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Wismarer Restauratorin gewährt Einblicke : Gischows Altarbild bald wieder daheim

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Wie versprochen werden die Gischower Altarflügel am 26. April restauriert wieder in die Dorfkirche zurückkehren. Die Restauratorin Annette Seiffert ließ sich dabei in ihrer Wismarer Werkstatt über die Schulter schauen.

svz.de von
erstellt am 03.Apr.2013 | 09:52 Uhr

Gischow / Wismar | Schon als Annette Seiffert am 13. Dezember die beiden mittelalterlichen Altarflügel aus der Gischower Dorfkirche in ihre Werkstatt nach Wismar holte (SVZ berichtete), hatte die gestandene Diplom-Restauratorin ihre Einladung ausgesprochen: Dieser Tage nun nahmen Pastorin Ulrike Kloss und Vikarin Anke Wulff als Abordnung der Kirchengemeinde die Gelegenheit wahr, vor Ort den Fortschritt der diffizilen Arbeit mit eigenen Augen zu begutachten.

Gleich beim Eintreten stellten die Beiden fest, dass in den Werkstatträumen tatsächlich ein nahezu identisch "raues" Klima herrscht, wie es die heimische Dorfkirche wohl seit fünf Jahrhunderten aufweist. Für die Erhaltung so alter Kunstschätze sei das wichtig, merkte die Expertin an und zeigte den Gästen aus nächster Nähe, welch fatale Auswirkungen beispielsweise ein - zwischenzeitlich wieder zugemauerter - Fensterdurchbruch im Ostchor des Gischower Kirchleins gehabt hat. Dessen intensiver Lichteinfall habe auf dem Altargemälde großflächig nicht nur Farben ausgeblichen bzw. verändert (wie das ursprüngliche Silber zu Schwarz), sondern an manchen Stellen auch das Holz des Malgrundes schrumpfen lassen. Derart massive Schäden könne und dürfe eine denkmalgerechte Restaurierung jedoch höchstens stoppen und konservieren, um weiterem Verfall vorzubeugen, stellte Annette Seiffert klar.

Unter der Fachaufsicht ihres Restauratorenkollegen Frank Hösel vom Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege durfte sie allerdings an der behutsamen Wiederherstellung der Bemalung an einigen ausgewählten Stellen arbeiten. Diese langwierige Arbeit vermittelt eine Ahnung von der Art und Weise, in der ein unbekannter Meister etwa zwischen den Jahren 1480 und 1500 seine Version der Gregorsmesse außen auf die seinerzeit nur zu hohen Feiern geöffnete Eichenholzkiste des Gischower Schnitzaltars malte (wobei sich bislang kein Hinweis auf die Auftraggeber fand). Sage und schreibe zwölf Schichten Leimkreide als Grundierung hat die Restauratorin inzwischen an jenen Stellen aufgetragen, wo Farbe abgeplatzt war, aber aus dem Kontext des Erhaltenen eine Ergänzung denkmalschützerisch plausibel ist. Jene derzeit weiß erscheinenden Flecken würden noch auf die jeweils umgebende Schichthöhe abgeschliffen, mit Schellack isoliert und anschließend mit passenden Farbpigmenten versehen, erklärte die Restauratorin den Start der Retusche. Die dazu von ihr eingesetzte Technik heiße "trateggio" und beinhalte das vorsichtige Auftragen zahlreicher dünner Farbschichten in Form feinster Pinselstrichlein. Dadurch würde einerseits größtmögliche Nähe zum ursprünglichen Erscheinungsbild erreicht, andererseits bliebe für den geschulten Blick der Fachleute eine moderne Ergänzung jederzeit erkennbar.

"Wir wollen dem Schöpfer dieses Kunstwerks ja schließlich nicht ins Handwerk pfuschen", meinte Annette Seiffert und drückte gleichzeitig ihre Bewunderung für den mittelalterlichen Künstler aus, welcher nicht nur ihrer Ansicht nach für seine Zeit bewundernswert plastisch und ausdrucksstark gemalt habe. Die bekannte Kieler Kunsthistorikerin und Fachbuchautorin Julia Trinkert hielte die Gischower gar für eine der besten Tafelmalereien Mecklenburgs im späten 15. Jahrhundert.

Ulrike Kloss und Anke Wulff waren der gemalten Gregorsmesse ihres sonst in luftiger Höhe verankerten Dorfkirchenaltars auch noch nie so nahe gekommen wie bei dieser Gelegenheit. So nahm es nicht Wunder, dass sie für sich bisher nie beachtete Details entdeckten, während sie der Restauratorin auf die Finger schauten.

Beispielsweise fiel der jungen Vikarin - die nach dem anfänglichen Religionslehrerpraktikum an der Parchimer Paulo-Freire-Schule erst seit Anfang März in Diensten der verbundenen Kirchengemeinde Groß Pankow ist - besonders am Hauptmotiv auf, wie geschickt der Maler die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken verstand. Warum aber hatte er das quer stehende Lesepult links auf dem Altartisch leer gemalt?

Pastorin Kloss deutete dieses Rätsel spontan mit dem Ausspruch "Christus ist alles!", denn tatsächlich fehlt auf diesem Gemälde das übliche Buch - "das Wort" neben dem Sakrament. Denn dem knienden Mönch Gregor erscheint ja leibhaftig der Schmerzensmann mit den Zeugen seiner Passion. Von diesem Kurzbesuch in der Wismarer Restauratorenwerkstatt nahmen die beiden Kirchenfrauen Ulrike Kloss und Anke Wulff eine Menge tiefer Eindrücke mit nach Hause und die Vorfreude darauf, dass die Altarflügel mit der gemalten Gregorsmesse wie versprochen am 26. April fachgerecht restauriert wieder in die Dorfkirche zu Gischow zurückkehren werden.

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