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Reportage: Junges Theater Parchim : Ein großer Akt fernab der Bühne

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Mit dem Ensemble des Jungen Staatstheaters Parchim unterwegs auf die Insel Rügen. Kinder- und Jugendtheater seit drei Jahren ohne feste Bühne

svz.de von
erstellt am 08.Mär.2017 | 21:00 Uhr

„Ich will auch endlich wieder ein richtiges Haus haben“, sagt Schauspieler Martin Klinkenberg laut in den noch leeren Theatersaal. Klinkenberg befindet sich auf der Bühne des Putbuser Theaters auf Rügen, die heute Nachmittag von ihm und seinen Kollegen des Jungen Staatstheaters Parchim bespielt wird. Seit drei Jahren muss das Kinder- und Jugendtheater ohne feste Bühne auskommen.

Gute Stimmung bei der Abfahrt nach Putbus

Drei Stunden zuvor. An einem Sonntagvormittag trifft sich hinter dem Parchimer Theater die vierköpfige Besetzung von „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“. Trüb ist der Himmel, ungetrübt die Stimmung der Akteure Anne Ebel, Marlene Eiberger, Julian Dietz und Martin Klinkenberg. Gespräche über die gestrige Party, überbrücken das Warten auf die Abfahrt in das zweieinhalb Stunden entfernte Putbus. Eiberger feierte ihren 34. Geburtstag. Der Umgang untereinander ist humorvoll und freundschaftlich: „Da wir so viel Zeit miteinander verbringen, fühlt es sich an wie Familie“, meint Julian Dietz.

Der Transporter fährt vor. Auch Maskenbildnerin Sopfia Mey und Inspizientin Simone Schulz steigen mit dazu. Es fährt der Requisiteur Björn Heckendorf. Über 480 Kilometer, hin- und zurück, wird das Team heute zurücklegen.

Spaß bei den Proben: Klinkenberg und Dietz sind durch die gemeinsame Arbeit gute Freunde geworden.
Spaß bei den Proben: Klinkenberg und Dietz sind durch die gemeinsame Arbeit gute Freunde geworden. Foto: Gutt
 

„Ja, die Fahrten sind immer ätzend“, darüber sind die Darsteller einig. Martin Klinkenberg sitzt auf der hinteren Rückbank neben Julian Dietz und sagt: „Nach Putbus zu fahren ist immer schön, weil wir einmal mehr die Möglichkeit haben, auf einer echten Theaterbühne zu stehen.“ Kollegin Eiberger ergänzt: „Es ist zu etwas Besonderem geworden, auf richtigen Bühnen zu spielen.“ Für sie sei es ein harter Schlag gewesen, als 2014 die große Bühne im eigenen Haus für den Publikumsverkehr geschlossen wurde. Anfangs hätte sie sich arrangieren können, heute störe sie sich zunehmend an den Umständen, die die andauernden Gastspiele mit sich bringen würden. „Beispielsweise eine eigene Garderobe zu haben“, dass würde ihr fehlen. Klinkenberg: „Woanders stets Gast zu sein bedeutet, wir müssen uns immer anpassen und mit allem abfinden. Vieles musst du erfragen und erbitten. Außerdem ist das alles sehr zeitintensiv.“

Gegenwärtig spielt das Ensemble jede seiner Vorstellungen fernab der eigenen Bretter. Ähnlich muss es wohl Popstars auf ihren Tourneen ergehen, denn die Reiserei bedeutet enormen Aufwand. Weitere Strecken wie die heutige, machen aus dem einstündigen Bühnenakt einen ganztägigen Kraftakt.

Insgesamt 13 Mitarbeiter haben sich heute auf den Weg  gemacht. Die Bühnen-, Ton- und Lichttechniker sind morgens um neun die ersten, die das ehemalige Residenztheater in Putbus betreten.  Bevor die jungen Schauspieler am Spielort eintreffen, bauen die Techniker die Kulissen auf und richten die Scheinwerfer ein. Es folgt die Tonprobe, bei der Ott-Albrecht, Regisseur von „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“, in der Mitte des Saals platz nimmt und überprüft, wie zum Beispiel das „Eisknacken“ klingt. Die Geräusche unterstützen die Szenen, in denen Emil Zahnlücke (Anne Ebel) auf dem Eis des Rügischen Boddens liegt, auf die Rettung der Feuerwehr wartend.

Vor dem Auftritt wärmen die Schauspieler ihre Stimmen durch Gesangs- und Atemübungen auf.

Vor dem Auftritt wärmen die Schauspieler ihre Stimmen durch Gesangs- und Atemübungen auf.

