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Puppe schreit wie echtes Baby : Eltern sein: Nicht immer ein Traumjob

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Seit zehn Jahren ermöglicht die DRK-Schwangerschaftsberatung Teenagern eine Babybedenkzeit

„Heute Abend lieg ich garantiert schon um 18 Uhr im Bett.“ Lisa Marx fällt ein Riesenstein vom Herzen, dass das große Experiment nun vorbei ist. Fast eine Woche lang durchlebte die 14-Jährige hautnah, wie es sich anfühlt, wenn man als Vollzeitmama Tag und Nacht die Verantwortung für einen Säugling trägt, nachts mehrfach vom weinendem Baby aus dem Tiefschlaf gerissen wird und am nächsten Tag beim Vokabeltest in der Schule vor Müdigkeit kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann. Mama sein ist nicht immer ein Traumjob.

Gemeinsam mit ihren Klassenkameraden Nico Apke, Fabian Rieck, Felix Rickert, Lisa Marie Ewert, Paulina Kressin, Nicole Rosenau und Calvin Lindstedt aus der Regionalen Goetheschule in Parchim nahm sich Lisa Marx eine so genannte Babybedenkzeit. Dieses Präventionsprojekt in Trägerschaft der DRK-Schwangerschaftsberatung Sternberg macht seit nunmehr zehn Jahren in der Region und darüber hinaus Schule - und wie: Seit 2004 begleitete Barbara Guth etwa 1300 Teenager durchs Elternpraktikum. Im Notfall stand sie ihnen sogar nachts für SOS-Anrufe zur Verfügung. „Das Interesse von Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen nach praxisnahen Präventionsangeboten, die professionell vorbereitet, begleitet und ausgewertet werden, ist ungebrochen hoch. Das zeigt die außerordentlich zahlreiche Nachfrage zum Projekt Babybedenkzeit“, resümiert die Projektleiterin. In zahlreichen Bildungseinrichtungen ist sie mittlerweile regelmäßig, mindestens einmal im Schuljahr zu Gast. Bis Mai wird Barbara Guth u. a. am Sternberger Gymnasium, in der Realschule Cambs, im Bildungszentrum Teterow, in der Eldetalschule Domsühl, am Lübzer Gymnasium, in der Astrid-Lindgren-Realschule Schwerin, in der Marnitzer Realschule sowie in der Beruflichen Schule der Landeshauptstadt erwartet. So wie Lisa, Calvin und ihre Klassenkameraden nehmen dann auch dort Mamas und Papas auf Zeit mehrere Tage am Stück eine Babypuppe in ihre Obhut, die so täuschend echt wirkt, als handele es sich um einen neu geborenen Erdenbürger mit all seinen Bedürfnissen nach Nahrung, Pflege und liebevoller Zuwendung. In der Brust des Säuglingssimulators pocht nämlich ein elektronisches Herz, das lückenlos dokumentiert, wie der Winzling gehütet wurde. Die „Wonneproppen“ Luca und Healy hatten in Lisa Marx und Nicole Rosenau jedenfalls zwei super Mamas. Die beiden 14-Jährigen schlossen das Elternpraktikum mit einem Traumwert von 99 Prozent ab. Und auch den anderen Goetheschülern konnte Barbara Guth attestieren, dass sie ihre Elternrolle tapfer bewältigten. An dem Projekt beteiligten sich die Achtklässlerinnen, um Erfahrungen zu sammeln: „Mich hat es interessiert, wie ich in so einer Situation klar komme“, beschreibt Nicole Rosenau ihre Motivation. An ihrem langfristigen Lebenskonzept wollen Nicole und Lisa nach diesem Elternpraktikum übrigens nichts ändern: Eine abgeschlossene Schul- und Lehrausbildung steht für Nicole ganz oben auf der Prioritätenliste. Familienplanung sei für sie erst Mitte 20 ein konkretes Thema. Lisa hat ebenfalls klare Vorstellungen: „Ausbildung, Job, eine eigene Wohnung, danach kann man über Nachwuchs sprechen“, findet die Schülerin. Eine große Stütze war ihr während ihrer mehrtägigen „Elternzeit“ übrigens ihr Freund: „Er hat dazu beigetragen, dass ich durchgehalten habe“, hatte Lisa kein Problem damit, ihren Mitschülern und ihrer Biologielehrerin Silvia Frick ehrlich einzugestehen, dass sie sogar kurz davor war, das Projekt abzubrechen, weil der Babyalarm in der Nacht einfach kein Ende nehmen wollte. „Doch es lohnt sich wirklich, das einmal mitgemacht zu haben“, finden Lisa und Nicole, dass eine solche Probezeit wirklich etwas fürs Leben bringt.

Als Barbara Guth im Jahr 2004 den ersten Teenagern einen Säuglingssimulator in den Arm legte, betrat sie zugleich Neuland in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Gebiet der Sexualprävention. „Und ich hab es nicht bereut“, unterstreicht die Mitarbeiterin der DRK-Schwangerschaftsberatung Sternberg. Anfangs war die Sozialpädagogin sogar noch bis Rügen im Einsatz, was auf lange Sicht schon aus zeitlichen Gründen nicht mehr zu bewältigen war. Außerdem gibt es jetzt vor Ort Anbieter. Überhaupt hat sich das Projekt an vielen Standorten unter verschiedenen Trägerschaften etabliert. Dabei gehe es nicht vornehmlich um die (praktischen) Fragen der Verhütung und der Gestaltung von Partnerschaften, sondern um eine bewusste Entscheidung für oder gegen Elternschaft. Der Zeitpunkt sollte günstig sein. Mit der Methode „learning by doing“ sei es möglich, behutsam über Gefühle und Verhalten zu sprechen sowie Zusammenhänge zu begreifen, unterstreicht Barbara Guth. Natürlich werden Schülerinnen und Schüler, die am Projekt Babybedenkzeit teilgenommen haben, später als Eltern genauso mit all den Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die der Alltag parat hält. „Sie werden aber grundsätzliche Fragen zur Elternschaft bereits bedacht haben, als sie selbst noch nicht unter Handlungsdruck standen“, so Barbara Guth.


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erstellt am 16.Jan.2014 | 17:29 Uhr

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