Parchim : Gemeinsam Sport treiben ist Inklusion

Die Parchimer Tanzteufel sind alljährlich fester Bestandteil des Showprogramms auf dem Stadtfest. Auch 2017 ist die Gruppe wieder mit dabei.
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Die Parchimer Tanzteufel sind alljährlich fester Bestandteil des Showprogramms auf dem Stadtfest. Auch 2017 ist die Gruppe wieder mit dabei.

SVZ-Serie „Mutbürger“: Rüdiger Börst gründete vor zehn Jahren die Rollstuhltanzgruppe „Parchimer Tanzteufel“ und ist landesweit im Behindertensport engagiert

svz.de von
01. April 2017, 05:00 Uhr

„Ich erfülle ein Klischee“, lacht Rüdiger Börst, Leiter der Rollstuhltanzgruppe „Parchimer Tanzteufel“ und meint damit: „Tanzen war vor meinem Unfall nicht meine Welt. Ich habe immer Fußball gespielt. Später einmal Tanzsport zu machen, hätte ich mir früher nie vorstellen können.“ Nach einem schweren Arbeitsunfall fand der heute 51-Jährige seine sportliche Erfüllung im Rollstuhltanz.

Stolz auf seine Erfolge als Leistungstänzer zeigt Börst auf die vielen Pokale in seiner Vitrine. Über die Landesebene hinaus räumte er in der Duoversion, in Standard und Latein, viele Meisterschaftstitel ab. Damals hieß es: fünfmal wöchentlich Training. „Jetzt bin ich zu alt dazu, sollen die Jungen mal weitermachen“, erzählt der Parchimer gegenüber der SVZ.


Rollstuhlsport gab ihm
neuen Anschluss


Die Wettkampf-Zeiten sind vorüber, dennoch ist Rüdiger Börst weiterhin im Behindertensport aktiv. Der Unfall, der sein Leben veränderte, ist sechzehn Jahre her. Unmittelbar danach brauchte er eine Weile, um sein Leben neu zu sortieren. Als es zu Hause immer stiller wurde und er sich nach neuen Kontakten sehnte, suchte er die Abteilung Behindertensport des Parchimer Vereins SV „Einheit 46“ auf. „Sportlich wieder aktiv zu werden, zeigte mir, dass trotzalledem viel möglich ist und dass das Leben einfach trotzdem lebenswert ist“, erinnert sich Börst.

Als Betroffener wisse er genau, dass es enorm wichtig ist, eines Tages wieder vor die Tür zu gehen, um einer Vereinsamung entgegen zu wirken. Auch die technischen Möglichkeiten von heute, wie die sozialen Netzwerke, seien dabei hilfreich. Als Vereinsmitglied fand Rüdiger Börst neuen Anschluss. Schon bald fragte man ihn, ob er für den Parchimer Behindertensport eine Gruppe leiten möchte. „In Güstrow habe ich dann nochmal die Schulbank gedrückt“, erzählt der Rollstuhlfahrer, der sich dann erst einmal in die neue Funktion als Übungsleiter einfinden musste. Er selbst beschreibt sich mit einem Schmunzeln im Gesicht, als „einfacher Handwerker“. So wie tanzen, wäre es früher genauso wenig Seins gewesen, vor vielen Menschen zu sprechen und ein Team motivierend anzuleiten. Er wuchs mit seinen neuen Aufgaben. Heute schafft er es, Menschen mit und ohne Handicap zum Sporttreiben zu bewegen. Neben den „Tanzteufeln“ betreut er das Reha-Angebot des Pütter Behindertensportvereins. Im Landesverband für Behindertensport- und Rehabilitationssport M-V e. V. ist er Vizepräsident in der Sparte Breitensport.


Auf Anhieb von
Rollstuhltanz begeistert


Doch was reizte ihn letztendlich, sich tänzerisch aufs Parkett zu wagen? „2006 bin ich mit einer Sportfreundin zu den Landesmeisterschaften nach Neubrandenburg gefahren. Da habe ich erkannt, Rollstuhltanz ist eine Sportart für Jung und Alt und wie gut es wäre, das in Parchim anzubieten“, erzählt Börst. Diese Freundin war für lange Zeit seine Tanzpartnerin, mit ihr gründete er die „Parchimer Tanzteufel“.

Wer in dem Tanzverein mitmacht, müsse oft erst an seinem Taktgefühl feilen. Ihm erging es am Anfang genauso. Neben dem Spaß an der Bewegung bei den regelmäßigen Treffen, beweisen die Tänzer viel Ehrgeiz hinsichtlich der Auftritte vor Publikum bei regionalen Events. Auf dem Stadtfest im Mai zeigen sie erneut ihr schwungvolles Können.

Am Beispiel seiner 15-köpfigen Tanzgruppe könne er beantworten, was das Wort Inklusion bedeutet. „Für mich sind es ganz klar die Parchimer Tanzteufel. Wo Rollifahrer gemeinsam mit gesunden Läufern Sport treiben, das ist Inklusion“, meint Rüdiger Börst, der auch betont, dass er und seine Mitstreiter keine „Mitleidstruppe“ sind. Tanzsport bringe auch privat Vorteile: „Die Sportart kann ich mit meiner Frau betreiben. Und wenn man auf einer Party ist, ist es gut, wenn man tanzen kann“, sagt Rüdiger Börst und schaut zu seiner Frau Iris Kaleita, die neben ihm sitzt. Sie ist seit 2010 als Fußgängerin – so wird die Tanzpartnerin ohne Rollstuhl genannt – eine „Tanzteufelin“. „Beim Behindertensport geht es vordergründig nicht um Wettkämpfe, sondern um Spaß“, unterstreicht Börst im SVZ-Gespräch. Hauptgedanke sei die soziale Komponente, also die Menschen aus der Isolation zu holen.

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