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Isolde Böhme aus Parchim : Große Leidenschaft für alte Schriften

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Alte Schriften sind ihre neue große Leidenschaft. Isolde Böhme überträgt Worte, Zeilen, Sätze, die für andere Menschen nur "Böhmische Dörfer" ergeben, in die heutige Schriftform.

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erstellt am 22.Jan.2012 | 10:08 Uhr

Parchim | Ein Gedichtbüchlein aus dem Jahr 1903 hat es Isolde Böhme besonders angetan. Die Parchimerin stöberte den "Gruß aus Schwerin" in einem Antiquariat auf. Eine Sammlung von Lieblingsgedichten, die jemand fein säuberlich Zeile für Zeile in das Buch geschrieben hat. Goethe, Schiller, Freiligrath, Heinrich Seidel. "Ich könnte stundenlang drin blättern", schwärmt Isolde Böhme. Wegen der wunderschönen Gedichte. Und wegen der alten, ausgeprägten, akkuraten Handschrift.

Alte Schriften sind ihre neue große Leidenschaft. Worte, Zeilen, Sätze, die für andere Menschen nur "Böhmische Dörfer" ergeben, fordern Isolde Böhme förmlich heraus, sie in die heutige Schriftform zu übertragen. Seit Beginn dieses Jahres übernimmt die Parchimerin das auch gern für andere, die beispielsweise dem Geheimnis einer Urkunde, dem Inhalt eines vergilbten Dokumentes, eines Briefes, einer Chronik auf die Spur kommen wollen. Oder die endlich einmal ein jahrzehntelang gehütetes Rezept aus dem Kochbuch der UrUrgroßmutter ausprobieren möchten, es selbst aber beim besten Willen nicht entziffern können. Isolde Böhme überträgt im Nebenerwerb "Altes" in "Neues".

Alles begann damit, als der Parchimerin, die Germanistik und Slawistik studiert hat und sich schon seit langem mit Ahnenforschung beschäftigt, eine Chronikseite ins Haus flatterte. Ihr Ehrgeiz war entfacht: "Aus einer Seite wurden schließlich 90", lacht Isolde Böhme. Der Absender dieser Chronik machte ihr daraufhin Mut, auch andere von ihren Fähigkeiten profitieren zu lassen. Dennoch hat Isolde Böhme erst einmal lange Zeit nur im stillen Kämmerlein ganz für sich gearbeitet und fleißig geübt. Zusätzlich absolvierte sie einen Existenzgründerkurs beim Lokalen Ressourcen Center in Parchim.

Die Lupe ist für Isolde Böhme heute unverzichtbares Handwerkzeug. Ebenso das Lesezeichen, das sie immer anlegt, um ja nicht in der Zeile zu verrutschen. Dann arbeitet sie sich Buchstabe für Buchstabe vor. Besonders am Anfang einer Übertragung kann so ein i, e oder a zu einem wahren "Forschungsprojekt" werden, gerade, wenn es vor mehr als 100 Jahren zu Papier gebracht wurde: Schnörkel waren damals groß in Mode und mancher Schreiber meinte es seinerzeit fast zu gut, um seinem Brief einen besonders individuellen Stempel aufzudrücken. Früher wie heute gilt: Jeder Mensch hat seine ganz persönliche Handschrift. "Man muss sich einfühlen, einlesen, eindenken können. Die kurzen Sachen sind deshalb am schwersten zu übertragen", weiß Isolde Böhme. Als sie die erwähnte Chronik aus Nordböhmen in Angriff nahm, benötigte sie für die erste Seite noch zwei Stunden. Nachdem sie dann den Bogen raus hatte, nahm eine Seite "nur" noch 30 Minuten in Anspruch. Je nach Wunsch des Auftraggebers fertigt sie eine Übertragung in der Original-Rechtschreibung oder nach den aktuellen Regeln an.

Natürlich wünscht sich Isolde Böhme, dass ihr Hobby auch ein wenig Ertrag bringt, um ihren bescheidenen Lebensstil etwas aufbessern zu können. Doch mit ihrem Service möchte sie vor allem die heutige Generation dafür sensibilisieren, alte Aufzeichnungen, die man in der hintersten Ecke des Dachbodens, in einer vergessen geglaubten Truhe oder in der Schublade eines in die Jahre gekommenen Schreibtisches entdeckt, nicht voreilig zu entrümpeln. "Jede schriftliche Überlieferung hilft uns, in die Gedankenwelt unserer Vorfahren einzudringen", sagt Isolde Böhme. Heute, mit einer Lebenserfahrung von 60 Jahren, bedauert sie es sehr, dass sie das früher selbst nicht immer bedacht hat und sich von so manchem Zeitzeugnis trennte.

Wer weiß, das ein oder andere hätte heute vielleicht ebenfalls einen Platz in ihrer kleinen "Werkzeugkiste" gefunden, die sie seit dem vergangenen Jahr mit mehreren in Antiquariaten entdeckten Schätzen gefüllt hat: mit einem Jahrzehnte alten Wirtschaftsbuch, einem Poesiealbum aus dem Jahr 1870 und mit dem eingangs erwähnten fast 110 Jahre alten Gedichtbüchlein. "Mein größter Traum ist es, eines Tages irgendwo auf ein Kinderbuch in alter Schrift zu stoßen", verrät Isolde Böhme, seit 15 Jahren in Parchim zu Hause.

Dabei versteht sie sich bekanntlich auch selbst aufs Schreiben. Beim jüngsten Forum für Schreibende, das alljährlich im Rahmen des Parchimer Lesefestes veranstaltet wird, empfahl sie sich wieder einmal mit humorvollen, einfühlsamen Gedichten aus eigener Feder. Ihre große Stärke, ihre eigentliche Passion sind allerdings Geschichten in plattdeutscher Sprache, von denen mehrere bereits mit Preisen bedacht wurden, so u. a. beim großen plattdeutschen Schreibwettbewerb des NDR "Vertell doch mal". Er geht in diesem Jahr bereits in die 24. Runde.

Gedrucktes von Isolde Böhme war u. a. im renommierten, von Hartmut Brun herausgegebenen, Voß un Haas-Kalender zu lesen. Aller Voraussicht nach wird sie auch im Kalender für das Jahr 2013 mit einer Geschichte vertreten sein. Isolde Böhme ist telefonisch unter 03871/226448 in19370 Parchim, Walter Hase-Straße 21, erreichbar.

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