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Parchim : Ideen vorgestellt fürs Giebelhaus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bauforscher und Architekt informierten über Untersuchungen für das 400 Jahre alte Gebäude und Projekt mit den Lewitzwerkstätten

Vor 400 Jahren war das Giebelhaus für die reiche Elite von Parchim errichtet worden. Künftig soll es ein Domizil für Menschen werden, die über Jahrhunderte nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen: für Behinderte. Die Lewitzwerkstätten planen auf dem Areal u.a. eine Beratungsstelle der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, eine Tagesstätte, eine psychosoziale Wohngruppe für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen, ein Wohnheim für Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen.

Über die neue Chance zur Belebung des Areals hatte SVZ bereits in der vergangenen Woche berichtet. Seit Sonnabend, dem Tag der Städtebauförderung, präsentiert Parchim das Projekt für die Öffentlichkeit. Im Foyer des Stadthauses wurde eine Ausstellung eröffnet, die sich zum größten Teil dem Giebelhaus und seiner künftigen Nutzung widmet. Hier erfahren Bürger noch bis Mitte Juni mehr zur Geschichte des Hauses und dem Projekt. Am Sonnabend nutzten Parchimer Führungen mit den Planern durch das Giebelhaus.

Architekt Frank Kirsten erinnerte, dass das Haus seit fast 20 Jahren leer steht. Es gab viele Versuche, es einer Nutzung zuzuführen. Die Idee, hier das Museum unterbringen, scheiterte an der Finanzierung, der Plan für eine Nutzung durch die Verwaltung fand keine politische Zustimmung. Jetzt gebe es einen neuen Anlauf. Die aktuellen Pläne, das Areal einer sozialen Nutzung zuzuführen, umfassen sowohl das Giebelhaus aus dem Jahr 1604 als auch das Nachbargebäude Marstall 1 (von 1877) und weitere Flächen. Die Planer gehen von Investitionen von 3,8 Millionen Euro aus.

„Wir wollen mit dem Haus möglichst schonend umgehen“, erklärte Frank Kirsten. Zusammen mit Bauforscher Jakob Scharf gab er bei Führungen Einblicke in das Giebelhaus. Schon von der Lage gegenüber vom Rathaus und auch von der Architektur war es im Spätmittelalter das erste Haus am Platze, so der Architekt: quasi das Spiegelbild zum Rathaus und erbaut von einem Bürgermeister, Ratsherren und Kaufmann.

Jakob Scharf hat u.a. die Fachwerkkonstruktion aus Eiche untersucht. Es stellte sich heraus, dass das Gebäude offenbar nach hinten – zum heutigen Marstall 1 – weiterführte. Man geht davon aus, dass das Giebelhaus ein Seitengebäude hatte, eine Kemlade. So hieß der separate Wohnbereich der Kaufmannsfamilie, während das Giebelhaus zur Bauzeit wohl zunächst nur als Geschäftshaus diente. Später zogen die wohlhabenden Familien in das Vorderhaus.

Bei der Erforschung stellte sich auch heraus, dass es eine Diele gegeben hat, wie sie heute nach aus Giebelhäusern in Lübeck bekannt ist. Es handelt sich um einen Raum in der Mitte über zwei Stockwerke. Hier hinein rollten die Fahrzeuge der Kaufleute. Von innen wurden die Waren früher bis in das riesige Lager unter das Dach gezogen. Das lässt sich im Giebelhaus nachweisen. Erst später erfolgte das Ein- und Auslagern über einen Aufzug von außen.

Das mit massiven Eichenbohlen ausgestattete mehrstöckige Dachlager wie auch den Gewölbekeller konnten sich Besucher ebenfalls bei der Führung anschauen. Der Dachraum soll nicht ausgebaut werden. Es ist angedacht, dass auch die neuen Nutzer Führungen bis unter das Dach ermöglichen. Hier zu sehen ist auch ein großes Rad, das zum Güteraufzug gehörte. Ursprünglich muss das Giebelhaus mit Reet gedeckt worden sein, sagt der Bauforscher. Doch relativ schnell wurde das durch feuerfeste, allerdings auch teurere Ziegel abgelöst. Apropos teuer: Ein Raum im Obergeschoss hat einen für das Spätmittelalter sehr aufwendigen Steinfußboden und besaß einst auch ein sehr breites Fenster. Dabei war Glas Luxus. Es könnte die Schreibstube gewesen sein, ist eine Vermutung von Jakob Scharf.

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erstellt am 23.Mai.2016 | 12:00 Uhr

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