Ein Stuhl für Parchim : Hundrich: „Das ist Euer Platz!“

Mit Farbe und Quast...
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Mit Farbe und Quast...

Bildhauer reagiert nach Vandalismus Ein neues Kunstprojekt lädt zum Mitmachen ein.

svz.de von
11. Dezember 2013, 16:58 Uhr

Auf dem weiß getünchten Betonsockel steht einsam Stuhl und darunter der handgeschriebene Satz „Das ist Euer Platz“. Die Passanten, die gestern an der Stadthalle in der Putlitzer Straße vorbei schlenderten, staunten nicht schlecht. Noch vor sechs Wochen gab es an gleicher Stelle die nicht zu übersehende Skulptur „Lichtblick“ des international bekannten Künstlers W. H. Hundrich. In der Nacht zum 2. November haben bislang unbekannte Täter das symbolträchtige Werk – das an den erfolgreichen Kampf der Parchimer für den Erhalt des Kreisstadtstatus erinnern soll – vom Sockel gestoßen. Als Hundrich die Nachricht in Spanien erreichte, war er zunächst sprachlos. Das sollte sich aber schnell ändern.

Auf Hundrichs Reaktion mussten die Parchimer nicht lange warten: „Der Nacht- und Nebelaktion der Vandalen wird eine Tag- und Nebelaktion folgen“, so seine vielversprechende Ankündigung gegenüber unserer Redaktion. In dieser Woche hat er sich in den Flieger gesetzt, um in Parchim die Pläne in die Tat umzusetzen. Sein erster Weg führte ihn ins Rathaus zu Bürgermeister Bernd Rolly. „Ich bin dankbar, dass die Kreisstadt für die Kunst die Türen weit öffnet“, betont W. H. Hundrich.

Danach ging es gleich zur Sache. Der Künstler macht sich mit Farbe und Quast auf den Weg zum verwaisten „Lichtblick“-Sockel vor der Stadthalle. Minuten später ist der weiß getüncht. Hinein in die noch frische Farbe schreibt Hundrich den Satz „Das ist Euer Platz“. Als Krönung stellt er einen Stuhl, der (zur Sicherheit) mit einer Kordel befestigt wird, auf den Sockel.

„Das ist mein Angebot an die Parchimer. Stellt Euch auf den Sockel, blickt auf Eure Stadt oder setzt Euch einfach hin und habt Spaß dran“, so die Botschaft von W. H. Hundrich. „Es ist ein demokratisches Kunstwerk. Befürworter und Kritiker können sich gleichermaßen angesprochen fühlen. Ich halte auch nach der Beschädigung nichts vom ,moralischen Zeigefinger’, der üblicherweise in solchen Fällen erhoben wird“, stellt er klar. Für ihn beginnt nun eine spannende Zeit. Wie werden die Passanten – jung und alt – reagieren? Wie lange wird der Stuhl dort stehen? Hundrich ist Realist: „Wen jemand meint, den Stuhl mitnehmen zu müssen, wird vielleicht ein anderer einen neuen bringen.“ Schon bei der Suche nach einem geeigneten Sitzmöbel habe man ihm viel Unterstützung angeboten.

Für W. H. Hundrich würde ein Traum in Erfüllung gehen, wenn aus dem Platz vor der Stadthalle ein kleiner „Speakers´ Corner“ (übersetzt: „Ecke der Redner“) würde. 1872 hatte das Parlament in England den Beschluss gefasst, dass am Ende des berühmten Hyde Park in London jedermann zu jedem beliebigen Thema sprechen oder mit Passanten diskutieren kann. „Warum sollte das nicht auch den Parchimern gefallen“, meint Hundrich. Sollte sein Angebot Anklang finden, könnte der hölzerne Stuhl durch ein Modell aus Bronze ersetzt werden. Für die Parchimer ist es auf jeden Fall wieder ein „Lichtblick“.



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