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Parchimer Zeitung

22. November 2017 | 21:37 Uhr

Demenz nimmt zu : Assauer ist überall

vom

Der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer leidet an Alzheimer. Doch Assauer ist nur einer von vielen. Immer mehr Menschen leiden an Demenz. In der Lübzer Region steigt der Altersdurchschnitt seit Jahren sehr massiv an.

svz.de von
erstellt am 17.Feb.2012 | 05:14 Uhr

Lübz | Es war eine der Schockmeldungen des Jahres: Der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer leidet an Alzheimer. Der frühere Macher - kaum wiederzuerkennen. Der einstige Vorzeigemacho - nur noch ein Schatten seiner selbst. Doch Assauer ist nur die prominente Spitze eines riesigen Krankheitseisberges. Immer mehr Menschen leiden an Demenz. In der Lübzer Region steigt der Altersdurchschnitt massiv an. Umkehrschluss: Auch die Zahl der Demenzerkrankungen steigt von Jahr zu Jahr.

Elisabeth Adler* (*Name von der Redaktion geändert) sitzt auf der Demenzstation des Lübzer Pflegeheims Haus am Freistrom. Station 3 b. Sie sitzt in einem Sessel, ihr Mund ist leicht geöffnet. Geht jemand an ihr vorbei, dann schaut sie kurz auf. Aber ihre blauen Augen sind leer. Viel haben diese Augen gesehen. Schmerzvolles und Schönes, zwei Kriege, geliebte Menschen, Familie. Elisabeth Adlers Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß. Viel haben diese Hände geschafft. Viel Arbeit gab es in der Landwirtschaft. Erinnern kann sich die alte Dame daran nur noch schemenhaft. Elisabeth Adler ist dement. Sie vergisst. Namen, Orte und Straßen sind weg, wie ausradiert aus ihrem Gedächtnis. Auch sie selbst geht sich immer mehr verloren. Wer sie ist, wer sie war, wer sie sein wird - es geht ihr verloren.

Wie Elisabeth Adler geht es immer mehr Bewohnern des Lübzer Altenpflegeheims. "Zwei Drittel unserer 119 Bewohner leiden an Krankheiten unter dem Sammelbegriff Demenz", sagt Pflegedienstleiterin Kerstin Madauß. Sie führt das Phänomen der steigenden Anzahl von Demenzerkrankungen in erster Linie auf den steigenden Altersdurchschnitt zurück. Sie schätzt, dass die Zahl der Erkrankungen auch in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird.

Für die Erkrankten ist der Leidensweg oft lang und schmerzvoll. Meistens beginnt er lange bevor die Menschen in ein Altenheim kommen. "Oft wird die Demenz erst spät erkannt, denn es gelingt den kranken Menschen am Anfang meistens sehr gut, ihr schwindendes Gedächtnis zu verschleiern", sagt Madauß. Auch deshalb findet die 47-Jährige es mutig, wie offensiv Rudi Assauer mit seiner Alzheimer-Erkrankung umgeht. "Wird die Krankheit früh erkannt und gehen die Menschen ehrlich damit um, dann kann darauf eingegangen werden", sagt die Pflegedienstleiterin. Aufhalten kann die Demenz bisher niemand. Es gibt keine heilenden Medikamente. "Trotzdem ist es wichtig, professionell auf die Krankheit einzugehen", ist sich Madauß sicher. Oberste Priorität habe es, den Erkrankten die Angst zu nehmen. Angst vor der Orientierungslosigkeit. Angst vor der Hilflosigkeit. Angst vor einer vertrauten Welt, die mit jedem Tag ein wenig fremder wird. "Viele Demenzkranke sind immer auf der Suche, sie laufen umher und kommen nie ans Ziel", sagt Madauß.

Hier versuchen die Mitarbeiter des Pflegeheims anzusetzen. An den Wänden des Ganges auf der Demenzstation hängen Gegenstände. Ein Wanderflur. Hier können die Bewohner entlanglaufen, Dinge berühren, die sie noch erkennen. Küchengeräte, Stoffe, eine Melkmaschine. "Viele unserer Bewohner kommen aus der Landwirtschaft, die erkennen einen solchen Gegenstand, mit dem sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben", sagt Madauß. Das gebe ihnen das Gefühl von Vertrautheit An den Türen hängen großformatige Symbole. Es sind Erkennungszeichen, Anker in der Orientierungslosigkeit, die Sicherheit geben. "Das Wichtigste ist, den Menschen die Angst zu nehmen, Geborgenheit zu schenken, angenehme Gefühle auszulösen", sagt Madauß.

Die Angst vor der Demenz geht um. Angehörige haben Angst, selbst zu erkranken. Dem Pflegepersonal geht es nicht anders. "Ich habe auch Angst", sagt sogar die Pflegedienstleiterin. Doch bei einem ist sie sich sicher: "Wer erkrankt, der ist heute um Welten besser in Heimen aufgehoben als noch vor 30 Jahren."

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