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Markower Mühle : Geplanter Verkauf schlägt Wellen

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Historische Bewertung schwierig / Insider: An Konzepten mangelt es nicht

Parchim Das Kinderlachen ist in der Markower Mühle am Rande der Kreisstadt schon vor zwei Jahren verstummt. Die privaten Betreiber des weit über die Region bekannten Kinderkurheimes hatten den Geschäftsbetrieb eingestellt. Auf dem Areal am idyllisch gelegenen Mühlenteich zog Stille ein. In den zurückliegenden Monaten hat es sich hier nun eine Waschbärenfamilie gemütlich gemacht, war vom Stadtförster zu hören.

Plötzlich rückt die Markower Mühle wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Stadt Parchim sucht  nach Auflösung eines Erbbauvertrages mit den Kurheimbetreibern für das rund 28 000 Quadratmeter große Grundstück mit dem reetgedeckten Haupthaus, einigen Anbauten und Nebeneinrichtungen mit Hilfe einer öffentlichen Ausschreibung einen neuen Besitzer  (wir berichteten).

Dass es sich bei der Markower Mühle keinesfalls um eine „normale Immobilie“ handelt, wird spätestens bei Recherchen zum früheren Eigentümer, dem Schriftsteller Friedrich Griese, klar. Nur wenigen ist bekannt, dass der am 2. Oktober 1890 in Lehsten und am 1. Juni 1975 in Lübeck verstorbene Autor in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Schriftsteller Mecklenburgs war. 1935 kam er nach Parchim. Schon zwei Jahre zuvor hatte Griese wie 87 weitere deutsche Schriftsteller ein an Adolf Hitler gerichtetes Gelöbnis treuster Gefolgschaft unterzeichnet. Seine Bücher wurden aufgrund ihrer heimatbezogenen Inhalte der „Blut und  Boden“-Literatur des Dritten Reiches zugeordnet. „Der Reichsstatthalter und spätere Gauleiter Friedrich Hildebrandt hat sich persönlich dafür eingesetzt, dass der Freistaat Mecklenburg das Mühlengelände  Griese 1935 schenkte. Der Schriftsteller hat dort mit eigenen Mitteln das alte Mühlengebäude abreißen  und das reetgedeckte Haus bauen lassen“, weiß der Parchimer Museumschef Wolfgang Kaelcke. Nach 1945 wurde Griese der Besitz zunächst entzogen und 1954 offiziell rückübertragen. Bis dato konnten Historiker diese seinerzeit nicht gerade übliche Entscheidung   nicht schlüssig klären.

Auch das literarische Erbe Grieses polarisiert bis in die Gegenwart. Bundespräsident Heinrich Lübke hat im Jahr 1965 Griese zum 75. Geburtstag  so gewürdigt: „Ihre zahlreichen Romane, Novellen und Bühnenwerke künden von der Kraft des einfachen Lebens und der Stille der Tradition des Bauerntums und seiner schicksalhaften Verbundenheit mit der Landschaft. Sie haben darin vor allem Ihrer mecklenburgischen Heimat ein Denkmal gesetzt“. Griese war, so schreibt später der Literaturkritiker Reich-Ranicki, „kein Prophet des Nationalsozialismus, wohl aber sein williges Werkzeug“. Für den Umweltaktivisten Dr. Klaus-Dieter Feige war Griese  womöglich ein „verfrühter Grüner“.  Auf den vom Parchimer Museum in der Markower Mühle organisierten Griese-Tagungen  haben sich Interessierte mit dem Werk auseinander gesetzt. „Der geplante Verkauf der Markower Mühle ist aus meiner Sicht keine glückliche Entscheidung. Die Stadt wäre gut beraten, das Haus  zu behalten und es an Nutzer mit einem schlüssigen Konzept zu vermieten oder zu verpachten. Das würde dem Vermächtnis des Schriftstellers Rechnung tragen“, meint Stadthistoriker Wolfgang Kaelcke.

 1975 hat Griese die Markower Mühle der Stadt Parchim  – verbunden mit dem ausdrücklichen Wunsch, das Haus weiterhin als Kinderkurheim zu nutzen – geschenkt. Der entsprechende Brief liegt  vor.  Das dies  nach dem nun  geplanten Verkauf einer Nutzungsänderung entgegen steht, wird in der Stadtverwaltung verneint.

Aufgrund eines Wertgutachtens wird das Anwesen in Top-Lage für ein Mindestgebot von 180 643 Euro angeboten. Aber nicht nur der Preis, sondern das Nutzungskonzept, soll entscheiden. Auf Anfrage unserer Redaktion hat der Erste Stadtrat Detlev Hestermann im November 2013 bestätigt: „Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die Mühle zu verkaufen.“

Insider beklagen, dass es bereits zahlreiche Nutzungskonzepte gab, die  nicht den Vorstellungen der Stadt entsprachen. Nach Recherchen unserer Redaktion haben u.a. Betreiber eines Gnadenhofes für Tiere, einer Kunstschule, eines Gay-Hotels, einer Praxis für Coaching und einer Biorinderzucht ihr Interesse bekundet.

Leser der Parchimer Zeitung haben  in der zurückliegenden Tagen  wiederholt den Wunsch geäußert, dass im Sinne von Friedrich Griese auch künftig Kinder Nutznießer der Markower Mühle sein sollten. Die Stadtvertreter werden vor einem Verkauf das letzte Wort sprechen.

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erstellt am 10.Apr.2014 | 14:56 Uhr

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