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Cyber Grooming - Immer mehr Pädophile im Netz : Das Böse kommt mit ein paar Klicks

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Für Jugendliche gehört Chatten zum Leben, wie Telefonieren, E-mailen und SMS-Schreiben. Jeder weiß wie’s geht, es ist unverbindlich und die einfachste Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen. Ohne Kontrolle der Eltern.

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erstellt am 08.Mär.2012 | 07:52 Uhr

Parchim | Für Jugendliche gehört das Chatten zum Leben, wie Telefonieren, E-mailen und SMS-Schreiben. Jeder weiß wie’s geht, es ist unverbindlich und daher die einfachste Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen. Praktischerweise ohne Kontrolle der Eltern. "Unsere Erfahrung ist, dass viele Eltern in diesem Metier völlig ahnungslos sind, oft nicht wissen, was ihre Kinder machen, wenn sie am Computer sitzen, ob sie in Internet-Foren kommunizieren. Vom Chatten ist vielen gerade mal der Begriff bekannt", weiß Jacqueline Röhr.

"Und genau darin", so die Präventionsfachkraft beim Diakoniewerk Kloster Dobbertin, "liegt die Gefahr". Während sich die jungen Leute in den Chatrooms im Internet absolut anonym und sicher wähnen, schaffen es Pädophile, mit ein paar Mausklicks in die Kinderzimmer zu gelangen. Es sind Begegnungen mit oft schlimmen Folgen.

"Homeshopping" für Pädophile

Wenn Kinder allein im Internet unterwegs sind - ist das quasi Homeshopping für Pädophile: Sie verstecken sich hinter falschen Namen, geben sich als Teenager aus, sind auf der Jagd nach ahnungslosen jungen Opfern. "Man muss davon ausgehen, dass heute jeder vierte bis fünfte User in Kinder- und Jugendforen ein Pädophiler ist", gibt Röhr zu bedenken. Deshalb hofft sie, Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrer, Erzieher und Eltern aufzuklären, stark zu machen, zu sensibilisieren für die extremen aber auch noch extrem unterschätzten Gefahren des Cyber Groomings , und Licht in dieses dunkle Kapitel zu bringen. Cyber Grooming heißt wörtlich übersetzt "Pflegen im digitalen Raum". Der Ausdruck steht aber für ein perfides Spiel mit ahnungslosen Kindern.

Präventiv wird im Landkreis schon sehr viel gemacht. Seit Jahren. Stichwort Rauchen, Drogen, Alkohol. Und das soll es auch weiterhin. "Cyber Grooming gehört ab sofort dazu. Wir müssen da unbedingt was tun, und wir werden was tun", so Jacqueline Röhr. So gab es jetzt im Landkreis erstmals ein gezieltes "Smart User Training". Schulsozialarbeiter aus Crivitz, Sternberg, Parchim, Boizenburg, Ludwigslust und Lübz nahmen daran teil, zudem Präventivkräfte und Mitarbeiter der Beratungsstelle für häusliche Gewalt. "Wir haben weitere User-Trainings in Vorbereitung, das nächste im August. Zu unserem allerersten Training haben wir unsere eigenen Leute eingeladen. Sie sind Multiplikatoren, weil sie entweder ohnehin täglich an den Schulen sind oder in anderen Einrichtungen mit Kindern und Jugendlichen arbeiten", erklärt die langjährige Diakonie-Mitarbeiterin. Ziel soll es aber auch sein, junge User auszubilden, die andere und jüngere Jugendliche in den Schulen, in den Vereinen oder Clubs über die Gefahren des Internet-Chats aber auch die Möglichkeiten des Schutzes aufklären können. "Die Idee ist, dass sie eine zentrale Anlaufstelle werden, quasi Hilfe für Jugendliche von Jugendlichen. Ich glaube, das könnte vieles leichter machen, weil es eine Generation ist, alle die gleiche Sprache sprechen", so Röhr.

Über drei Tage geht die "Smart User Trainer" Ausbildung. Hier wird das nötige Hintergrundwissen vermittelt, wie etwa bekannte Täterstrategien. "Will man etwas gegen die negativen Tendenzen im Netz ausrichten, ist es wichtig zu wissen, wie die Täter und Täterinnen vorgehen, woran man merken kann, dass es eigenartig wird und was man tun kann, um sich zu schützen" erklärt Jacqueline Röhr. Die User lernen aber natürlich auch, welche Folgen Missbrauch hat, weil sie nur so erkennen können, warum sich betroffene Mädchen und Jungen auf einmal anders verhalten. Sie lernen die so genannten Chattiketten - Regeln, die man im Internet unbedingt einhalten sollte, wie etwa, dass man Informationen zu seiner eigenen Person niemals im Internet preisgeben darf. Denn das Internet "vergisst" nichts, weder Alter und Geschlecht, keine Adressen oder Handynummer, es vergisst keine Gesichter auf Fotos noch sonst irgendwelche persönlichen Angaben. Die jungen Smart User Trainer lernen aber auch, was Opfer brauchen und wie man sie unterstützen kann. Und es geht natürlich um den Kern - die sexuelle Gewalt mittels digitaler Medien.

Infos, Hilfsangebote, Beratung und Anlaufstellen

Bis hierher klingt das alles recht theoretisch. Das Projekt jedoch, das nicht etwa in Parchim erfunden wurde, sondern unter dem Titel "Smart User Peer2Peer Prävention" von dem Berliner Verein Innocence Danger e.V. erarbeitet und deutschlandweit seit einiger Zeit auch sehr erfolgreich angeboten wird, kann sowohl die versierten Trainer als auch diverse Übungen bieten. Jacqueline Röhr: "Ich bin schon lange in der Prävention tätig, bin was das betrifft wirklich schon ein alter Hase. Ich muss aber sagen, dieses Usertraining war etwas völlig neues, wirklich vieles von dem, was da vermittelt wird, habe ich so nicht gewusst."

Deshalb hat das erste User Training die Organisatoren auch darin bestärkt, weitere Trainingseinheiten anzubieten. "Erreichen wollen wir damit alle, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die Kids selbst und natürlich Eltern. Sie tragen die große Verantwortung für ihre Kinder und sollten sie vor den Gefahren des Netzes bewahren", so Jacqueline Röhr.

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