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Nach der Enthauptung der Courage-Skulptur in Parchim : Entschiedenes Ja zur Kunst in der Stadt

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Zum zweiten Mal attackierten Unbekannte das Skulpturenensemble Courage des Landeskulturpreisträgers Wieland Schmiedel in Parchim. Hat Kunst im öffentlichen Raum noch eine Chance? Wir sprachen mit Professor Dr. Vogt.

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erstellt am 28.Aug.2012 | 06:28 Uhr

parchim | Zum zweiten Mal attackierten Unbekannte das Skulpturenensemble Courage des Landeskulturpreisträgers Wieland Schmiedel in Parchim. Hat Kunst im öffentlichen Raum noch eine Chance? Darüber sprach Redaktionsleiter Udo Mitzlaff mit Professor Dr. Wolfgang Vogt vom Kulturforum Pampin. Vogt war Initiator des Corso der Skulpturen, zu dem auch die Courage gehörte.

Was sagen Sie zu der erneuten Zerstörung der "Kore"?

Wolfgang Vogt: Die erneute vorsätzliche Zerstörung eines bedeutsamen Kunstwerks und Beschädigung des Kulturangebots der Kreisstadt Parchim im öffentlichen Raum an einer zentralen Stelle ist eine hirnlose Tat, die aufs Schärfste zu verurteilen ist. Vandalismus gegen Kunst ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine schwere Sachbeschädigung, die strafrechtlich zu verfolgen ist. Jeder halbwegs kulturbewusste Bürger wird die Nachricht über die wiederholte Demolierung der "Kore" von Wieland Schmiedel mit Entsetzen und Wut aufgenommen und sich die Frage gestellt haben: Was geht in den Köpfen solcher Vandalen vor sich? Woher kommen derart destruktive Motive? Kann es wirklich sein, dass wieder niemand die Täter kennt oder gesehen hat?

Macht es angesichts zunehmender Attacken noch Sinn, Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen?

Vogt: Meine klare Meinung dazu ist ein entschiedenes Ja! Wir dürfen als engagierte Bürger und Bürgerinnen der Stadt nicht denen das Feld überlassen, die der Kultur vorsätzlich und hinterhältig, brutal und rücksichtslos den Garaus machen wollen. Denn Kultur - nicht zuletzt Kunst im öffentlichen Raum - ist ein Gradmesser für eine entwickelte Zivilisation und setzt Zeichen gegen die Banalität des Alltags und gegen Primitivität.

Was haben eine Stadt und ihre Bürger von Kunst im öffentlichen Raum?

Vogt: Skulpturen von künstlerischer Qualität sind keine überflüssige Möblierung, sondern Blickanker und Raumgestalter, die das Bild einer Stadt und deren kulturelles Niveau im Bewusstsein der Betrachter und Besucher nachhaltig prägen. Sie können die Wahrnehmung von Orten und Plätzen verändern, emotionale Schwingungen und neue Sichtweisen erzeugen, Fragen aufwerfen und Irritationen auslösen, architektonischem Einerlei durch Kontrapunkte Spannung verleihen, öde Gebiete beleben und die Phantasie anregen. Durch gelungene Platzierung dreidimensionaler Kunstobjekte können Blickachsen definiert und Raumgefühle stimuliert werden. Das alles wirkt sich - ohne dass wir das bewusst bemerken - auf ein positiv wirkendes Stadtbild und ein kultiviertes Lebensgefühl aus.

Kurzum: Kunstwerke im öffentlichen Raum geben Städten eine unverwechselbare Note und sind damit ein unverzichtbares Gestaltungselement. Insofern ist die Beschädigung oder Beseitigung von Kunstwerken auch eine Beschädigung des persönlichen Lebensraums, der Stadt selbst und ein Angriff gegen ein kultiviertes und friedliches Zusammenleben. Wie die Geschichte uns lehrt, sind Angriffe auf oder gegen die Kunst und Kultur Ausdruck einer menschenverachtenden Gesinnung und nicht selten die Vorboten einer rückläufigen Entwicklung in der Gesellschaft.

Welche Konsequenzen sollte die Stadt Parchim aus der Zerstörung der "Kore" ziehen?

Vogt: Die Gewalt gegen die zentrale Figur in dem Skulpturen-Ensemble "Courage" von Wieland Schmiedel, einem herausragenden Vertreter zeitgenössischer Skulptur, richtet sich gegen ein Symbol, das für die Werte der Demokratie und des Grundgesetzes steht: Achtung der Menschenwürde, Toleranz, Friedfertigkeit, Mitgefühl und Verständigung. Sie verkörpert damit unverzichtbare Prinzipien für ein humanes Miteinander. Das Fanal des Gewaltaktes sollte von den Bürgern der Stadt und ihren Repräsentanten als Signal für verstärkte Anstrengungen gelesen werden, die eine breit angelegte Kulturoffensive in Gang setzen. Der Titel "Courage" verweist darauf, dass jeder Form von Gewalt und Extremismus, Verachtung und Zerstörung mit Zivilcourage und Solidarität aller Bürger entgegenzutreten ist, um die kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft voranzubringen und eine Ausweitung oder Wiederkehr von Barbarei und Vandalismus zu verhindern. Deshalb plädiere ich für ein "Bündnis der Couragierten", zu dem sich alle Parchimer und Parchimerinnen, denen ihre Stadt und deren Zukunft etwas bedeutet, in einem lockeren Netzwerk zusammenschließen sollten.

