Parchim : „Die Jüngeren müssen ans Ruder“

Genießt das Leben als Freizeitskipper mit seinem roten Sportboot auf der Elde: Sozialdemokrat Carsten Schwarz
Genießt das Leben als Freizeitskipper mit seinem roten Sportboot auf der Elde: Sozialdemokrat Carsten Schwarz

Parchimer Sozialdemokrat Carsten Schwarz tritt zur nächsten Wahl nicht mehr an

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29. Juni 2018, 05:00 Uhr

Die Kommunalwahlen, bei denen im Frühjahr 2019 unter anderem Stadtvertreter, ehrenamtliche Bürgermeister und Gemeindevertreter neu gewählt werden, werfen erste Schatten voraus. Nachdem vor wenigen Tagen mit Stefan Sternberg der 34-jährige Bürgermeister von Grabow (SPD) die Landratswahlen für sich entscheiden konnte, dürfte auch bei den bevorstehenden Kommunalwahlen vielerorts ein Generationswechsel anstehen. „Nun müssen die Jüngeren ans Ruder“, meint Carsten Schwarz, der sich als Sozialdemokrat in der Parchimer Stadtvertretung seit Jahrzehnten engagiert. In der SPD-Fraktion ist man sich einig, frühzeitig mit der Kandidatenaufstellung zu beginnen. „Für mich steht fest, dass ich mich nicht mehr für einen Sitz in der Stadtvertretung bewerben werde. Im Herbst werde ich 70. Da sollte man eine klare Entscheidung treffen“, sagt er. „Die alarmierend niedrige Wahlbeteiligung bei den jüngsten Landratswahlen, ist leider ein Beleg dafür, dass die Politik im Großen wie im Kleinen an vielen Menschen, ob Jung oder Alt, vorbei geht. Es dürfte eine Herausforderung werden, für die Vertretungen geeignete Bewerber zu finden, die sich in ihrer Freizeit für das Allgemeinwohl einsetzen“, ist sich Carsten Schwarz sicher.

Carsten Schwarz, den es nach der Zeit als Spezialtaucher bei der NVA Anfang der 1970er Jahre nach Parchim verschlug und der im noch jungen Hydraulikwerk zunächst in der Fertigungskontrolle (TKO) und dann als hauptamtlicher BGL-Vorsitzender tätig war, hat 1989 die Turbulenzen der Wende in einem sozialistischen Vorzeigeunternehmen mit rund 2500 Mitarbeitern hautnah miterlebt. „Treuhandmitarbeiter und Vertreter der IG Metall aus Hamburg gaben sich bei uns die Klinke in die Hand. Es ging um viele Arbeitsplätze, das Schicksal hunderter Familien. Da konnte ich mich nicht einfach davon stehlen. Als mich Hermann Spieker von der IG Metall aufforderte, mich der Wahl als Betriebsratsvorsitzender zu stellen, war ich zunächst skeptisch. Das klare Votum der Kolleginnen und Kollegen war ein klarer Auftrag, dem ich mich auch stellen wollte“, erinnert sich der heute 69-Jährige noch sehr genau. Da fielen nicht selten harte Worte, die dem noch unerfahrenen Betriebsratsvorsitzenden sogar ein Hausverbot bei der Treuhand in Berlin bescherten. „Es war bitter, dass an manchen Tagen hunderte Kündigungen ausgesprochen wurden. Wir wollten nicht tatenlos zusehen, den Betrieb auf jeden Fall retten und auch möglichst vielen Kollegen eine Chance bewahren.“ Die IG Metall war es dann auch, die der Treuhand die Gründung der Beschäftigungsgesellschaft ABS Parchim abringen konnte. Carsten Schwarz übernahm nicht nur die Geschäftsführung, sondern wurde auch Mitgesellschafter und konnte die Stadt Parchim davon überzeugen, sich ebenfalls als Gesellschafter der ABS zu engagieren. Das erwies sich viele Jahre als Erfolgsmodell.

„Für hunderte Frauen und Männer war es ein Rettungsanker auf Zeit, um nicht in ein tiefes Loch der Arbeitslosigkeit zu fallen. Für unsere Stadt und die Region ergaben sich Chancen, um Projekte für die Allgemeinheit umzusetzen, die bis heute im Alltag unverzichtbar sind“, meint er. Für Carsten Schwarz war es eine logische Konsequenz, sich als Sozialdemokrat auch in die Kommunalpolitik einzubringen. „Wenn ich durch unsere Stadt gehe oder durch die Region fahre, macht es mich schon ein wenig stolz, was wir gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Das aus dem verfallenen Wasserberg ein modernes Areal mit Stadthaus und stilvollen Freiflächen geworden ist, war eine umstrittene, aber letztendlich richtige Entscheidung. Weniger gelungen ist aus meiner Sicht der karge Schuhmarkt mit dem wenig geliebten Brunnen. Aber es gehört dazu, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren“, gibt der erfahrene Stadtvertreter zu bedenken. Enttäuscht ist er bis heute, dass die SPD-Fraktion an Einfluss in der Stadtpolitik eingebüßt hat und bei brisanten Themen oft keine klare Kante zeigt. „Für mich war es beispielsweise keine sozialdemokratische Politik, sich nicht gegen die Privatisierung des Markower Mühlenteiches zu wehren und damit Kindern und Jugendlichen, die ihn jahrelang als Petrijünger gepflegt hatten, wegzunehmen“, ist Carsten Schwarz noch immer tief enttäuscht. Ärgerlich findet er auch, dass es nach mehr als 15 Jahren noch immer nicht gelungen ist, die Dreckecke vis-a-vis der St. Marienkirche, die ein Möchtegern-Investor hinterlassen hat und die das Stadtbild verschandelt, zu beseitigen.

Der Rückzug aus der Stadtvertretung heißt für Carsten Schwarz keinesfalls, die Hände in den Schoß zu legen. Als Vorstandsmitglied im Förderverein des Pingelhofes in Alt Damerow liegt ihm als „Technikchef“ der Erhalt des Erbes am Herzen. „Kommunalpolitik ist eine spannende Sache, für die es sich lohnt, persönliche Freizeit zu opfern. Das wird auch weiterhin nötig sein, wenn ich beispielsweise an das ehrgeizige Projekt der Kulturmühle denke. Das wird den künftigen Stadtvertretern viel Kraft kosten. Die Zeit arbeitet leider gegen uns“, gibt Carsten Schwarz, der seine kommunalpolitischen Erfahrungen gerne auch an die jüngeren Sozialdemokraten weitergibt, zu bedenken.


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