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Parchimer Musikkneipe schließt nach 18 Jahren : Ein Stück "anno poll" zieht an die Atlantikküste

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Die Nachricht erwischte viele aus heiterem Himmel und so richtig glauben kann es mancher immer noch nicht: Anfang April werden Norbert Wiencke und Angelika Zwinscher ihre Musikkneipe "anno poll" am Alten Markt schließen.

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erstellt am 18.Feb.2013 | 06:11 Uhr

Parchim | Die Nachricht erwischte viele aus heiterem Himmel und so richtig glauben kann es mancher immer noch nicht: Voraussichtlich Anfang April werden Norbert Wiencke und Angelika Zwinscher ihre Musikkneipe "anno poll" am Alten Markt schließen. Der genaue Tag steht noch nicht fest.

18 Jahre galt das Lokal mitten in Parchim mit der weinlaub-bedeckten Fassade als beliebter Anziehungspunkt für Leute quer durch alle Alters- und sozialen Schichten, die von Blues über Country und Funk bis hin zu Soul auf handgemachte Musik, auf spezielles Flair und familäre Atmosphäre setzen. Parchim ohne das anno poll? Man möchte diesen Gedanken weit von sich schieben.

Auch die Betreiber taten sich mit einer endgültigen Entscheidung schwer, wie Norbert Wiencke unumwunden zugibt. Etwa ein Jahr lang ließen sie ihren Entschluss reifen. "Als es dann endlich raus war, war das eine unglaubliche Erleichterung für uns", gesteht Norbert Wiencke. Er sei jetzt 64 und damit einfach der Punkt für etwas anderes gekommen. "Es hat uns 18 Jahre lang einen Riesen-Spaß gemacht. Wir hatten ein tolles Publikum, tolle Musiker, alle zusammen haben wir viele schöne Abende verlebt", blicken Norbert Wiencke und Angelika Zwinscher zurück. Nicht gefasst waren die beiden anno poll-Wirte auf die Welle, die auf sie zukam, nachdem die Nachricht von der geplanten Schließung nun die Runde macht: "Was wir jetzt für Zuspruch bekommen, ist unglaublich", gestehen sie gerührt.

Der amerikanische Songwriter Dan Stevens schrieb bereits 2001 auf seiner Homepage, dass er hier den besten Abend auf seiner Europatournee erlebt hatte. Mit Thomas Ian Nicolas trat sogar eine Hollywoodgröße in Parchim auf. Die Wände sind bis zum letzten Winkel volltapeziert mit signierten Erinnerungsfotos von James Hunter, Alias Julius, Tom Shaka, Nanna Larsen, Lars & Dixi, Melanie Dekker oder der "Ella des Ostens", Ruth Hohmann aus Berlin, Los Reyes del K.O, Todd Wolfe, Teddy Richards, Peter Caulton... Blues-Legende Abi Wallenstein gehört ja längst zum Inventar. 18 Mal eröffnete er das Live-Jahr im anno poll, nicht selten schneite er auch zwischendurch noch mal herein. Und immer wieder bot die Kneipe am Alten Markt auch ambitionierten jungen Leuten aus der Stadt und der Region eine Bühne: Doreen Kaleitas Auftritte sind Legende, die Schülerband "Chill out" bekam wiederholt ein Podium. Am 23. Februar dürfte von hier aus ein buntes Gemisch aus Heavy Metal, Blues, Rock und Punk bis zum Alten Markt zu hören sein, wenn die Fun-Punk-Formation "SpEciaL GÄsT" den Reigen der vier geplanten Abschlusskonzerte (siehe Infokasten) einläutet. Diese Truppe hatte ihren ersten Probenraum vor noch nicht allzulanger Zeit in Dütschow.

"Wir hatten in Parchim die Kneipe, die wir in Hamburg nie gefunden haben", sind Angelika Zwinscher und Norbert Wiencke dankbar für die zurückliegenden 18 Jahre. Und um es vorwegzunehmen: Stünden sie noch einmal vor der Entscheidung wie damals, kurz nachdem die Mauer fiel, sie würden alles wieder genauso anpacken. Im Norwegen-Urlaub 1989 stellten sie sich erstmals die Frage "Was wäre wenn?"

