Stralendorf : Bürokratie bremst Nachwuchs

Matthias Fokuhl (20), der gerade mit der Reihenfräse im Erdbeerfeld agiert, erklärt Landrat Rolf Christiansen die Technik. Fotos: M.-G. Bölsche
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Matthias Fokuhl (20), der gerade mit der Reihenfräse im Erdbeerfeld agiert, erklärt Landrat Rolf Christiansen die Technik. Fotos: M.-G. Bölsche

Praktikums-Absagen, weil Lohn mit Hartz IV der Eltern verrechnet wird

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27. September 2017, 21:00 Uhr

Fachkräfte wachsen nicht auf den Feldern – und so werben Bauern in der Region um den Nachwuchs, leider manchmal vergeblich. Das war eines der Themen, für die sich Landrat Rolf Christiansen (SPD) bei einem Hofbesuch in Stralendorf interessierte. Modernste und zum Teil computergesteuerte Technik hat längst in der Landwirtschaft Einzug gehalten und erfordert intensive Kenntnisse der Beschäftigten im landwirtschaftlichen Sektor. Davon überzeugte sich gestern auch Rolf Christiansen auf einem fünf Hektar großen Erdbeerfeld nahe Stralendorf.

Auf der Zugmaschine beherrscht Matthias Fokuhl die 85 Pferdestärken und arbeitet mit der Reihenfräse das Stroh in die Erdbeerreihen. Der Sohn des Landwirt-Ehepaares Janne und Jürgen Fokuhl hat jetzt seine Ausbildung im elterlichen Betrieb begonnen. „Es ist eine Berufsausbildung mit Abitur“, erklärt er dem Landrat und erzählt, dass er nach Abschluss der 10. Klasse erst einmal die Welt besuchte. Ein Jahr weilte er in Brasilien im Rahmen eines Schüleraustauschprogrammes der Rotarier, bevor er nun seine Ausbildung startete.

Junge, gut ausgebildete Fachkräfte werden in der Landwirtschaft dringend gebraucht, „nur mit ihnen kann man die Zukunft sichern“, sagt Carsten Timm von der Agrar GmbH Diestelow, der ebenfalls an dieser Stippvisite teilnahm. In seinem Betrieb sind es derzeit sechs Lehrlinge und damit bildet er über den eigenen Bedarf hinaus aus. Es gibt viele Bewerbungen, „allerdings ist die Qualität sehr unterschiedlich“, sagt der Landwirt und betont, dass „Lehrlinge keine billigen Arbeitskräfte sind, sondern die zukünftigen Beherrscher modernster Technik.“ Es gilt eben längst nicht mehr das Klischee, dass der Bauer in Gummistiefeln und Sense über den Acker schreitet und die Bäuerin im Kopftuch die Hocken aufstellt und im Stall per Hand die Kühe melkt.

Doch wie kann man der Jugend das Interesse für die Landwirtschaft vermitteln? „Das fängt früh an, wir zeigen Kindergartenkindern und Schülern unsere Betriebe und versuchen so, kleine Grundsteine zu legen“, sagen Jürgen Fokuhl und Carsten Timm. Mit etwas Glück kommen später einige wieder und wollen in den Ferien etwas Geld für das eigene Handy oder das erste Moped verdienen.

Auch manches Praktikum sorgt für einen Einblick in die Landwirtschaft von heute und doch sind hier die Probleme vorprogrammiert, denn manch einer kommt aus einer Bedarfsgemeinschaft. „Der zusätzliche Verdienst wird umgehend auf das Hartz-IV-Geld angerechnet und die Eltern müssen einen großen Teil wieder zurückzahlen“, beklagt Jürgen Fokuhl diese Vorgehensweise. So werden Interessenten demotiviert und man solle „die Hinzuverdienstgrenzen nicht auf den Monat, sondern auf das Jahr anrechnen“, lautet die Forderung. Auch Torsten Schrein von der Landwirtschaftsgesellschaft mbH & Co. KG Zahrensdorf pflichtet dieser Forderung bei. „Ein Praktikum beeinflusst die Berufsentscheidung und Geld möchte man da auch verdienen. Das darf dann nicht wieder den Eltern weggenommen werden“. Der Landrat pflichtet dem bei und will dieses Thema in die politische Diskussion einpflegen. „Gerade für die Berufsvorbereitung und Praktika könnte vielleicht der Freibetrag verändert werden“, sagt Christiansen. Nach seinen Worten müssten Mitarbeiter der Entscheidungsstellen auch manchen Spielraum mehr nutzen und „mit mehr Fingerspitzengefühl agieren“.

Der Zahrensdorfer Landwirt Schrein ergänzt, dass man Herzblut für diesen Job brauche. Man sei Anbieter von Arbeitsplätzen in und für die Region und da dürfte durch manche Bürokratie das Engagement aller Beteiligten nicht behindert werden. „Den Wandel in der Arbeitswelt kann man nicht aufhalten, aber von der Politik erwartet man eine aktivere Unterstützung und bessere Wertschätzung für unsere Produkte“, so Carsten Timm.

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