auf den Weg, der sich im Nachhinein als „wunderbar geeignet“ für sie als Einsteiger herausstellte, weil er vom Höhenprofil her unkompliziert zu meistern und im Frühjahr noch nicht übermäßig frequentiert ist. Ihr wertvollstes Gepäckstück wog federleichte 109 Gramm: Ein Notizbuch, das ihre Freundin Christine ihr – liebevoll versehen mit aufmunternden Worten – mit auf den Weg gegeben hat.

Gerade in diesen Tagen hat Sabine Ritter ihr Reisetagebuch wieder mehrfach in die Hand genommen: „Dass ich mir mit dieser Tour einen so schönen und bewussten Übergang in eine neue Lebenszeit gestalten konnte, dafür bin ich sehr dankbar. Ich könnt schon wieder pilgern gehn“, schwärmt die dreifache Oma. In diesem Jahr verwirklicht sie sich aber erst einen anderen lange gehegten Traum. Sie möchte die Zugspitze erwandern.

Für ihre Tour im nächsten Jahr auf dem Camino Francés von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Compostela freut sie sich noch über interessierte und tolerante Mitwanderer.

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