Auf Biegen und Lächeln: Frauenpower in der Manege

Kautschukfrau trifft Kraftpaket: Tatjana Heilig (l.) und Vanessa Zinnecker leben für die Akrobatik. Ein Leben ohne den Zirkus können sich die jungen Frauen nicht vorstellen. Antje Bernstein
Kautschukfrau trifft Kraftpaket: Tatjana Heilig (l.) und Vanessa Zinnecker leben für die Akrobatik. Ein Leben ohne den Zirkus können sich die jungen Frauen nicht vorstellen. Antje Bernstein

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20. September 2012, 09:24 Uhr

Plau am See | Geschmeidig biegt Vanessa ihren Körper in die Brücke. Die Hände greifen ins Gras, die Beine schwingen über Kopf, der Rücken beschreibt einen Halbkreis. Ein Bogengang aus einem Guss. "Ich muss mich erstmal warmmachen", sagt die Blondine und lacht. Tatjana Heilig ist Kautschukfrau - und hat den Bogen raus. Schon als kleines Kind entdeckt sie die kunstvollen Verrenkungen für sich. Sie wächst im Zirkus auf und hat ihre Vorbilder gleich vor der Nase. "Ich hab’s bei meinen Tanten und im Fernsehen gesehen und wollt es unbedingt nachmachen", sagt die 18-Jährige. Es klappt. Tatjanas Körper erweist sich als gelenkig und flexibel. Mit gerade mal sieben Jahren startet sie ihre Karriere als Kautschukfrau. Ihr Handwerkszeug lernt sie an der Hamburger Artistenschule. Heute verbiegt sie ihren Körper mühelos in alle Richtungen. "Wenn man regelmäßig trainiert, geht es ganz leicht", sagt sie.

Mit dem Circus Alamos tourt Tatjana durch MV, Berlin und Brandenburg. Jetzt macht sie in Plau Station. Eine Premiere: Erstmals baut das tourende Unternehmen aus Wredenhagen sein Zelt in der Seestadt auf. Vier Tage lang will die neunköpfige Zirkusfamilie ihr Publikum hier mit Akrobatik und Tiershow begeistern.

Die Liebe zum Verbiegen teilt Tatjana mit ihrer Freundin Vanessa Zinnecker. Die turnt derzeit für Zwei: Die Trapezkünstlerin ist im vierten Monat schwanger. Der Bauch wächst von Tag zu Tag. "Das ist gar nicht lustig - besonders in dem Kostüm", sagt Vanessa, streicht sich über den Bauch und zieht verschämt die Trainingsjacke über ihr quietschgrünes Kostüm. Auf den Höhenflug unter der Zirkuskuppel will sie dennoch nicht verzichten - vorerst zumindest. Drei Stationen stehen noch auf dem Plan. Dann geht es verfrüht ins Winterquartier nach Wredenhagen. "Das wird diesmal ein verdammt langer Winter. Weil meine Tochter schwanger ist, machen wir fünf statt drei Monate Pause und müssen mit jedem Pfennig rechnen", sagt Zirkus-Chefin Christine Zinnecker. Vorher aber wollen die Artisten in Plau noch einmal alles geben. Vanessa schwingt sich in die Seile - mit Babybauch und viel Elan. Für ihre Show in luftigen Höhen braucht sie vor allem eines: Muskeln. Für die zierliche Artistin kein Problem. "Ich bin ein Krafttyp", sagt Vanessa und lacht. Sie hat das Zirkus-Gen in die Wiege gelegt bekommen. Ihr Vater ist Clown und leitet gemeinsam mit ihrer Mutter das Familienunternehmen in sechster Saison. "Ich hab schon mit drei Jahren Handstand auf dem Arm meines Vaters gemacht", sagt Vanessa. Heute geht es für die 18-Jährige weit höher hinaus. "Ringtrapez, Drahtseil, Vertikalseil - ich hab es mit den Seilen", sagt sie und lacht.

Was bei Tatjana und Vanessa kinderleicht wirkt, erfordert harte Arbeit. "Wir müssen viel trainieren, um uns sportlich zu halten", sagt Tatjana. Zwei Stunden Biegen, Beugen, Dehnen - das tägliche Sport-Programm verlangt den jungen Frauen viel Kraft und Disziplin ab. Selbst im Winterquartier ist Müßiggang nicht drin. Die Showeinlagen im Rampenlicht haben eben auch ihre Schattenseiten: Damit jedes Kunststück glückt, sind harte Proben unerlässlich. Da bleibt nicht viel Zeit für ein Privatleben, wie es andere Teenies führen. "Discos kennen wir nicht. Wir wissen gar nicht, wie eine aussieht", sagt Vanessa und lacht. Dass sie auf das, was für viele Mädchen in ihrem Alter selbstverständlich ist, verzichten muss, macht ihr nichts aus. "Ich kenn es ja nicht anders", sagt die 18-Jährige. Ihrer Mutter ist das nur Recht. Ständig auf Achse - da ist Christine Zinnecker beruhigt, wenn sie weiß, wo ihre Mädels stecken. "Hier beim Zirkus herrschen strenge Sitten. In den Städten, in denen wir auftreten, sind die Mädchen Fremdlinge. Da kann so viel passieren", sagt sie.

Ganz ungefährlich ist aber auch das Zirkusleben nicht. So manche Schramme haben Vanessa und Tatjana schon kassiert. "Ich bin auch schonmal abgestürzt", sagt Vanessa. Doch der Applaus des Publikums macht kleine Kratzer schnell vergessen. Ohnehin ist das Zirkusleben für sie und Tatjana die Erfüllung. "In einer Wohnung zu leben, ist für mich unvorstellbar. Ich möchte immer im Zirkuswagen rumreisen. Ich bin seit der Geburt dabei und würde dieses Leben niemals eintauschen - gegen nichts in der Welt", sagt Tatjana.

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