Die Sache mit der Inklusion : Immer wieder neue Hürden

Gemeinsame Lesezeit: Susanne Lehmann,  Karsten Hagen, Lea Burmeister Fotos: Schule Marnitz
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Gemeinsame Lesezeit: Susanne Lehmann, Karsten Hagen, Lea Burmeister Fotos: Schule Marnitz

Mutter behinderter Zwillinge, deren Förderstunden gekürzt wurden, fühlt sich vom Land im Stich gelassen

svz.de von
20. Dezember 2013, 20:12 Uhr

Im Hause Hagen-Schwank herrscht Weihnachtsvorfreude: Vor allem die 13-jährigen Zwillinge Karsten und Lukas konnten den letzten Schultag in diesem Kalenderjahr am gestrigen Freitag kaum erwarten, nachdem sie vor wenigen Tagen schon die Zahn-Operation prima überstanden haben. Weit weniger euphorisch und mal wieder um neue ernüchternde Erfahrungen reicher, sehen die Eltern der beiden aufgeweckten Jungs dem Jahreswechsel entgegen. Sie machen sich große Sorgen, dass sich die zum Schuljahresbeginn 2013 vom Schulamt in Schwerin verordnete drastische Kürzung der Förderstunden für ihre beiden am gemeinsamen Unterricht teilnehmenden Kinder negativ auf deren weitere Entwicklung auswirkt: Bekamen Karsten und Lukas, die körperlich und geistig behindert sind, in der 5. Klasse noch jeweils 6 Stunden in der Woche speziellen, individuell erteilten Förderunterricht durch eine Sonderschulpädagogin, sind es seit diesem Sommer nur noch 3 Stunden. Eine Streichung von 50 Prozent! Die Mutter der betroffenen Kinder, Kerstin Hagen-Schwank, ist maßlos entrüstet: „Das ist einfach nur traurig“, wirft Kerstin Hagen-Schwank der Politik vor, Inklusion zu predigen, aber gar nicht den nötigen Rahmen dafür zu schaffen. Im Gegenteil: „Erst wird etwas aufgebaut, dann wieder weggerissen“, findet sie es unfassbar, dass die sonderpädagogische Einzelförderung nicht am individuellen Bedarf der betreffenden Schülerpersönlichkeiten fest gemacht wird.

Das zähe Ringen um die Interessen ihrer Kinder hat Kerstin Hagen-Schwank von dem Tag an gelernt, als ihre Söhne vor 13 Jahren mit einem Handicap auf die Welt kamen. Seitdem meistern Hagen-Schwanks einen Alltag, in dem die Familie immer wieder neue Hürden überwinden muss, um ihren Kindern die Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen. Teilhabe an der Gesellschaft hieß und heißt für Kerstin Hagen-Schwank vor allem auch gemeinsamer Unterricht mit Kindern ohne Handicap in einer Schule möglichst in Wohnortnähe. Diese fanden die Eltern 2008 in Matzlow, wo Karsten und Lukas ihre vierjährige Grundschulzeit verlebten und optimal auf den nächsten Lebensabschnitt vorbereitet wurden, der sie im Sommer 2012 an die Regionale Schule Marnitz führte. „Der Übergang klappte reibungslos“, unterstreicht Kerstin Hagen-Schwank, zumal die Integrationshelferin, die die Jungs bereits vom ersten Schultag im Sommer 2008 an begleitet, und Sonderschulpädagogin Birgit Dausch, die für Karsten und Lukas ebenfalls zur engen Bezugsperson geworden war, mit nach Marnitz „wechselten“. Zwar gab es 2012 noch bis kurz vor Beginn des Schuljahres eine Zitterpartie um die Übernahme der Fahrkosten in voller Höhe durch den Landkreis, doch für die Eltern von Karsten und Lukas zählte vor allem eines: Schon vor dem ersten Schultag habe die Schulleiterin die Familie in einem Brief wissen lassen, dass man sich der besonderen Situation der Kinder bewusst sei und alles Erdenkliche tun werde, um ihre Entwicklung und Selbstständigkeit weiterhin zu fördern. „Und das geschieht tagtäglich“, lobt Kerstin Hagen-Schwank das Marnitzer Lehrerteam, die einfühlsame Arbeit von Klassenlehrerin Katrin Karger und das Zusammenwirken mit der Sonderschulpädagogin. „Meine Kinder lieben diese Schule und fühlen sich in ihrer Klasse voll integriert“, kann Kerstin Hagen-Schwank nur immer wieder unterstreichen. Doch sie sieht auch, dass die Reduzierung der Stunden für den gezielten Förderunterricht bereits negative Auswirkungen hat und dass das bei allem Engagement – auch über das normale Maß hinaus – von der Klassenlehrerin oder den Fachlehrern nicht zu kompensieren ist. Vor allem Karsten habe schon wenige Wochen nach Beginn des neuen Schuljahres an Motivationsbereitschaft verloren, weil ihm weniger gelingt, schildert die Mutter der Zwillinge. Sie befürchtet, dass dieser Einschnitt für die künftige Schullaufbahn von Karsten und Lukas bedeutet, dass Ressourcen ihrer Kinder unausgeschöpft bleiben, ihr Leistungsvermögen nicht maximal abgerufen werden kann. „Das finde ich ungerecht“, sagt Kerstin Hagen-Schwank. Die Ankündigung von Bildungsminister Brodkorb, im nächsten Schuljahr das sonderpädagogische Personal an den Schulen in MV aufstocken zu wollen (SVZ berichtete), empfindet sie als schwachen Trost: „Erfolge brauchen ihre Zeit, diese hat man meinen Kindern genommen und das wird nicht mehr aufzuholen sein.“


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