Parchim : Diagnose: Hausärzte-Notstand

Schwester Sandra Sperling (l.) und Schwester Rebecca Hellmich sind an der Anmeldung für die Patienten meist die ersten Ansprechpartner. Ihnen sagen zu müssen, dass sie nicht übernommen werden können, ist für sie emotional sehr belastend. Dr. Joachim Hesse praktiziert seit elf Jahren in Parchim. Er hat sich bewusst für seine Heimatstadt entschieden.
Foto:
Schwester Sandra Sperling (l.) und Schwester Rebecca Hellmich sind an der Anmeldung für die Patienten meist die ersten Ansprechpartner. Ihnen sagen zu müssen, dass sie nicht übernommen werden können, ist für sie emotional sehr belastend. Dr. Joachim Hesse praktiziert seit elf Jahren in Parchim. Er hat sich bewusst für seine Heimatstadt entschieden.

Lage wird in Parchim immer prekärer: Ein Arzt schildert, wie sich die Situation im Praxisalltag darstellt und wie er die Zukunft sieht, wenn sich das Blatt nicht wendet

von
30. September 2017, 05:00 Uhr

In den vergangenen Monaten hat sich die Lage der hausärztlichen Versorgung der Bürger in der Kreisstadt immer weiter zugespitzt, im Juni war die Schmerzgrenze erreicht: Täglich liefen in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Joachim Hesse und Dr. Alexander Kademann in der Parchimer Südstadt mindestens 20 Anfragen von besorgten Patienten auf, ob man sie hausärztlich übernehmen und betreuen könne.

„Es war zum Verzweifeln. In mehr als 80 Prozent der Fälle mussten wir nein sagen. Das war eine unglaublich schwere und auch emotional belastende Aufgabe für unsere Schwestern. Die Stimmung an der Anmeldung war getragen von Niedergeschlagenheit und Enttäuschung, aber auch Wut und Empörung seitens der Patienten. Wir mussten immer wieder um Verständnis bitten, dass eine bestimmte Kapazitätsgrenze erreicht ist. Es geht einfach nicht mehr.“ Mit diesen Worten beschreibt Dr. Hesse den ärztlichen Versorgungsnotstand in Parchim aus Sicht eines Hausarztes. Hintergrund: In der Kreisstadt hat im Frühsommer ein weiterer niedergelassener Arzt den Ruhestand angetreten. Von dem Moment an, als sich herausstellte, dass es keinen Nachfolger geben wird, begann der Run der Patienten auf die noch verbliebenen Praxen. Wenn nicht Kollegen aus der relativ ortsnahen Umgebung wie in Sternberg, Dabel und Zapel etliche mobile Patienten übernommen hätten, wäre die Lage noch dramatischer geworden, ist sich Dr. Hesse sicher. Im Stadtgebiet von Parchim und der näheren Umgebung gibt es seinen Recherchen zufolge derzeit 10 (!) unbesetzte Hausarztstellen.

Somit ist es keine drohende Gefahr in der Zukunft, sondern bereits bittere Realität, dass viele in Parchim wohnende Patienten überhaupt keinen Hausarzt mehr haben. „Die ärztliche Grundversorgung zählt zu den elementarsten Ansprüchen an eine funktionierende Infrastruktur einer Region. Dass wir hiermit ein riesiges Problem haben, muss von der Öffentlichkeit und den Verantwortlichen einfach breiter wahrgenommen werden! Wenn sich jetzt nicht schnell etwas ändert, wird die ärztliche Versorgung in Parchim in der von uns allen gewünschten Qualität nicht mehr aufrechtzuerhalten sein“, warnt er eindringlich.

Weite Wege, lange Wartezeiten

Schon jetzt ist es Realität, dass das klassische hausärztliche Modell, bei dem der insbesondere chronisch kranke Patient einmal im Quartal mit einem festen Termin bei seinem Arzt vorstellig wird, nicht mehr umsetzbar ist.

Dr. Joachim Hesse: „Der Hausarzt vor Ort als umfassender medizinischer Betreuer und ‚Lotse‘ seiner Patienten in unserem Gesundheitssystem wird immer mehr zur Illusion. Die maximale Grundversorgung wird es im ambulanten Bereich in Parchim nicht mehr geben. Patienten müssen akzeptieren, dass sie für spezielle Untersuchungen, die dem fachärztlichen Bereich zugeordnet sind, weitere, zum Teil sehr weite Wege, in Kauf nehmen müssen. Das betrifft Untersuchungen zur Funktionsdiagnostik an Herz und Lunge, Ultraschalluntersuchungen und auch bestimmte Laborleistungen. Für derartige Überweisungsaufträge haben wir in unserer Praxis momentan Terminfristen von bis zu einem halben Jahr. Trotz Versuchen, die Dringlichkeit zu filtern, besteht immer mehr die Gefahr, dass diese Untersuchungen ihre medizinische Sinnhaftigkeit verlieren“, prognostiziert Dr. Hesse. Der 49-Jährige Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Hämato-/Onkologie betreibt seit elf Jahren in seiner Heimatstadt eine Internistische Praxis mit umfangreicher hausärztlicher Betreuung.

