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Moltkedenkmal in Parchim : Ein Mensch mit Herz und Format

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Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Kläre Naraschewski ist es zu verdanken, dass 1947 das Moltkedenkmal erhalten blieb. Edeltraut Krase kannte die Lehrerin persönlich.

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erstellt am 27.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Als sich Edeltraut Krase kürzlich am Parchimer Moltkedenkmal einfand, um an einem geführten Rundgang durch die Heimatstadt teilzunehmen, waren sie plötzlich wieder sehr gegenwärtig – die Erinnerungen an ihre frühere Musiklehrerin Kläre Naraschewski. Dabei liegt die Schulzeit von Edeltraut Krase, Jahrgang 1944, schon sehr lange zurück. Die Parchimerin bezeichnet es als Glück, damals einige Lehrer gehabt zu haben, die ihr nicht nur eine solide Schulbildung vermittelten, sondern vor allem auch entscheidend zu ihrer Herzensbildung beitrugen. „Kläre Naraschewski habe ich immer sehr gemocht. Sie war eine einfühlsame Lehrerin, die in mir die Liebe zur Musik und am Singen weckte“, berichtet Edeltraut Krase, die sich seit vielen Jahren in der St. Georgenkantorei engagiert. Und sie übte selbst mit Leidenschaft den Lehrerberuf in der Eldestadt aus.

Edeltraut Krase hat ihr Vorbild in pädagogischer und menschlicher Hinsicht nie ganz aus den Augen verloren: Ein letztes Mal besuchte sie Kläre Naraschewski zwei Tage vor dem Tod. Die verehrte Lehrerin starb im Februar 2005 im Alter von 100 Jahren in der Eldestadt. Edeltraut Krase: „Ich wünsche mir, dass Kläre Naraschewski in Parchim nicht vergessen wird.“

Parchim wurde Kläre Naraschewski nach der Flucht aus Ostpreußen im Frühjahr 1945 zum neuen Zuhause. Die Natur, die mit der in Ostpreußen vergleichbar ist, half ihr sehr, über den Verlust der Heimat hinwegzukommen. Seit der Wiederaufnahme des Schulbetriebes am 1. Oktober 1945 bis zur Verabschiedung in den Ruhestand im Sommer 1964 arbeitete Kläre Naraschewski als Fachlehrerin für Musik an der Adolf-Diesterweg-Schule. In den 1950er Jahren erwarb sie im Fernstudium sogar noch ihre Lehrberechtigung an Oberschulen.

Zu einem Meilenstein in ihrer beruflichen Biografie wurde der 31. Januar 1947: Kläre Naraschewski hatte anlässlich des 150. Geburtstages von Franz Schubert im Hotel „Fritz Reuter“ (das ist das Gebäude des heutigen Landestheaters) mit Schülern einen viel beachteten Konzertabend organisiert. Die Veranstaltung verlief außerordentlich gut, das Konzert wurde sogar wiederholt.

Was heute kaum noch jemand weiß: Kläre Naraschewski ist es zu verdanken, dass das Moltkedenkmal in Parchim um 1947 erhalten blieb. Was war geschehen? Der russische Stadtkommandant Gustschow stellte der Lehrerin bei einer Begegnung völlig unvermittelt die Frage, um was für einen General es sich auf dem Moltkeplatz handelt und ob das ein guter oder schlechter sei. Kläre Naraschewski reagierte in dieser Situation furchtlos und fand intuitiv die richtigen Worte: Sie verteidigte das Denkmal als Kunstwerk und interpretierte die Pose des hohen Heerführers der deutschen Geschichte dahingehend, dass er über die Verantwortung von Krieg und Frieden nachdenke. Daraufhin beschied der General: Das Denkmal bleibt stehen.

Ihre Erinnerungen an diese einschneidende Begebenheit in dem schlimmsten Winter nach dem furchtbaren Krieg sowie an das Schubert-Konzert hat Kläre Naraschewski im hohen Alter persönlich niedergeschrieben. Zum Glück ist dieses dreieinhalb DIN-A-4-Seiten umfassende zeitgeschichtliche Dokument erhalten geblieben. Eine Kopie davon gelangte eines Tages auch in den Besitz von Edeltraut Krase.

Der Flughafen-Chronist Eberhart Schultze verfügte ebenfalls über diesen Zeitzeugenbericht und veröffentlichte ihn 2006 im zweiten Band seiner Flughafen-Geschichte* als Faksimile in gut lesbarer Größe. Darüber hinaus würdigte der Autor auf mehreren Seiten die Lebensleistung von Kläre Naraschewski. Eberhart Schultze zeichnet das Bild von einem toleranten und lebensbejahenden Menschen, der von sich aus nicht den Mittelpunkt gesucht hat. Nicht zuletzt stiftete Kläre Naraschewski die Kunstverglasung für ein großes Fenster in der St. Marienkirche.

Eberhart Schultze schreibt in seiner Flugplatz-Geschichte, dass von den ca. 20 bedeutendsten Moltke-Denkmälern in Deutschland im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg vier durch Kriegseinwirkungen zerstört wurden, weitere vier eingeschmolzen, sechs abgerissen wurden bzw. der Verbleib nicht nachweisbar ist. Sieben Standbilder blieben erhalten, darunter das in Parchim. Eingeweiht 1876, also noch zu Moltkes Lebzeiten, ist es mit das älteste erhalten gebliebene Moltkedenkmal in Deutschland. Es gibt Quellen, die es als das überhaupt älteste bezeichnen.


* Eberhart Schultze: Die Parchimer Flugplätze von 1937 bis 2006 . Ihre Geschichte und Gegenwart. (Band 2) Das Buch kann in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden.

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