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Kulturhaus Mestlin : Eigene Geschichte hervorgeholt

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Neue Ausstellung im Kulturhaus Mestlin zur Frage „Was ist die DDR für Dich?“

In seinem Brockhaus-Lexikon hat der Landtagsabgeordnete André Brie (Die Linke) das einstige sozialistische Musterdorf nicht gefunden. Aber er wusste von dessen Existenz. Sein Vater, Überlebender des Holocaust und überzeugter Kommunist, hatte es ihm stolz gezeigt, weil er darin eine Vision des anderen Deutschlands verwirklicht sah: Land und Stadt durch Kunst und Kultur einander näher zu bringen. „Das Mestliner Kulturhaus und seine Veranstaltungen kannten fast alle Menschen im damaligen Bezirk Schwerin.“ Nach der Wende schien der riesige Bau nicht mehr in die Zeit zu passen und erwies sich als zu große finanzielle Belastung für die Gemeinde. Doch der Verein Denkmal Kultur Mestlin habe es geschafft, diesem Haus wieder neues Leben einzuhauchen, „indem er großartige und vielfältige Kunst nach Mestlin holte“. Brie hielt die Laudatio für die jüngste Ausstellung im Kulturhaus: „Was ist die DDR für Dich?“

Für die Suche nach Antworten hatte sich die Fotografin Bettina Flitner 2013 wochenlang in Mestlin aufgehalten, Menschen nach ihren Erinnerungen und nach ihrem heutigen Leben befragt: Wie war das Leben in der DDR, wie sah der Alltag aus? Wie stellt sich das damalige Leben aus heutiger Sicht dar? Welche Gegenstände aus dieser Zeit besitzen sie noch? „Die Mestliner haben mir ihre Herzen, Wohnzimmer und Speicher geöffnet“, erinnert sich Bettina Flitner dankbar. „Sie haben sich bereitwillig porträtieren lassen.“ Aufbewahrte und weggeräumte Geschichte sei gemeinsam wieder hervorgeholt worden. „Die Hurra-Bilder der Wendezeit wurden hohl.“

Die Fotografin, so Brie, sei mit großer Neugier, Achtung und mit offenem Blick, Geist und Herzen nach Mestlin gekommen, habe den Menschen aufmerksam zugehört und ihr Vertrauen gefunden. „Wenn man sich erinnert, zieht man den Reichtum hervor, der an sich in Einem ist“, zitierte er dazu den Philosophen Hegel. Genau so unterschiedlich wie diese Menschen seien auch die Antworten ausgefallen – widersprüchlich, gegensätzlich. Bettina Flitner sei es gelungen, den Reichtum, die Vielfalt und Differenzen der Erinnerungen aufzuspüren und sehenswert zu gestalten,  obwohl Klaus Mann einmal gesagt habe, dass auf Erinnerungen kein Verlass sei. „Und dennoch gibt es keine andere Wirklichkeit außer der, die wir im Gedächtnis tragen.“ Brie schloss mit einem Zitat von Erich Kästner: „Erinnerung bildet den Menschen um. Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“ Die Ausstellung biete die Möglichkeit, nachzudenken, zu streiten „und weder böse noch dumm zu werden.“

Die Ausstellung im Kulturhaus gliedert sich in drei Stränge. Porträtiert sind ältere Mestliner, die in der DDR gelebt haben. Zu ihnen zählt beispielsweise Rudolph Ziegert (58): „Um meinem Vater einen Gefallen zu tun, hatte ich mich der deutsch-sowjetischen Freundschaft angeschlossen, aber ansonsten immer abseits gehalten.“ Auch sein Cousin Martin Pischel (58) hat so seine Erinnerungen und Erfahrungen: „Früher hatten alle Arbeit und alles war einfacher. Heute muss man um alles kämpfen.“

Bettina Flitner habe sich intensiv für die DDR-Zeit interessiert. „Wir konnten uns nicht um Erinnerungen kümmern, weil die Wende viel zu schnell ging und wir Schritt halten mussten.“ Ihre Aussagen sind ebenso dokumentiert wie die von jüngeren Menschen, die erst nach der Wende geboren wurden, die DDR nur vom Hörensagen kennen „und wenig darüber wissen“, zeigte sich André Brie erschrocken. Für Liza (17) war die DDR gleichbedeuten mit der Erinnerung an alte Kleidung, Autos, Frisuren und schwarz-weiß Filme. Der dritte Strang ist Mestliner Bauwerken und Fundsachen gewidmet. Die Ausstellung ist noch bis zum 25. September zu sehen. Mit den  Fotos und den Zitaten möchte der „Verein Denkmal Kultur Mestlin“ Anstöße geben zum Austausch zwischen Jung und Alt, zwischen Ost und West.



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