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Parchimer Zeitung

18. Dezember 2017 | 15:55 Uhr

Parchim : Ein Kaufhaus-Detektiv packt aus

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Ole Clasen spürt seit 22 Jahren Ladendiebe auf. Auch in Parchim ist er für einen Haushalts-Discounter undercover im Einsatz

svz.de von
erstellt am 16.Feb.2016 | 06:30 Uhr

Zwei räuberische Elstern sorgten vor nicht all zu langer Zeit für Aufsehen, als sie in der Parchimer Innenstadt auf „Schnäppchenjagd“ gingen und in einem Haushalts-Discounter überführt wurden. Für Furore sorgte der Fall, weil die  mit einer deutlich kompakten Figur gesegneten Ladendiebinnen, die offenbar  noch eine dritte Komplizin am Start hatten,  nicht nur ein Mordsgezeter anstimmten, sondern sogar  gewalttätig gegenüber der zierlichen Verkäuferin und dem  athletischen Ladendetektiv wurden, um sich die Flucht zu erzwingen. Es nützte alles nichts, am Ende konnte das rabiate Duo der Polizei übergeben werden.

Der Ladendetektiv, der dem Beutezug der  Frauen    ein Ende setzte, heißt  Ole Clasen. Als Mitarbeiter der Wiking  Wach- und Werkschutz GmbH ist  der 46-Jährige auch regelmäßig in der Parchimer Mäc Geiz Filiale undercover im Einsatz.  Sie ist eines der kleinsten Objekte, die Clasen als  IHK-geprüfte Schutz- und Sicherheitskraft betreut.  Den Job als Detektiv im Einzelhandel macht er nun schon seit  22 Jahren. Sein  Einsatzgebiet reicht von  Memmingen bis Flensburg, von Bonn bis Gera. Mit seiner  Familie  lebt er in Schleswig-Holstein. 

Alle Abgründe der Menschheit erlebt

„Ich habe schon in alle  Abgründe der Menschheit geblickt. Egal ob Schüler auf Süßigkeitenbeute, Jugendlicher, gut abgesicherte  Haus- frau oder Geschäftsfrau, Obdachloser, Heimwerker, Beamter in gehobener Position, Rentner mit seinem Hackenporsche oder Junkie – geklaut wird in jeder Altersgruppe und in jeder gesellschaftlichen Schicht“, weiß der erfolgreiche Detektiv. Einmal erwischte er einen Drogenabhängigen, der sich vor seinen Augen sein letztes Heroin spritzte, bevor er zur Therapie einrückte. Die Hygieneartikel für den Klinikaufenthalt hatte er sich  komplett zusammengeklaut: einen Rucksack voll von der Zahnbürste bis zum Deo.

Clasen ist es wahrlich nicht nur einmal passiert, dass ihm mutmaßliche Ladendiebe aus der Szene statt des Ausweises den Aids-Pass präsentierten. Mit einem sehr eindeutigen Angebot wollte sich ein 14-jähriges mit Drogen voll gepumptes Mädchen aus der Affäre ziehen, nachdem sie beim Diebstahl erwischt wurde. Den  geklauten Sprit wollte sie  an der nächsten Ecke  verticken,  um flüssig für den nächsten Schuss zu sein.  Weil er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, konnte Clasen aber auch jenen akkurat gekleideten Herrn dingfest machen, der  einen  DVD-Player im Wert von 3000 Mark direkt aus der Ausstellung mitgehen ließ: Die Geräte  waren damals als neuester technischer Schrei gerade erst auf den Markt gekommen.

Der Kaufhaus-Detektiv plaudert locker  und gut gelaunt aus der Schule:  Männliche Täter  würden sich häufig  beim Baumarkt-Besuch  Batterien oder andere Kleinigkeiten als Prozente  geben – sozusagen  als ihr kleiner  innerer Parteitag.  So verfiel ein  Heimwerker, der quasi sein gesamtes Badezimmer in einer großen Baumarkt-Kette gekauft  hatte, der Versuchung, eine Tube Silikon zum Preis von  zwei Euro an der Kasse  vorbei zu schmuggeln. Er hatte sie mit in  die Duschkabine reingestopft.

Schon einige Blessuren eingesteckt

Zu seinen  pikantesten Fällen zählt Clasen   die Sache mit dem Bundeswehrangehörigen von oberstem Rang, den er in einem großen Einkaufszentrum  überführte: „Ich weiß noch ganz genau, was im Korb lag, als er in die Molkereiprodukte-Abteilung ging: zwei Stangen Steckis, zwei Flaschen Whiskey und zwei Flacons Gabriela Sabatini. Als er zurückkam, hatte er nichts mehr  außer Milch im Wagen.“  Der Detektiv wartete wie üblich ab, bis der Kunde, der seine Dienstuniform trug, die Kasse passiert hatte und vor die Tür getreten war. Dann spulte er seinen   Standardsatz ab: „Kann es sein, dass Sie etwas vergessen haben, zu bezahlen?“  Was Clasen in diesem Fall so nicht erwartet hatte: Der Ertappte knickte auf der Stelle ein und presste vor lauter Scham nur noch heraus:  „Bitte machen Sie das diskret.“

Überhaupt versuchen die meisten Sünder, sich mit dem Satz: „Können wir das nicht irgendwie regeln?“ vor der Verantwortung zu drücken. Nein, können wir nicht.