Wie stellen Sie sich konkret ein Bündnis der Couragierten in der Kreisstadt vor, das keine Eintagsfliege bleiben soll?

Vogt: Ein solches Bündnis sollte sich ganz klar und deutlich für Parchim als Standort von Kunst und Kultur aussprechen und dafür einsetzen, dass Parchim seinen - nicht zuletzt mit dem Corso der Skulpturen unter Beweis gestellten und bekräftigten - guten Ruf als kunstoffene Kulturstadt nicht verliert. Denn was eine Stadt lebens- und liebenswert macht und Gäste anlockt, sind vor allem kulturelle Sehenswürdigkeiten und Angebote.

Das Bündnis der Couragierten sollte eine lockere Struktur haben und nicht bürokratisch überformt werden. Ihm sollten Engagierte aus allen Gesellschaftsgruppen und Altersklassen, Verbänden, Vereinen und Parteien, Initiativen und Unternehmen angehören, die sich gelegentlich treffen, um über die weitere kulturelle Entwicklung Parchims ihre Vorstellungen einzubringen und zu diskutieren. Auf einem ersten zeitnahen Treffen könnten Fragen, Ideen und Projekte für die aktive Entwicklung der Kreis- und Kulturstadt Parchim gesammelt, diskutiert und sortiert werden. Um eine nachhaltige und ausstrahlende Wirkung zu erzielen, ist meines Erachtens das Gefühl von Mitverantwortung und Identifizierung wichtig, das sich auf die Umsetzung neuer Projekte ausrichtet und bewährte Kulturangebote in der Stadt - wie z. B. die "Kunstmeile", "Parchim liest", das "Sommermuseum", die "Theatertage" etc - mit neuem Schwung fortführt. Des weiteren stelle ich mir vor, dass das Bündnis der Couragierten helfen könnte, den Tätern auf die Spur zu kommen oder zumindest Folgetaten durch wachsame Aufmerksamkeit zu verhindern. Ich begrüße es ausdrücklich, dass der Staatsschutz den "Fall Courage" übernommen hat und mit allen rechtswirksamen Mitteln verfolgen will, um die (Wiederholungs-?)Täter möglichst schnell einem Gerichtsverfahren zu unterstellen - zumal politische Hintergründe nicht auszuschließen sind. Um den Fahndungsdruck zu erhöhen, könnte eine Belohnung ausgeschrieben werden - finanziert etwa durch Spenden aus der Bevölkerung. Vorstellen könnte ich mir auch, dass eine Art Patenschaft für die einzelnen Kunstwerke im öffentlichen Raum der Stadt erlangt werden kann.

Sie sprachen auch von der Notwendigkeit einer Kulturoffensive für die Stadt Parchim. Ist damit ein langfristiges strategisches Konzept gemeint?

Vogt: Ich denke da an ein Konzept für einen auf zehn Jahre ausgerichteten Handlungshorizont. Ziel der "Kulturoffensive 2022" ist es, die Bedeutung der Kreisstadt Parchim als geachtete Kulturstadt im neuen Landkreis zu stärken. Das Potenzial dazu hat die mehr als 800jährige Stadt mit ihren Backsteinkirchen, dem imposanten Rathaus, den mittelalterlichen Stadtanlagen mit ihren vielen Plätzen und einer sehenswerten Architektur, ihren traditionellen Veranstaltungen, einem regen Theater- und Musikleben und einer bunten Restaurant- und Kneipenszene.

Was bisher fehlt, sind eine Gesamtstrategie und ein dynamisches, inspirierendes Kulturmanagement, das Kultur in der Stadt mit dem Blick für verbesserte Qualität und Innovation, verstärkte Ausstrahlung (über die Region hinaus) und erhöhte Reichweite professionell voranbringt und den Slogan "Kulturstadt an der Elde" zu einem attraktiven Markenzeichen macht. Um überregionale Aufmerksamkeit, Medienpräsenz und Wirkung zu erzielen, die mehr Touristen in die Stadt zieht, müssten alle kulturellen Einzelprojekte und -aktionen, die es zum Teil ja schon gibt, unter der Dachmarke "Parchim - die Kulturstadt an der Elde" zusammengeführt und mit Hilfe moderner Marketingmethoden gebündelt und beworben werden. Auf diese Weise könnte das fade "Graue-Maus-Image" der Stadt - das in der Wahrnehmung von außen noch immer weit verbreitet ist - in ein lebendiges "Kultur-Stadt-Image" umgewandelt werden.

