Parchim : Der Vegetarier im Fleischladen

Seit 2006 ist Kay Gundlack selbstständig –  mit seiner Schuhmanufaktur am Neuen Markt in Parchim
Seit 2006 ist Kay Gundlack selbstständig – mit seiner Schuhmanufaktur am Neuen Markt in Parchim

Kay Gundlack fertigt Schuhe per Hand – und braucht für ein Paar etwa 40 Stunden

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11. Mai 2018, 08:00 Uhr

In kaum einem Berufsstand liegen Tradition und technischer Fortschritt so nahe beieinander wie im Handwerk. Was früher ausschließlich mit der Hand gestaltet wurde, geschieht heute in vielen handwerklichen Berufen mit Hilfe von Computern. Trotzdem lernen Handwerker auch heute noch die traditionellen Techniken. In dieser Woche schauen wir uns in Handwerksbetrieben der Region um. Heute in der Schuhmanufaktur von Kay Gundlack.

Kay Gundlack steht im Verkaufsraum seiner Schuhmanufaktur, die Hände hat er in den Taschen seiner Jeans vergraben. Nein, sagt er, in einen normalen Laden für Schuhe könne er schon lange nicht mehr gehen. Seine Frau würde das hin und wieder tun und er trottete dann nur missmutig hinterher. Er schüttelt den Kopf. „Das ist so, als würde ein Vegetarier in den Fleischladen gehen.“

Schuhe, die sind für ihn ein Ausdruck der Persönlichkeit. Woher ein Mensch kommt. Wohin er geht. Früher war er orthopädischer Schumacher. Heute scrollt er durch seine Kontaktdaten im Handy und sieht Namen wie Till Lindemann, den Sänger von Rammstein, den Geiger David Garrett oder Florian Silbereisen.

Aber auch heute, zwölf Jahre nach dem Beginn seiner Selbstständigkeit, beginnt jeder Auftrag mit einem weißen Blatt Papier. Dann zeichnet er mit seinen Kunden einen ersten Entwurf. Er fragt nach Wünschen und dem Anlass. Der gelbfarbene Schuh passt nicht zur Beerdigung. Und: Im besten Fall wird der Schuh nie kitschig. Ist der Kunde zum ersten Mal bei ihm, vermisst Kay Gundlack den Fuß und nimmt eine Trittspur. Damit er den Leisten anfertigen kann, einen hölzernen Rohling, auf den er später ein Grundmodell aus Papier klebt. So sieht er, ob die Proportionen stimmen.

Danach: das Modell berechnen, den Leisten mit dem Leder überziehen, etwa vom Strauß, Rand und Rahmen nähen, eine erste Sohle aus Kork einsetzen, darüber eine zweite Sohle aus Leder oder Gummi, drei Tage Ruhe, bevor die Sohle gebeizt wird.

Erst wenn all diese Schritte abgearbeitet sind, erblickt der Schuh das Licht der Welt. So drückt es Kay Gundlack aus. Er vergleicht das Entfernen des Leistens vom fast fertigen Schuh mit einer Geburt. Schweißtreibend sei das, aber es bringe eben auch Glück und Freude.

Zum Schluss wird das Fußbett bezogen und der Schuh dreimal geputzt. Fertig. Etwa 40 Stunden dauert das, sagt Gundlack. Das meiste davon macht er noch immer alleine, obwohl er ohne seine Mitarbeiter die Aufträge nicht mehr schaffen würde.

Erst letzte Nacht schrieb ihm ein Kunde, ein bekannter Künstler, der wieder einen neuen Schuh will. Surreal sei das für ihn. Die Welt der Prominenten, die nur einen Schuhmacher aus Parchim an ihre Füße lässt.


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