zur Navigation springen
Parchimer Zeitung

21. November 2017 | 03:54 Uhr

Parchim : Bürger urteilen – Rathaus mauert

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Nach rund sechs Monaten Umfrageergebnisse unter Verschluss / Nach Recherchen der Parchimer Zeitung lenkt Verwaltung ein

von
erstellt am 14.Okt.2014 | 11:45 Uhr

Es sollte ein Befreiungsschlag werden und droht im Desaster zu enden. Nachdem Bürgermeister Bernd Rolly (SPD) im Dezember 2013 erstmals öffentlich einräumte, dass in seinem Rathaus einiges im Argen liegt und die Verbesserung des Betriebsklimas sowie die Motivation der Mitarbeiter Priorität haben, um die Bürgerfreundlichkeit seiner Verwaltung zu erhöhen, ließ dies aufhorchen. Zuvor hatte Rolly mit der Berliner Personaltrainerin Sabine Riedel-Schönfeld sogar externen Sachverstand ins Boot geholt. Sie hatte angeregt, die Bürger umgehend zu befragen, wie gut die Stadt und ihre Verwaltung bei Unternehmern und Vereinen angesehen ist und ob die Parchimer eigene Vorschläge haben.

Ganz nach dem Motto, wenn ich nicht mehr weiter weiß, bilde ich einen Arbeitskreis, wurden gleich vier Arbeitsgruppen (Bürger, Wirtschaft, Vereine und Mitarbeiter) aus der Taufe gehoben. 25 Stadtmitarbeiter – von Fachbereichsleitern bis zum Sachbearbeiter – nahmen sich neben ihren eigentlichen Dienstaufgaben der Sache an. Anfang Februar präsentierte die Arbeitsgruppe „Bürger“ ihr Projekt „Bürgerbefragung“ medienwirksam im Stadthaus. Mit einem aus Sicht der Initiatoren sorgsam zusammengestellten Fragebogen – für Parchim ein Novum – sollte ein repräsentatives Meinungsbild ermittelt werden, um künftige Verwaltungsziele zu formulieren. 19 Fragen wie „Wohnen Sie gerne in der Stadt?, Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit Ihrer Stadt?“, konnten per Kreuz mit „1 für sehr gut“ bis „6 für sehr unzufrieden“ beantwortet werden. Brisanter waren die Themenbereiche „Werden die Bürger ausreichend in Entscheidungsprozesse einbezogen?“ oder „Wie bewerten Sie die Dienstleistungen der Stadtverwaltung?“. Dabei ging es nicht nur um eine Bewertung, sondern auch um konkrete Vorschläge. Der Chef der Arbeitsgruppe, Fachbereichsleiter Dirk Johannisson, war sich mit seinen Mitstreitern sicher, dass viele Parchimer die Chance beim Schopf fassen. „Bereits Ende März werden wir erste Ergebnisse vorlegen“, so Johannisson seinerzeit optimistisch.

Nach vier Wochen hatten sich allerdings nur wenige der mehr als 17 000 Parchimer beteiligt. Nach einer Verlängerung stand am 9. April fest, 303 Bürger (rund 1,7 Prozent) hatten einen Fragebogen zurückgegeben.


Bürgermeister: Keine Infos an die Medien


Wie die Bürger ihre Stadt bewertet haben, welche Vorschläge und Kritiken sie aufgeschrieben haben, ist bis heute unbekannt. „Die Auswertung ist schwieriger als gedacht. Das wird dauern“, war zu hören. Dabei sollte mittels Computertechnik alles ganz schnell gehen. Zwischenzeitlich drang nichts an die Öffentlichkeit. Unsere Redaktion hatte im Leserauftrag mehrfach versucht, die Ergebnisse der Bürgerbefragung öffentlich zu machen. Wilde Spekulationen machen die Runde. Die reichen von „Jeder bekommt sein Fett weg“ bis „Da weiß wohl einer nicht, wie sage ich es meinem Volk“. Bürgermeister Bernd Rolly hatte das Projekt längst zur Chefsache erklärt. „Erst informiere ich die Stadtvertreter, dann die Presse (Öffentlichkeit)“, so seine harsche Absage an die Parchimer Zeitung. Auch mit TV und Radio gebe es dazu keine Termine, so Rolly.

Der Versuch des Verwaltungschefs, den Ball an die Stadtvertreter weiterzugeben, stößt auf unterschiedliche Reaktionen. „Ich trage diese Entscheidung nicht mit. Die Ergebnisse der Bürgerbefragung gehören sofort auf den Tisch. Rollys Entscheidung ist umso unverständlicher, weil wir bei der Formulierung der Fragen auch nicht gefragt wurden“, so der Chef der CDU-Fraktion Nico Skiba.

Rückendeckung für Bernd Rolly gibt es nur von Parteifreund Eckhard Büsch, der die SPD-Fraktion anführt: „Die gewählte Reihenfolge der Information (Rathaus-Stadtvertreter-Presse) finde ich der Bedeutung entsprechend angemessen.“ Ein Mitglied seiner Fraktion – das anonym bleiben will – geht dagegen hart mit der Verwaltungsspitze ins Gericht: „Im Rathaus hat sich längst alles verselbstständigt. Da ist der Umgang mit der Bürgerbefragung nur die Spitze eines Eisberges“.

Elke-Luise Skiba (Die Linke) bringt es auf den Punkt: „Wir sind doch nicht die Deppen der Nation! Wir hätten viel eher darauf dringen sollen, dass die Ergebnisse der Umfrage sofort und ungeschminkt allen zur Verfügung stehen. Schließlich geht es darum, die vielen ungelösten Probleme der Stadt endlich anzupacken“.

Überraschend meldete sich gestern Rollys zweiter Stellvertreter, Fachbereichsleiter Dirk Johannisson, zu Wort, nachdem ihm die Blockadehaltung seines Chefs in der Sache zu Gehör gekommen war. Er bedauere die Missverständnisse und sei sich mit dem Ersten Stadtrat Detlev Hestermann – der den derzeit im Urlaub weilenden Bürgermeister im Rathaus im Amt vertritt – spontan einig geworden, die Auswertung noch in dieser Woche für die Öffentlichkeit bekannt zu machen. „Da kommt alles ungeschminkt auf den Tisch. Dafür garantiere ich“, so Johannisson. Auf das, was die Bürger der Verwaltung ins Stammbuch geschrieben haben, sind wir gespannt. In unserer Samstagausgabe mehr dazu.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen