Gunter Gabriel zu Gast in Parchim : Erinnerungen eines Rebellen

Die Parchimerin Mellie Mietz singt mit Gabriel das Juliane-Werding-Lied 'Wenn du denkst, du denkst'.Horst Kamke
Die Parchimerin Mellie Mietz singt mit Gabriel das Juliane-Werding-Lied "Wenn du denkst, du denkst".Horst Kamke

Gunter Gabriel kennt Höhen und Abgründe des Lebens: Samstag war er zu Gast bei der Veranstaltungsreihe "Parchim liest" und stellte seine Publikation "Wer einmal tief im Keller saß" als "Erinnerungen eines Rebellen" vor.

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26. November 2012, 10:34 Uhr

Parchim | Er kommt nicht mit einem 30-Tonner-Diesel, sondern etliche Nummern kleiner mit einem Hochdach-Schnelltransporter zu seinem Auftritt in die Kreisstadt. Zwischen den halb geschlossenen Vorhängen der Stadthallenbühne hängt dort bereits sein überdimensionales Porträt, geschmückt mit einer schwarz-rot-golden bemalten Gitarre. Ebenerdig: eine halbhohe Vorbühne, darauf drei Gitarren, ein Verstärker, drei Mikrofone und ein Tisch mit Leselampe. Im Saal verteilt: Quadratische Tische, jeweils umgeben von drei bis vier Stühlen. Insgesamt etwa 120 Zuhörer haben sich darauf niedergelassen - allesamt Experten, wie sie Gunter Gabriel bei seinem Auftritt am Sonnabend liebe- und respektvoll begrüßt. "Ich hoffe, dass ihr von mir süchtig werdet."

Eine Legende macht seine Aufwartung bei der Veranstaltungsreihe "Parchim liest"- ein Vollblutmusiker, der Höhen und Abgründe seines turbulenten Lebens unter dem Titel "Wer einmal tief im Keller saß" als "Erinnerungen eines Rebellen" in einem viel gelesenen Buch veröffentlicht und entsprechend vermarktet hat. Literatur-Liebhaber aber werden an diesem Abend enttäuscht: Gunter Gabriel liest außer dem Vorwort eines Spiegel-Reporters nur wenig mehr aus seiner Publikation, sondern verlegt sich mehr auf das spontane Musizieren, Erzählen, Fabulieren. Nicht alles dabei wirkt glaubhaft. Zu sehr kokettiert der Country-Barde mit den Klischees und Wertschätzungen, die ihm seit Jahrzehnten anhaften: authentisch, lebenserfahren, bodenständig, kantig, ehrlich. Und gar zu tief greift der 70-Jährige in die Kiste seiner vermeintlichen Männlichkeit. Dabei erscheint dem "Mann" Gunter Gabriel offenbar die Mitteilung als wichtig, dass sein "Stift" funktioniert, er körperlich noch als durchaus attraktiv gilt und sein Busen inzwischen mächtiger als der mancher Talkshow-Moderatorinnen ist. Ungehemmt baggert er seine weiblichen Fans an: "Du siehst genau so aus wie mein Beuteschema."

Womit Gunter Gabriel bei seinem Publikum ankommt, ist seine Kumpelhaftigkeit. Der "Spiegel" stilisiert ihn gar zum Wortführer der einfachen Leute. Er nähert sich ihnen an, wirkt wie einer davon, spürt ihren Sorgen nach, spricht ihnen offenbar aus der Seele. "Wir sind die, an denen alles hängen bleibt", hat er eins seiner Lieder betitelt. Anrührend, als er den Brief an sein jüngeres Ich verliest. Darin erklärt er außerdem, dass es sich bei der Demonstration seines Mittelfingers um die Positionierung "Ich bin dagegen" handelt. Die hat ihm sogar DDR-Knast eingebracht.

Als er vier Lebensjahre zählt, stirbt Gabriels Mutter nach einer Abtreibung. Seinen Vater - einen traumatisierten Kriegsheimkehrer und Eisenbahner mit 250 Mark Monatslohn - nimmt er lediglich aus großer Entfernung wie eine Art Zombie wahr. Er bricht die Volksschule ab, verdient sein Geld als Gelegenheitsarbeiter, macht sein Fachabitur. Dann - mit 25 oder 26 Jahren - schreibt er mit "Hey Boss, ich brauch mehr Geld" sein erstes Lied. Weitere Hits sollen folgen. Er deutscht Lieder seines Idols Johnny Cash ein, spielt den "Folsom Prison Blues" oder "Ring aus Feuer". "Ich wusste stets: Meine Gitarre wird mich retten." Und so kommt es auch: Mit seinen Kompositionen wird er dreifacher Platten-Millionär. Er schreibt außerdem Lieder für Rex Gildo, Peter Alexander oder Frank Zander und bekommt eine eigene Fernsehshow. Er lebt auf großem Fuß, gibt sich spendabel. Seiner ersten Frau schenkt er einen 12-Zylinder-Jaguar. "Ich bin ein Geber - Geiz finde ich unmännlich." Dann der tiefe Fall: Ein Bauherren-Abschreibungsmodell ruiniert seine Finanzen und bringt ihm hohe Steuerschulden ein. Sucht- und Alkoholprobleme lassen ihn tief abrutschen. Vier Ehen gehen in die Brüche. "Tragik hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin." Doch Gabriel rappelt sich wieder auf. "Ich habe niemals die Lust zum Musikmachen aus meinem Kopf gekriegt." Er lässt sich für Wohnzimmerkonzerte engagieren. Oder eben von der Parchimer Kulturverwaltung. Drei Zugaben fordert das Publikum ihm ab. Freigiebig unterschreibt er danach Autogrammkarten, die er als wertvoll anpreist: "Für einen Gabriel bekommt ihr fünf Maffays." Dann setzt er sich wieder in seinen Transporter und fährt nach Hamburg zurück, wo er mit seiner südamerikanischen Freundin Monika in einem Hausboot wohnt.

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