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Parchimer Zeitung

18. November 2017 | 09:44 Uhr

Rom : Experten für Musik von unten

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Werner Hinze erforscht Liedgut und trug in der Bauernstube Lancken Lieder der Vagabunden vor

Es ist Freitagabend in Lancken und wir stehen kurz vor der Auflösung eines Rätsels: Was ist eine Schalmei? Große Augen bei uns Laien, wirkungsvolle Pause beim Gastgeber. Wir befinden uns in der Bauernstube, bei einem Experten der „Musik von unten“, Dr. Werner Hinze, Neu-Lanckener, Wissenschaftler, Spieler diverser Instrumente, aber doch kein Musiker und tief im Herzen: ein Vagabund.

Was uns zum Thema des Abends bringt - Die Lieder von der Straße und das damit verbundene Vagabundentum. Ein ausgesucht spezielles Terrain. Das weiß auch der Gastgeber. „ Ich bewege mich in einer Nische. Das habe ich auch irgendwann bemerkt“, so Dr.Werner Hinze.

Sein Interesse an diesem unsereinem relativ unbekannten Milieu bewegte ihn zur Veröffentlichung zahlreicher Bücher. Der „Verein für demokratische Musikkulturen in Geschichte und Gegenwart“, welchem er vorsteht, wurde Mitte der 80er Jahre gegründet und trägt nun seine Früchte auch in Mecklenburg.

Dass dieses Thema nicht bei jedem ganz oben auf der Agenda steht, macht hier niemandem etwas aus, im Gegenteil – all das Wissen rund um die „Kunden“ und „Schicksen“ , die um die Jahrhundertwende ihr Vagabundenleben im Lande führten, all die Schicksale irgendwo zwischen Armut, Schnaps und Tristesse - das ist für die meisten hier Neuland und wird wissbegierig aufgesogen. Die Atmosphäre ist entspannt, es gibt kleine Leckereien und Getränke.

Mit einer gehörigen Portion Lässigkeit entführt Werner Hinze in die Welt der „Gaunersprache“ und präsentiert unter anderem mithilfe der Gitarre und mit Unterstützung von Gesine Dähn Werke aus seinem Buch „Lieder von der Straße“. Teils nachdenklich und melancholisch, oft anrüchig und furchtbar komisch sind die Geschichten und Stücke der unfreiwilligen Lebenskünstler von damals.

„Wie der Wein, den ich trinke, so find ich auch meine Werke; ohne Wert ist, was ich nüchtern schreibe. Habe ich getrunken, dann bin ich größer als Ovid“, heißt es in dem Büchlein „Lieder aus dem Rinnstein“ aus dem Jahr 1903 von Hans Ostwald , der auch Thema des heutigen Abends ist.

So passt es auch irgendwie zur unsteten Lebensweise der Protagonisten von damals , dass auch der Vortragende heute einen starken Hang zur Improvisation aufweist. Dies macht den Abend aber wiederum so herrlich unbeschwert. „Es ist so schön locker“, schwärmt Gesine Dähn und eine Besucherin aus Amt Neuhaus, Babette Grosch, lobt „die schöne Stimme, die so gut zum Thema der Straße passt.“ Und diese Stimme lässt auch gerne mal ein bisschen was vom Lied weg: „ Der D-Dur-Teil geht immer daneben“. Macht nichts, denn schön und charmant ist es allemal und wenn es kräftig menschelt, fühlen wir uns gleich doppelt so wohl. Darauf noch ein Schluck Bier, da würde wohl auch jeder „ Kunde“ zustimmen. Es gibt ganz sicher ein nächstes Mal! Und hier noch die Auflösung des Rätsels: Eine Schalmei ist ein Holzblasinstrument mit Doppelrohrblatt und die Vorläuferin der heutigen Oboe. Das können Sie alles lernen, wenn erneut zusammen die demokratische Musikkultur in Lancken erforscht und präsentiert wird.

 

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