Wie lässt sich eine Kulturoffensive in Gang setzen?

Das Konzept für eine "Kulturoffensive 2022" kann seine volle Wirkung nur erzielen, wenn es zudem auf einer breiten Beteiligungsbasis entsteht und zunächst einmal möglichst viele kreative Ideen hervorbringt, die dann auf ihre Projektfähigkeit zu entwickeln und zu bewerten sind. Dazu eignet sich eine öffentliche "Open-Space"-Veranstaltung, die allen engagierten Bürgern die Gelegenheit bietet, ihre persönlichen Vorstellungen über die kulturelle Entwicklung ihrer Stadt in einem offenen Gedankenaustausch einzubringen oder durch kritische Fragen kreative Anstöße zu geben - wie z. B.: Warum wird aus der atrraktiven Location des Alten Friedhofs so wenig gemacht? Weshalb fristen die wunderbaren Walleinlagen ein Schattendasein? Weshalb liegen die Plümperwiesen an der Elde so brach, obwohl sie ein Riesenpotenzial für eine Vielzahl von Aktivitäten bieten?

Die Umsetzung einer "Kulturoffensive 2022" wird Geld kosten. Wie soll das angesichts leerer Kassen finanziert werden?

Indem bei Streichaktionen im Haushalt nicht zuallererst an der Reduzierung von Aufwendungen für Kultur gedacht wird, denn Kunst und Kultur sind keine zur Disposition stehenden Luxusgüter (wie noch vielfach angenommen), sondern existenzielle (Über-)Lebensmittel und integrierende Fundamente für die zivilisierte Entwicklung für ein friedvolles Zusammenleben. Kultur sollte deshalb zu einer Querschnittsaufgabe der Stadtverwaltung erklärt werden, und jeder Sachbereich der Verwaltung sollte seinen Anteil für die kulturelle Entwicklung der Stadt als Pflichtbeitrag zur Verfügung stellen.

Die Schulen, Vereine und Verbände in der Stadt könnten an einem "Tag der Kultur" gezielte Beiträge zur Unterstützung und Entfaltung kultureller Angebote leisten. Jeder Parchimer sollte sich durch den Erwerb einer symbolischen "Kulturaktie" an der Gründung eines "Kulturfonds" beteiligen, der von der Sparkasse Parchim-Lübz organisiert, verwaltet und von Banken (die ja einiges gutzumachen haben) aufgestockt werden könnte. Auf diese Weise könnte der klamme Kulturetat der Stadt - der keine großen Sprünge erlaubt - entscheidend aufgefüllt, innovative Kulturprojekte finanziert und Fördermittel der EU, des Bundes und des Landes (die immer einen anteiligen Einsatz von Eigenmitteln erfordern) eingeworben werden. Wünschenswert wäre es, wenn die florierenden Unternehmen und Betriebe der Stadt sich noch stärker als bisher als Sponsoren und Mäzene für die Förderung von Kultur einsetzen und mit Hilfe des Unternehmerverbandes ihr kulturelles Engagement in einer gemeinschaftlich gegründeten "Kulturstiftung" mit einem nennenswerten Stiftungskapital auf eine dauerhafte Basis stellen würden.

Und was soll Ihrer Ansicht nach mit der "Kore" geschehen?

Vogt: Nach reiflicher Überlegung schlage ich vor, die "Kore", die ja das Eigentum der Stadt ist, nicht wieder als intakte Skulptur am bisherigen Platz aufzustellen. Sie bedarf eines besonderen Schutzes und sollte deshalb in einem speziellen Raum einen ihr würdigen Platz finden. Denkbare Plätze dafür wären das Foyer im Rat- oder auch Stadthaus. Noch geeigneter erscheint mir aber ein Ort, an dem die "Kore" in einen ihr gemäßen Sinnzusammenhang gestellt würde: Das wäre nach meiner Meinung die denkmalgeschützte Haen’sche Kapelle auf dem Alten Friedhof, die als Informations- und Gedenkraum genutzt werden könnte, um über die Gräuel der Todesmärsche von 1945, die ja auch durch Parchim führten, zu informieren. Die beschädigte "Kore" würde hier ein ikonenhaftes Zeichen gegen Gewalt und Extremismus und zur Ermutigung von Toleranz und Verantwortung setzen. Wichtig ist aber vor allem die zeitnahe Erarbeitung einer einvernehmlichen Lösung durch alle Verantwortlichen und Beteiligten - dem Künstler Wieland Schmiedel, dem Bürgermeister, den Mitgliedern des Kulturausschusses und gegebenenfalls weiteren Repräsentanten aus Kultur, Wirtschaft und Politik.

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