Obwohl der Detektiv stets darauf bedacht ist,  behutsam und besonnen vorzugehen, läuft  dieser äußerst sensible  Moment der Überführung längst nicht immer so  ruhig ab: Auch Ole Clasen hat schon viele heikle Situation erlebt.  Einmal erlitt  ein Kunde sogar vor lauter Schreck vor seinen Augen einen Herzinfarkt.  Bleibende „Erinnerungen“ daran, dass Clasens  Job ganz und gar nicht ungefährlich ist,  sind  zwei Narben im Gesicht und einige Blessuren an den Händen. Gegen  verbale Drohungen a lá „Ich mache ganze Magazin bum bum“ hat er sich ein dickes Fell zugelegt.  Niemals würde er Verdächtige z. B. bis ins Parkhaus oder durch  einen S-Bahn-Schacht verfolgen,  denn ein lebenswichtiger  Grundsatz in der Branche lautet: Eigensicherung kommt vor  Warensicherung.

Andersherum müsse man sich beim Einsatz oft  lange motivieren  können. Der ganz normale Arbeitsalltag  ist nämlich längst nicht so spektakulär und spannend wie ein Krimi, wie  mancher glauben mag.  Ladendiebe kommen ja nicht auf dem Präsentierteller daher und gerade  reisende Profis in organisierten Strukturen, die es auf große Warenwerte abgesehen haben,   verstünden ihr Handwerk ausgesprochen gut. „Das sind Jungs, die haben echt was auf dem Kasten.“ So war der Ladendieb-Jäger  regelrecht baff, als er  mitbekam, dass eben ein solcher  Profi  einen Kinderbadeanzug ganz eng am Körper trug, um darin massenhaft Thermostate aus dem Baumarkt zu schmuggeln.  Aber Clasen ist natürlich  auch Profi: Da kann es  schon mal passieren, dass er seinen  Beobachtungsposten   auf einem Hochträger bezieht und damit einen ganz anderen Blickwinkel auf den Einkaufstrubel als die Kameras  hat.  „Wenn du den Leuten so viele Jahre beim Einkaufen zugeschaut hast,  hast du ein Auge dafür, wer etwas im Schilde führt.“   Ein Dieb bewege sich ganz anders, eben kundenuntypisch, durch die Filiale. So beginnen  die Alarmglocken bei  Clasen sofort zu schrillen, wenn jemand mit mehreren handelsüblichen alu-beschichteten Kühltüten  den Laden betritt oder die Verdecke von Kinderwagen mit so genannten „Spucktüchern“ verhüllt sind. Ein alter Hut ist die Masche, Kinderwagen für Diebestouren mit Alufolie zu präparieren,  um so an der Beute die Diebstahlssicherung zu  deaktivieren.    Statt Babys wurden darin schon Bohrmaschinen, ein elektrischer Fuchsschwanz und Klamotten gebettet.  Drogenabhängige verraten sich oft  durch typische Gebrauchsspuren am Gürtel und durch ihre „Straßen“ auf den Händen.

Jeder Tag bringt neue Überraschungen

„Ich weiß morgens, wenn ich anfange, nicht, was passiert, bis ich abends  ausstemple.“ Doch genau das macht für Clasen den Reiz seines Berufes aus. Dass er  autonom, mit freier Zeiteinteilung arbeiten darf, stachelt seinen Erfolgshunger auf „fette Beute“ an.  Als Reisender, der so gut wie  täglich an einem anderen Ort ist, hat er längst den Dreh raus, wie sich das Dienstliche mit dem Angenehmen verbinden lässt. In Parchim schwört  er zum Beispiel auf die Erbsensuppe aus der Gulaschkanone vom Wochenmarkt. „Die gibt es so bei uns im Westen  nicht. Ich freue mich immer wieder, wenn ich an einem Mittwoch hier bin.“ Wenn er in Aachen im Einsatz ist, legt er eine kleine Schleife nach Belgien ein, um sich  dort mal wieder ne Portion Pommes zu gönnen.

In die Branche reingerutscht ist Ole Clasen eher zufällig: Er war damals aktiver  Bodybuilder, fand über den Kraftsport zu einem Sicherheitsdienst,  von dem er als Türsteher angeheuert wurde.   Es dauerte nicht lange, da sollte  er  nur mal für vier Tage als Kaufhausdetektiv aushelfen. Schon am ersten Tag gingen ihm drei Ladendiebe ins Netz, seine Erfolgsquote war von Anfang an auf hohem Niveau, egal wo er zum Einsatz kam:  in  den Filialen aller gängigen Baumarkt-Ketten,  in Discountern, Supermärkten, Drogeriefachmärkten, in Klamottenläden  namhafter Ketten, in den großen Centern oder den so genannten Alleinlagen, und natürlich  in der  Königsdisziplin: in den  Unterhaltungs-Elektronik-Abteilungen.

Vor elf Jahren fand  Clasen  schließlich zu  seinem heutigen Arbeitgeber in der  etwa 1500 Mitarbeiter zählenden deutschlandweit agierenden Unternehmensgruppe Wiking, die Dienstleistungen rund um das Thema Sicherheit anbietet.  Die Wach- und Werkschutz GmbH hatte bis dahin noch keine eigenen Kaufhausdetektive in Einsatz: Clasen baute die jetzige Struktur mit derzeit 35 Detektiven maßgeblich mit auf. Es könnten noch viel mehr Detektive sein, suchen Geschäftsführer Hans A. Schultz  und Personalchefin Manuela Möhring händeringend Nachwuchs. In seinem Unternehmen ist Clasen  heute hauptsächlich für die Akquise neuer Auftraggeber, die Ausbildung von  Azubis, die Betreuung der Großkunden und die Schulung ihres Personals  zuständig. Als Zusatzdienstleistung bietet er u. a.  an, sich bei Testdiebstählen und -käufen filmen zu lassen.  Als Detektiv mit Leib und Seele könnte Ole Clasen jedoch nie darauf verzichten, sich   weiterhin persönlich  auf die Lauer zu legen, auch um den Marktleitern ein Signal zu geben, dass er noch selbst am Start ist.  

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