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Parchimer Zeitung

25. November 2017 | 05:08 Uhr

Die Lebensretterinnen von Parchim

vom

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erstellt am 09.Apr.2013 | 06:21 Uhr

Parchim | Weil sich zwei Mitarbeiterinnen einer Parchimer Fleischerei gestern Sorgen um einen ausbleibenden Kunden machten, überlebte ein 78-Jähriger. Die Polizei fand den völlig dehydrierten Mann in letzter Minute in seiner Wohnung in der Weststadt. Wir besuchten die Schutzengel an ihrem Arbeitsplatz.

"Sie dürfen sich heute als Lebensretterin fühlen" - als Doreen Klaus gestern früh ihre Arbeitsstelle, die Fleischerei Haro im Parchim Center, aufschloss hätte sie sich wohl nicht träumen lassen, diesen Satz wenige Stunden später von einem Polizeibeamten zu hören. "Ich habe einfach nur getan, was für mich selbstverständlich ist", erklärt die sympathische Verkäuferin, die gestern gemeinsam mit ihrer Kollegin Monika Rehberg ein Zeichen für mehr Zivilcourage setzte.

Die beiden Frauen sind seit nunmehr einem Jahr ein eingespieltes Team in der Fleischer-Kette mit Imbissangebot. Viele ihrer Kunden kommen täglich und so kennen die Verkäuferinnen inzwischen auch die kleinen Eigenheiten und Vorlieben ihrer Kunden. Einer von ihnen ist der 78-jährige Josef, den sie seit jeher liebevoll Opi nennen. "Opi kommt schon seit Jahren täglich. Er hat wohl weder Herd noch Kühlschrank und so genießt er sein warmes Mittagessen immer bei uns - sogar am Sonnabend nimmt er sich eine Portion für Sonntagmittag mit, damit er übers Wochenende kommt", erinnert sich Doreen Klaus.

Doch Mitte letzter Woche war plötzlich etwas anders - Opi kam am Donnerstag nicht wie gewohnt zwischen 11.30 und 12.30 Uhr zum Essen. Auch Freitag, Sonnabend und Montag blieb der Eintopf liebhaber fern. "Eigentlich kam uns das schon in der vergangenen Woche seltsam vor, aber da haben wir noch an eine harmlose Krankheit oder dergleichen gedacht. Als er aber auch am Montag nicht erschien, machten wir uns wirklich Sorgen", sagt Monika Rehberg. Der Rentner habe außer ein paar Freunden, mit denen er die Nachmittage beim Bäcker verbrachte, wohl keine Familie und das veranlasste die Kolleginnen aktiv zu werden.

"Zuerst fragten wir seine Freunde, aber auch die wussten nichts - einer von ihnen kannte glücklicherweise Josefs Adresse und klingelte am frühen Dienstagmorgen bei ihm - aber er öffnete nicht. Da beschlossen wir die Polizei einzuschalten", berichtet Doreen Klaus, die gestern gegen 9 Uhr vormittags die Polizeibeamten alarmierte. Gerade noch rechtzeitig, wie die Polizei gestern mitteilte.

Als die Beamten an der Erdgeschosswohnung des vermissten Rentners in der Ziegendorfer Chaussee eintrafen kletterten sie beherzt auf dessen Balkon und entdeckten den regungslos am Boden liegenden Mann durch das Wohnzimmerfenster. Als der allein lebende Rentner schließlich die nahende Hilfe bemerkte, habe er durch das Heben einer Hand ein Lebenszeichen von sich geben können.

Der 78-jährige Parchimer sei stark dehydriert gewesen und hätte offenbar ohne die Hilfe der couragierten Verkäuferinnen nur noch wenige Stunden überlebt, wie Klaus Wiechmann, Sprecher der Polizeiinspektion Ludwigslust, gestern mitteilte. "Ich bin so erleichtert, dass unser Opi noch lebt", sagt Doreen Klaus und Kollegin Monika Rehberg fügt hinzu: "Das hätte auch ganz anders ausgehen können - zum Glück haben wir nicht noch länger gewartet." Enttäuscht seien die beiden Frauen dennoch. Keiner seiner angeblichen Freunde habe sich ernsthafte Sorgen gemacht. "Als ich die Männer darauf ansprach, bekam ich gar keine Reaktion - sein Kumpel drehte sich einfach um und ging. Wirklich traurig wenn sich niemand mehr um den anderen kümmert. Für mich ist das ganz normal und ich fühle mich deshalb nicht als Heldin - ein großer Stein ist mir heute dennoch vom Herzen gefallen", verrät Doreen Klaus.

Auch Waldemar Skrocki, Chef des Polizeihauptreviers Parchim, begrüßt das Engagement der beiden Parchimerinnen. "Es ist dankenswert, dass es Menschen gibt, die sich noch dafür interessieren, was links und rechts von ihnen passiert. Ohne Mithilfe unserer Bürger können wir den Menschen nicht helfen", so Waldemar Skrocki.

Bleibt zu hoffen, dass die Zivilcourage der beiden Verkäuferinnen aus Parchim ein gutes Beispiel für viele andere zukünftige Helfer abgibt und das Josef bald wieder seinen geliebten Eintopf in seinem Stammimbiss genießen kann.

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