Als der Familie von Norbert Wiencke, dessen Eltern gebürtige Parchimer sind, das Haus der Großeltern rückübertragen wurde, nahmen das beide als einen Wink des Schicksals. Nach einjähriger Umbau- und Renovierungszeit öffneten sich am 31. März 1995 die Türen zu der Kneipe, die sich in jeder Hinsicht den Charme eine alten Hauses mit einer wechselvollen Geschichte erhalten hat und in dem an eine alte Tradition angeknüpft wurde: Hatte hier doch schon ein gewisser Gustav Poll einen Weinhandel betrieben. Die Großeltern von Norbert Wiencke führten dessen Namen in ihrer bis in die 1950er Jahre betriebenen Weinstube weiter. Und so lag es für Angelika Zwinscher und Norbert Wiencke nur nahe, dass sie dem "anno" - für ihre beiden Vornamen - auch wieder das "poll" hinzufügten. Von dem zwei Jahre später eröffneten "Café au lait", inzwischen Café "Melange", in dem der erste professionell zubereitete Milchkaffee in Parchim zu haben war, was damals einer Sensation nahe kam, trennten sich die beiden Gastronomen wieder. Sie hatten eines Tages das Gefühl, dass vor lauter Arbeit die Lebensqualität auf der Strecke bleiben könnte. Dem wollten sie rechtzeitig gegensteuern. Eine Zeitlang standen Angelika Zwinscher und Norbert Wiencke auch als Betreiber der Theatergaststätte und Veranstalter von Theaterkonzerten in der Blutstraße hinter dem Thresen.

Im Theater wird man ihn und seine Frau auch künftig sehen, oder in der Galerie von Eckhard Bergmann, der sich Norbert Wiencke noch aus Zeiten verbunden fühlt, als er gemeinsam mit einer Gruppe Kunstinteressierter die Parchimer Kunstmeile organisierte. Von der ersten Auflage im Jahr 2006 an gehörten die anno poll-Wirte ebenfalls zu den Mitakteuren von "Parchim liest". Und machten damit solch eindrucksvolle Erlebnisse möglich, wie die in Kooperation mit der Galerie ebe organisierte Lesung des Schauspielers Dieter Wien aus "Leben, was sonst" von Helga Kaffke und Gabriele Berthel, das Ganze natürlich musikalisch begleitet - von "The I Wonder". Erst wenige Wochen zurück liegt der Auftritt des Musikers Volkwin Müller, der mit seinem Programm "Strawberry Songs" musikalisch und textlich eindrucksvoll das Schaffen des Beatle-Genies John Lennon würdigte.

Dass Norbert Wiencke sich mit seinen Ansichten in kommunalpolitischen Dingen nicht hinter dem Zapfhahn verschanzt hat, sondern als Mitbegründer der Alternativen Liste für Bürgernähe, Umwelt und Soziales (ALBUS) frischen Wind ins Rathaus wirbelte und einige Jahre auch als Stadtvertreter zu vielen unbequemen Fragen neigte, brachte ihm wahrlich nicht nur Freunde ein. Seit langem engagiert er sich zudem bei Transparency International Deutschland gegen Korruption und Amtsmissbrauch.

Norbert Wiencke und Angelika Zwinscher wollen Parchimer bleiben, weiter ihr Haus bewohnen. Für das Erdgeschoss suchen sie nun einen gewerblichen Nachnutzer, der - das wäre ein Glücksfall - seine Arbeitszeiten eher am Tage hat. Für das Inventar finden sich garantiert Leute, und die persönlichen Stücke bekommen einen eigenen Erinnerungskoffer. Groß wird er sein müssen, um zum Beispiel die Spiegelgitarre, die Gästebücher, die vielen sig-nierten Bilder oder die größte Schlumpfband der Welt gut verstauen zu können. Das Schlumpforchester thront seit seiner Erschaffung vor acht Jahren für einen Kreativwettbewerb zum zehnjährigen Bestehen des anno polls im Gastraum, in dem gerade der anno-poll-Blues läuft. Stefan, Anita, Robert, Susi und Christian haben den Text an einem Sonntag Abend im Jahr 2000 aus einer Laune heraus ins Gästebuch geschrieben, Claus "Dixi" Dierks und "Lars" Luis Linek machten später die Musik darauf und so entstand die CD.

Ein Stück "anno poll" zieht nach dem letzten Konzert Ende März sogar bis nach Portugal: Ein regelmäßiger englischer Gast von Norbert Wiencke und Angelika Zwinscher ist Eigentümer eines Pubs an der portugiesischen Atlantikküste. Die fast komplette Bilderwand aus der Parchimer Szenekneipe passt da einfach perfekt rein.

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