Foto: Gutt
 

Schlafende Darsteller auf der Rückbank

Zunächst in Plauderstimmung, sinkt dagegen im Transporter ein Schauspieler nach dem anderen in den Kurzschlaf. Klinkenberg und Dietz ziehen ihre Wollmützen tiefer ins Gesicht und nicken ein. Bei Schwerin geht es auf die Autobahn, aus Niesel wird Regen. Die Scheibenwischer sind im Dauereinsatz.

Die Überfahrt aufs Eiland verschläft das Darstellerquartett. Die Seitenfenster sind beschlagen, nur der Blick aus der Frontscheibe verrät, Putbus liegt direkt vor ihnen. Die Gruppe erwacht. Nach wenigen Metern ist das Ziel erreicht, das klassizistische Theatergebäude liegt an der menschenleeren Hauptstraße gegenüber des Schlossparks.

„Es wird noch eingeleuchtet“, informiert Simone Schulz, die Koordinatorin der Vorstellung. Sie ist für sämtliche Abläufe vor und während des Auftritts verantwortlich.  „Die Schauspieler machen ihr Ding und alles drum herum wie Ton, Licht, Umbauten, Text, liegt in meinen Händen“, erzählt sie.

Hektik kommt im Laufe des Tages nicht auf. Alle Vorbereitungen laufen entspannt ab: „Da wir als Gastspieltheater arbeiten, sind unsere Spieltage strikt durchorganisiert. Wir gehen unaufgeregt an die Arbeit“, erklärt Thomas Ott-Albrecht. Regisseur und Schauspieler begehen zum ersten Mal am Tag die Bühne.  Im Moment erproben die Techniker das Hin- und Herschieben der Bühnenbilder. Während der Szenenwechsel müssen sie später die rollenden Kulissen auf die richtige Position rücken. „Orientierung ist ganz wichtig“, so Ott-Albrecht.

Verwandlung: In der Maske schlüpft Marlene Eiberger in die Männerrolle.

Verwandlung: In der Maske schlüpft Marlene Eiberger in die Männerrolle.

Foto: Gutt
 

Kostüm und Maske eine Stunde vor dem Auftritt

Zeit für die Maske. Marlene Eiberger ist die Erste auf dem Stuhl von Sophia Mey. Die Chefmaskenbildnerin des Jungen Staatstheaters Parchims verwandelt das Geburtstagkind, das noch im bunten Kleid und hochhackigen Schuhen vor ihr sitzt, in Wachtmeister Meier. „Das Stück ist nicht aufwändig, was das Schminken betrifft“, erzählt Mey.  Für Eiberger ist die Männerrolle eine Besonderheit: „Klar, mit Perücken und anderen Mitteln zu arbeiten, hilft mir. Einen Mann zu spielen ist nicht selbstverständlich. Ob das Publikum mir den Mann auch abkauft, frag ich mich schon.“

Während dessen legt Björn Heckendorf die Requisiten an die Stellen, an denen sie nachher gebraucht werden. Auch die Kostüme für Anne Ebel, die vier unterschiedliche Rollen spielt, reiht er auf einem Tisch auf. Er holt einen Zettel aus der Tasche. Auf diesem stehen in Bleistift notierte Stichpunkte: „Das ist mein Ablaufplan. Von Zureichung, Umbauten bis hin zu Effekten habe ich etwa 20 Dinge bei der laufenden Vorstellung zu tun“, erklärt der Mann, der auch am Ende des Spieltages am Steuer sitzen wird.

Björn Heckendorf bereitet die Requisiten vor.

Björn Heckendorf bereitet die Requisiten vor.

Foto: Gutt

Kindliche Vorfreude gewinnt im Zuschauersaal an Lautstärke. Es füllt sich. Hinter der Bühne wärmen Klinkenberg, Dietz, Eiberger und Ebel ihre Stimmen auf.  Hertha Hastig alias Anne Ebel murmelt ihren Prologtext vor sich hin. „Es geht gleich los“, unterbricht Inspizientin Simone Schulz die Mimen und schickt sie hinter den Vorhang.

„Was ein tolles Publikum“, meint Anne Ebel nach der Vorstellung, wieder im Auto sitzend. Ebel ist ganz durchgeschwitzt, ihre blitzschnellen Rollenwechsel machen die 65 Minuten Spielzeit für sie zur Sportstunde.  Nun sei sie gedanklich bei den nächsten Tagen, verrät sie. Im März sind über 15 Vorstellungen zu geben, etwa die Hälfte davon nicht in Parchim, ergänzt die Schauspielerin.

 

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