Wirtschaft : Hier grasen die Kühe auf der Weide

Selten gewordenes Bild auf den Dörfern: In Ziegendorf grasen Milchkühe auf der Weide.  Fotos: Michael Beitien
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Selten gewordenes Bild auf den Dörfern: In Ziegendorf grasen Milchkühe auf der Weide. Fotos: Michael Beitien

Ziegendorfer Agrarbetrieb gehört zu den größten Lieferanten von Biomilch im Land / Bundesweite Vermarktung in Supermärkten

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07. August 2015, 12:44 Uhr

Seltenes Bild in Mecklenburger Dörfern: In Ziegendorf grasen Milchkühe. Sie gehören Landwirt Dr. Frank Paaß. Er ist einer der größten Biomilchproduzenten in Mecklenburg-Vorpommern. Rund 2,4 Millionen Liter Okö-Milch liefert sein Betrieb APZ Agrar-Produkt-Ziegendorf pro Jahr an die Arla-Molkerei in Upahl (früher Hansano). Die verarbeitete Milch findet sich bundesweit als „Arla Bio Weidemilch“ in Supermarktregalen.

320 Milchkühe stehen in Ziegendorf, dazu noch einmal etwa die gleiche Zahl von Jungtieren. Letztere sind in mehreren Herden auf den Weiden verstreut, während sich die Kühe, die gemolken werden müssen, in Stallnähe befinden. Tagsüber grasen sie auf Grünland im Freien.

Die Weidehaltung für die Bio-Kühe ist eine Auflage von Arla, sagt der Ziegendorfer Landwirt. Paaß ist überzeugt, dass dies auch für die Tiergesundheit besser ist. Studien hätten ergeben, dass es weniger Gelenk- und Klauenkrankheiten gibt.

Der Ziegendorfer Landwirt kann Biomilch und konventionell produzierte Milch im Geschmack nicht unterscheiden. Der Unterschied liegt im Herstellungsprozess – vor allem in der Futterproduktion, erklärt er. Er dürfe beispielsweise keinen chemisch-synthetischen Dünger und keine Pflanzenschutzmittel einsetzen. Die Ziegendorfer nutzen nur den Dung der eigenen Tiere oder produzieren Futter, das ohne zusätzlichen Dünger heranwächst.

Da durch den Verzicht auf Dünger weniger Erträge erzielt werden, benötigen Biobauern doppelt so viel Fläche pro Kuh, erklärt Paaß. Auch beim Zukauf von Futterkomponenten seien die Biobauern eingeschränkt. Sie dürfen keinen Sojaschrot verwenden, weil dieser genetisch verändert ist, und setzen deshalb beim zusätzlichen Eiweiß beispielsweise auf Lupinen.

Anders als bei konventionellen Erzeugern ist auch: Die Kälber müssen in den ersten drei Monaten mit Vollmilch gefüttert werden. Milchpulver ist tabu. In Ziegendorf erhalten die Jungtiere zu 100 Prozent Biomilch. Ein weiterer Unterschied: Bio-Kühen steht mehr Platz im Stall zu als konventionell gehaltenen Kühen.

Je nach Witterung versucht Paaß seine Herden bis zu neun Monate auf der Weide zu halten, die kalte Zeit im Winter kommen sie in den Stall und werden mit Silage und Futter versorgt, das auf den Öko-Flächen des Agrarbetriebes produziert wird.

Letztlich werde bei Bio der Herstellungsprozess verkauft, sagt Paaß. Es gehe um das gute Gefühl, das Kunden haben, wenn sie ein ökologisches Produkt kaufen.

Anders als konventionelle Erzeuger muss Paaß nicht mit dem Weltmarkt konkurrieren. Es wird nur für den deutschen Markt produziert, sagt der Landwirt. Und was die Biobauern in Deutschland liefern können, reicht noch lange nicht aus. Deshalb wird beispielsweise auch in Mecklenburg-Vorpommern zusätzlich Bio-Milch aus Skandinavien verarbeitet.

Laut Arla, wo die Milch von Paaß vermarktet wird, setzen Verbraucher weltweit vermehrt auf Bio-Produkte. Das bedeute für Arla Foods, als aktuell größte Bio-Molkerei der Welt, dass in den kommenden beiden Jahren bis zu 250 Millionen Kilogramm mehr Biomilch für die Kern- und Wachstumsmärkte benötigt würden. Diese Milch soll insbesondere aus Zentraleuropa (Deutschland, Niederlande, Belgien und Luxemburg), Dänemark und Schweden stammen. Das Unternehmen wirbt darum, dass aktuelle Genossenschaftsmitglieder ihre Produktion erweitern und sich neue Lieferanten finden, die mit Arla einen Vertrag abschließen. Zwei Jahre dauere es, um von konventioneller Milcherzeugung auf Bio-Produktion umzustellen.

Arlas Geschäftsführung hat entschieden, den Bio-Zuschlag für seine Genossenschaftsmitglieder seit diesem Frühjahr um zwei Eurocent anzuheben. Aktuell bekommt der Erzeuger einen Zuschlag von bis zu 13 Eurocent je Kilogramm auf den konventionellen Milchpreis.

Der Milchpreis macht den konventionellen Bauern momentan große Sorgen. Die Misere zeigt dieser Vergleich: Fünf Liter Milch muss ein Landwirt verkaufen, um sich einen Liter Diesel zu leisten. Als der Preis für konventionelle Milch auf 27 Cent rutschte, erhielt Paaß für seine Biomilch Vergütungen in der Mitte über der 40-Cent-Marke. Damit kommen die Biobauern über die Runden, aber Spaß machen die Preise noch nicht, gibt Paaß zu verstehen. Denn auch Biobauern müssen investieren. Es gab in den letzten Jahren aber auch schon schlechtere Zeiten für die Biomilchproduzenten. Da waren die konventionellen Kollegen wirtschaftlicher und Paaß dachte über den Abschied von Bio nach. Heute ist er überzeugt: „Der Bedarf an Biomilch ist da.“

Die Ziegendorfer haben ihren Kuhbestand in den letzten Jahren verdoppelt. Vielleicht kommen noch 50 bis 60 Kühe hinzu, sagt Paaß. Dann stoße er an seine Kapazitätsgrenzen.

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