Übergangswohnheim in Parchim : "Das hier ist mein Zuhause"

Bewohner Heinz Jenz und Wohnheimleiterin Annelie Rambow  (l.) freuen sich sehr über das Apfelbäumchen, das VS-Geschäftsführerin Ruth Tietz als Gastgeschenk zum Tag der offenen Tür mitbrachte.Christiane Großmann
Bewohner Heinz Jenz und Wohnheimleiterin Annelie Rambow (l.) freuen sich sehr über das Apfelbäumchen, das VS-Geschäftsführerin Ruth Tietz als Gastgeschenk zum Tag der offenen Tür mitbrachte.Christiane Großmann

Ganz allein in einer eigenen Wohnung? Das ist für Heinz Jenz kein Thema mehr. Sein Zuhause ist das Übergangswohnheim. Er fühlt sich in diesem Umfeld geborgen und muss gleichzeitig an die Zeit vor zwei Jahren denken.

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25. September 2012, 11:26 Uhr

Parchim | Ganz allein in einer eigenen Wohnung? Das ist für Heinz Jenz kein Thema mehr. Sein Zuhause ist ein Einzelzimmer im Übergangswohnheim am Westring von Parchim. Bett, Tisch, Schrank, Couchecke und als Wandschmuck der Fanschal von Marnitz/Suckow. Heinz Jenz fühlt sich in diesem Umfeld geborgen. Wenn er sich einen Kaffee aufbrühen oder sich eine Suppe heiß machen möchte, könnte er in "seine" Küche gehen. Maximal vier Bewohner des Hauses teilen sich eine Zeile. Doch Heinz Jenz hält sich viel lieber in der geräumigen, lichtdurchfluteten Gemeinschaftsküche auf, wo immer Betrieb ist. Der Tisch ist so groß, dass die Bewohner des Hauses, die drei hier tätigen Fachkräfte sowie Ralf, der gerade seinen Bundesfreiwilligendienst leistet, alle zusammen daran Platz nehmen können. Zu den vier Mahlzeiten am Tag sind meist alle Stühle besetzt. An diesem Tisch wird regelmäßig der Speiseplan für zwei Wochen im Voraus besprochen und der Einkaufszettel geschrieben. Und hier werden die Pflichten in Haus, Hof und Garten, so wie sie in jedem anderen Haushalt auch anfallen, untereinander verteilt.

"Ich stehe morgens auf und frühstücke mit meinen Freunden", möchte Heinz Jenz diese Gemeinschaft nie mehr missen. Wenn er Ruhe braucht, ganz besonders dreimal in der Woche nach der kraftzehrenden Dialyse, macht er eben einfach die Zimmertür hinter sich zu und lässt sich eine Weile nicht blicken. "Das hier ist mein Zuhause, hier bin ich glücklich", sagt Heinz Jenz aus tiefstem Herzen und muss an die Zeit vor zwei Jahren denken. Damals hatte der Parchimer kaum noch Hoffnung, eines Tages jemals wieder aus eigener Kraft einen Schritt vor den anderen setzen zu können. Weil es ihm gesundheitlich so schlecht ging, dass er allein einfach nicht mehr zurecht kam, hatte er Zuflucht im Haus "Pütter Lichtblick" gesucht.

Vor vielen Jahren einmal als Obdachlosenunterkunft errichtet, war die Einrichtung in Trägerschaft des Kreisverbandes der Volkssolidarität zu diesem Zeitpunkt bereits fast ausschließlich von Dauergästen mit einem Nutzungsvertrag belegt. Um ein Obdach für eine Nacht oder einen vorübergehenden Zeitraum bat kaum noch jemand in Parchim, selbst im Winter waren die beiden Notplätze nur noch selten belegt. 20 Jahre vorher suchten hier zeitweise bis zu 40 Obdachlose ein Dach über dem Kopf.

Mit eisernem Willen und durch die Unterstützung der Mitbewohner, allen voran Rainer, gelang es Heinz Jenz, wieder auf die Beine zu kommen. Doch ein Leben ohne "seine Mannschaft", die von Annelie Rambow mit liebenswürdiger Strenge und dem Herz am richtigen Fleck zusammengehalten wird, kommt für ihn nicht mehr in Frage. Und so zog auch Heinz Jenz im Sommer dieses Jahres mit um, als der Kreisverband der Volkssolidarität sein soziales Engagement dem veränderten Bedarf anpasste: Das ursprünglich für Obdachlose geschaffene Heim am Pestalozziweg wurde geschlossen und ein Übergangswohnheim am Westring eröffnet. Einzug war am 1. Juni. Zehn Bewohner haben sich hier inzwischen gut eingelebt, sechs Nachbarn können noch hinzukommen.

Das Wohnheim mit 14 Einzel- und einem Doppelzimmern sowie reichlich Nebengelass, wie Vorratskammern, Werkzeug- oder Fahrradkeller und Trockenraum, steht Männern und Frauen offen, die in so gravierenden persönlichen und sozialen Lebensumständen stecken, dass sie ihren Alltag nicht mehr oder vorübergehend nicht allein bewältigen können. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung übernimmt in der Regel der Fachdienst Soziales des Landkreises. Bewohner, die eigene Einkünfte, wie zum Beispiel eine Rente haben, zahlen fest vereinbarte Tagessätze. Die Bereitschaft, vom Alkohol abstinent zu leben, ist oberstes Gebot. Im gleichen Aufgang befindet sich außerdem noch ein "Übungsfeld" für jene, die wieder den Umzug in die eigenen vier Wände ins Auge zu fassen wagen: Im ambulant von Annelie Rambow betreuten Wohnen stehen vier Plätze zur Verfügung.

Annelie Rambow ist seit 1996 bei der Volkssolidarität und seit 1998 als ambulante Betreuerin tätig. In den vielen Jahren, in denen sich die Fortschritte und Rückschläge immer gegeneinander aufwogen, hat sie nichts von ihrem Enthusiasmus verloren. Mit Respekt vor der Biografie ihrer Klienten hängt sie sich immer wieder aufs Neue in ihren Job. Es macht sie glücklich, wenn jemand tatsächlich den Absprung geschafft hat und ebenso stolz, dass sich die Bewohner des Hauses mit ihrem Umfeld identifizieren, es wertschätzen und aufeinander acht geben. Die Stadt hat versprochen, demnächst sogar noch einige Fitnessgeräte zur Verfügung zu stellen.

Mit vereinten Kräften nahm in den zurückliegenden Wochen auch schon das äußere Umfeld sichtbar Gestalt an, was in der Nachbarschaft mit Wohlwollen registriert wurde. Die selbst aufgebaute überdachte Sitzfläche ist derzeit der Lieblingsplatz vieler Bewohner. Nächstes Jahr soll eine Kräuterecke angelegt werden. Den symbolischen Grundstein für den Obstgarten legte VS-Kreisverbands-Geschäftsführerin Ruth Tietz. Sie brachte vor wenigen Tagen als Gastgeschenk zum Tag der offenen Tür ein Apfelbäumchen mit: "Ich wünsche Ihnen allen eine gute Zeit in diesem Haus", sagte sie zu den Bewohnern und Mitarbeitern.

Vor noch nicht einmal fünf Wochen hatte hier Melanie Bullack aus Parchim ihren ersten Arbeitstag. Die Mutter einer inzwischen 13 Monate jungen Tochter suchte nach der Elternzeit eine neue berufliche Herausforderung als staatlich anerkannte Sozialpädagogin in Wohnortnähe, um Familie und Beruf gut unter einen Hut zu bekommen. Und fand sie bei der Volkssolidarität.

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