Schon jetzt erfordert es immer mehr organisatorische Weitsicht vom gesamten Team, die ganzheitliche Versorgung – also die Einheit von Diagnose, Therapie und kontrollierender Begleitung – zu gewährleisten. Dr. Joachim Hesse mag sich nicht vorstellen, wie es in unmittelbarer Zukunft weitergehen soll, wenn sich an der Gesamtsituation nicht schnell etwas ändert. Bis zu drei Stunden Wartezeit müssen Patienten aktuell bei ihm in Kauf nehmen, wenn sie mit einem klassischen hausärztlichen Problem in die Sprechstunde kommen. Es gab sogar schon Überlegungen im Team, ob Terminsprechstunden überhaupt noch Sinn machen. „Die zahlreichen zusätzlichen und dringlichen Patientenfälle in den Praxisalltag zu integrieren, stellt eine riesige Herausforderung dar, insbesondere für unsere Schwestern. Aber bei einer völlig ,offenen‘ Sprechstunde befürchte ich das totale Chaos!“, kann der Facharzt das nicht verantworten.

Teufelskreis dreht sich immer weiter

Dabei dreht sich der Teufelskreis längst weiter: Für Hausbesuche und die Betreuung von Heimpatienten bleibt immer weniger Zeit. Dr. Hesse hat bereits von Kollegen gehört, die diese Leistungen gar nicht mehr anbieten können oder werden. In seiner Praxis werden die Besuche im häuslichen Umfeld der Patienten in der Regel vom 80-jährigen Vater des Praxisinhabers und einer dafür speziell ausgebildeten Schwester abgedeckt.

Dr. Joachim Hesse ist Hausarzt aus Berufung, aber die Vorstellung, dass das Hausarztprinzip aus Mangel an Ärzten in Zukunft immer mehr zum Stückwerk verkommt, bereitet ihm große Bauchschmerzen. „Wer heute noch denkt, es wird schon irgendwie weitergehen, unterliegt einem fatalen Irrtum“, legt der Arzt den Finger direkt in die Wunde.

„Dabei sind die Bedingungen für eine Niederlassung vor Ort heute so gut, wie man es sich nur wünschen kann“, bricht er bei potenziellen Berufskollegen eine Lanze für Parchim. „Es gibt Patienten ohne Ende und keinerlei Konkurrenzsituation. Im Gegenteil: Man ist bei den Kollegen gern gesehen. Wer heute vorhat, sich als Hausarzt in Parchim niederzulassen, bekommt von jedem den roten Teppich ausgerollt“, ist sich Dr. Joachim Hesse sicher.

Zudem habe man auf einen von der Kassenärztlichen Vereinigung immer wieder thematisierten Kritikpunkt reagiert, dass es keine Weiterbildungsmöglichkeiten für Allgemeinmediziner in den Praxen vor Ort gibt: Sein Kollege Dr. Kademann hat bei der Landesärztekammer einen Antrag auf Weiterbildungsermächtigung für die Gemeinschaftspraxis gestellt. „Es gäbe dann die Möglichkeit für junge Ärzte, im Rahmen ihrer Ausbildung für 12 Monate in unserer Praxis mitzuwirken und sich Kenntnisse eines hausärztlichen Internisten anzueignen. Wir wären hocherfreut über jeden Interessenten!“

Auch im Rathaus gibt es Überlegungen, niederlassungswilligen Hausärzten das Ankommen in der Kreisstadt angenehmer zu gestalten, sie zum Beispiel bei der Suche nach Wohnraum, Wohneigentum und Praxisräumen zu unterstützen, versicherte Bürgermeister Dirk Flörke auf Anfrage unserer Zeitung.

Die Hoffnung noch nicht aufgegeben

Noch hat Dr. Joachim Hesse die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich das Blatt wenden könnte, sich auch durch eine positive Mund- zu-Mund-Propaganda junge Ärzte für die Region und diesen Job begeistern lassen. Er weiß natürlich: „Allein wegen des Geldes kommt keiner.“ Viele gut ausgebildete Ärzte zieht es heute an Kliniken, wo sie eine Festanstellung oder auch attraktive Teilzeitarbeitsbedingungen und damit soziale Absicherung erwarten.

Auch Dr. Joachim Hesse war früher sehr gerne als Stationsarzt an der Uniklinik in seinem Studienort Jena tätig. Doch er würde sich heute wieder für den Weg entscheiden, den er vor elf Jahren eingeschlagen hat: als Hausarzt für seine Patienten im mecklenburgischen Parchim.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert