Alt Damerow : Bei gefühlten 40 Grad aufs Dach

Trotz Hitze gut gelaunt: Reetdachdecker Frank Casper (2.v.l.) mit seinen Mitarbeitern Paul Weide, André Satow und Alexander Klatt
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Trotz Hitze gut gelaunt: Reetdachdecker Frank Casper (2.v.l.) mit seinen Mitarbeitern Paul Weide, André Satow und Alexander Klatt

Plater Reetdachdecker arbeiten an uralter Pingel-Scheune. Unternehmen von Frank Casper ist seit 25 Jahren am Markt

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30. Mai 2018, 21:00 Uhr

Der Tag ist noch jung. Um 5.30 Uhr beginnt für Reetdachdecker Frank Casper und seine drei Mitarbeiter an diesem Morgen der Dienst. Und das hat vor allem einen Grund: Noch hat die Quecksilbersäule die 20 Grad-Marke nicht erreicht. Aber die aufgehende Sonne lässt keinen Zweifel: Es wird Ende Mai wieder einmal ein Hochsommertag. „Mittags herrschen auf dem Dach gefühlte 40 Grad Celsius und mehr. Da fangen wir lieber früher an und machen um 13 Uhr Schluss“, so der Chef. Ihr Arbeitsort ist seit zehn Tagen das mit mehr als 400 Jahren älteste erhalten gebliebene Hofensemble im Parchimer Land. „Obwohl wir nicht selten mit historischen Gebäuden zu tun haben, ist es etwas Besonderes, hier ein Reetdach im historischen Stil neu aufzubauen“, räumt Frank Casper ein. Er selbst lebt im rund 25 Kilometer entfernten Plate in einer reetgedeckten Büdnerei aus dem Jahre 1632 und kennt das geheimnisvolle und gemütliche Leben unter dem natürlichen Dach sehr gut.

Für den Pingelhof am Rande der Lewitz, der seit 1989 als agrarhistorisches Museum jährlich tausende Besucher anzieht, ist die Erneuerung des verschlissenen Daches der Scheune eine existenzielle Frage. „Wir sind glücklich, dass es uns mit Fördermitteln und großzügigen Spenden möglich ist, dieses einzigartige Ensemble für künftige Generationen zu erhalten“, sagt Hans-Werner Beck, Vorsitzender des Pingelhoffördervereins. Fast täglich schaut er persönlich vorbei, um den Fortgang der Dacharbeiten in Augenschein zu nehmen. Groß war die Freude, als er von der Ehrenamtsstiftung MV in dieser Woche die Mitteilung bekam, dass 2500 Euro für den Eigenanteil zur Verfügung gestellt werden. „Nunmehr haben wir rund zwei Drittel unseres Eigenanteils von 16 000 Euro zusammen“, freut sich Beck sehr.

Die Arbeiten auf der Baustelle laufen wie ein Uhrwerk. Rund 200 Bunde mit Reet, die von den Ufern des Schwarzen Meeres stammen, werden zielgenau aufs Dach geworfen. Mit Edelstahl- und Schachtdraht werden die Reetdachbunde befestigt. Wenn die Hitzeschlacht es zulässt, dürfte die Nordseite des neuen Reetdaches in rund zehn Tagen im neuen Glanz erscheinen.

Hintergrund: Dach der Armen

Reetdachdecker gibt es in den Ländern an der Nord- und Ostsee seit dem Ende der letzten Eiszeit, als die bis dahin nomadisierenden Jäger und Sammler begannen, zunächst an Ufern von Gewässern sesshaft zu werden. Seitdem sind Jahrtausende  vergangen. Das Reetdach hat die Entwicklung des Menschen in unserem Lebensraum er- und überlebt. Etwas Weltfernes, Geheimnisvolles und doch Gemütliches geht von dem eigenartig geschwungenen Dach aus; etwas, das scheinbar einer längst entschwundenen Zeit und ihrem gemächlichen Lebenstempo angehört. Das Reetdach erlebt eine Renaissance.  Wohin der Reetdachdecker kommt, wird er mit warmer Herzlichkeit empfangen. Er bildet eine Attraktion, seine Kunstfertigkeit wird bewundert. (Aus „Das Reetdach“ von Autor Walter Schattke)
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