Weltschmerztag : Das ganze Leben nur noch Schmerz

Diplom-Psychologin Anja Riekehr begleitet die offene Gruppe für Menschen mit chronischen Schmerzen, die sich auch heute wieder in Parchim trifft.
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Diplom-Psychologin Anja Riekehr begleitet die offene Gruppe für Menschen mit chronischen Schmerzen, die sich auch heute wieder in Parchim trifft.

Heute ist Weltschmerztag: In Parchim finden Betroffene an jedem Dienstag Unterstützung in einer therapeutisch betreuten Gruppe

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07. Juni 2016, 05:00 Uhr

Die Vorstellung, dass sich die Schmerzen künftig durch ihr ganzes Leben ziehen, treiben Susanne S.* an den Rand der Verzweiflung. Seit etwa vier Jahren leidet die 35-Jährige unter chronischen Schmerzen. Am Anfang war es der „Klassiker“: der Rücken. Dann war die körperliche Ursache behoben, doch die Schmerzen blieben. „Man hat sie und empfindet sie, auch wenn man es nicht erklären kann“, beschreibt Susanne S. ihre Situation. Seitdem ist im Leben von Susanne S. nichts mehr so, wie es vorher war: Sie schläft keine Nacht mehr richtig durch, ihre Leistungsfähigkeit nimmt rapide ab. Sie schafft ihre Arbeit nicht mehr. Das persönliche Umfeld bricht immer mehr weg, weil sie kaum noch aus dem Haus geht. Am schlimmsten empfindet sie das Unverständnis, das ihr oft entgegenschlägt, der Unterton, dieser stille Vorwurf, ein Simulant zu sein. Jetzt legt die 35-Jährige ihre ganze Hoffnung in einen Berufsrehaprozess. „Ich wünsche mir, dass ich auf einen anderen Beruf umschulen kann, der es mir mit meinem Leiden ermöglicht, wieder arbeiten zu gehen.“

Andrea E.* weiß genau, wovon die Rede ist: Mit 48 Jahren wird sie nun Erwerbsunfähigkeitsrente beziehen. Vier Jahre vorher begannen sich bei ihr die chronischen Schmerzen zu manifestieren. „Man fühlt sich, als sei man nichts mehr wert“, sagt Andrea E. Auch privat läuft bei ihr schon so gut wie gar nichts mehr: „Wer mag schon mit jemandem ins Kino oder in die Gaststätte gehen, der ständig vor Schmerzen geplagt unruhig auf dem Stuhl herumrutscht“, fragt sie sarkastisch.

Anja Riekehr ermutigt ihre Klienten hingegen ausdrücklich dazu, sich nicht aus der Gesellschaft auszuschließen, die Freizeit aktiv zu gestalten, einem geregelten Tagesablauf nachzugehen, sich zu bewegen, seine eigene Meinung zu vertreten und sich an kleinen Dingen zu erfreuen. Nicht aufzugeben! Im Hier und Jetzt zu leben! Die Diplom-Psychologin betreut seit September 2014 eine therapeutische Gruppe für Menschen mit chronischen Schmerzen und Abhängigkeitserkrankungen unter dem Dach des Diakonie-Suchthilfezentrums in Parchim. Das Thema ließ sie nicht mehr los, seit sie im Rahmen ihrer Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin in der Asklepios Klinik erste Berührungspunkte mit der multimedialen Schmerztherapie hatte.

Im Kreis der offenen Gruppe, die sich an jedem Dienstag, so auch am heutigen Weltschmerztag, für 90 Minuten in der Stegemannstraße 11 trifft, finden sich durchschnittlich fünf bis sechs Betroffene ein, die sogar aus Crivitz, Lübz und dem ländlichen Raum rund um Parchim kommen. Für viele ist diese Gruppe der einzige Anlaufpunkt, an dem sie überhaupt mal auf Verständnis hoffen können. Dabei sei Verständnis, auch im Arztzimmer, gerade so wichtig für Betroffene. Da es sich um ein Angebot der Deutschen Rentenversicherung Nord handelt, können sie es kostenlos in Anspruch nehmen. Die Teilnahme ist freiwillig und jeder kann für sich entscheiden, wie lange er die Gruppe besucht. Jederzeit können sich neue Klienten dem Kreis anschließen (Kontakt: Telefon 03871/66041) Einschlägige Studien der Barmer GEK gehen davon aus, dass in Mecklenburg-Vorpommern etwa 4,6 Prozent der Menschen von chronischen Schmerzen betroffen sind. Als körperlicher Auslöser gelten am häufigsten Rückenschmerz und rheumatische Erkrankungen. Schon wenn das Gehirn über einen Zeitraum von sechs Monaten akute Schmerzreize verkraften musste, kommt eine Negativspirale in Gang. Schmerzen chronifizieren sich. Und von der Verzweiflung bis zur Depression ist es oft nur noch ein kleiner Schritt...

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