Alte Häuser prägen Parchim

Ulf Harm nutzt wie in der Lindenstraße die Vorzüge historischer Bausubstanz.
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Ulf Harm nutzt wie in der Lindenstraße die Vorzüge historischer Bausubstanz.

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20. Februar 2011, 05:02 Uhr

Parchim | Beim Spaziergang durch die Kreisstadt wird sich so manch ein Parchimer gelegentlich an die Zeit vor 20 Jahren erinnern. Wie hat die Stadt kurz nach der Wende eigentlich ausgesehen? Inzwischen hat sich eine Menge verändert.

Zu den Zeitzeugen, die die Entwicklung hautnah miterlebt haben, gehört der Parchimer Architekt Ulf Harm. Er beschäftigt sich seit 1990 vorwiegend mit Bauen in der Altstadt.

Über sein persönliches Resümee und weitere Vorhaben sprach SVZ-Redakteur Wolfried Pätzold mit dem 55-Jährigen.

Sie sind seit der Wende als freischaffender Architekt in dieser Stadt tätig. Ist Ihnen damals der Schritt in die Selbstständigkeit schwer gefallen und was waren Ihre ersten Bauvorhaben?

Ulf Harm: Nun, da ging es mir damals so wie jedem anderen auch, der wohlbehütet den sozialistischen Betrieb den Rücken gekehrt und sich in der freien Marktwirtschaft den Wind um die Nase wehen lassen wollte. Die Aufbruchstimmung in den 90er Jahren ist leider nicht wieder erreicht worden. Gerade in der Bauwirtschaft erlebten wir einen ungeheuren Boom. Und die D-Mark saß bei den ,Brüdern aus dem Westen auch noch lockerer als heute. Meine ersten Projekte waren damals der Neubau der Gaststätte ,Altstädter Hof (heute "La Casetta"/d.Red.) und die Sanierung des Fachwerkhauses in der Kirchgasse 1 (Optiker Bode). Danach folgten viele andere Projekte überwiegend in Parchims Altstadt.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Wohnungen im ältesten Teil der Stadt inzwischen wieder in den Fokus rücken?

Zunächst einmal bin ich mir mit vielen einig, Parchim ist eine schöne Stadt. Die Altstadt besitzt geordnete Strukturen, die reizvolle Möglichkeiten bieten. Das Zentrum befindet sich um die St. Georgenkirche. Und hier findet auch das geschäftlige Treiben statt. Der geschichtlich neuzeitliche Teil der westlichen Altstadt um die Marienkirche ist über die Lange Straße miteinander verbunden. Häuser mit Wohnungen umschließen die beiden Bereiche und sind im östlichen Teil konzentrierter. Nach außen hin ist die Altstadt lockerer und mit Grün durchsetzt. Nicht zuletzt prägt die alte Wasserstraße des Eldearmes mit ihrem sprudelnden Zulauf aus dem Wockersee Teile des Stadtzentrums. Aber entscheidend, sich hier wohnlich niederzulassen, ist sicher das große Potenzial der alten Bausubstanz. Sie macht es mir als Architekten möglich, das individuelle Wohnen in den alten Häusern neu zu erschließen. Dies ist etwas, was in den Mietwohnungen im Rande der Stadt unerreichbar bleibt. Gerade diese Geborgenheit, der in sich geschlossenen Bebauung, ohne dabei an Offenheit durch begrünte Innenhöfe zu verzichten, kann das Wohnen in einer Altstadt zu einem besonderen Erlebnis machen.

Viele befürchten, die Anforderungen der Denkmalpfleger sind für eine sinnvolle Sanierung mitunter zu hoch. Wie sind Ihre Erfahrungen beim Umgang mit dieser Materie und der Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden?

Die Denkmalpfleger fordern im Grunde nicht mehr, als jeder Bauherr auch selbst bei einer sinnvollen Sanierung tun sollte, um sein Haus dauerhaft wertstabil zu erhalten. Das Besinnen auf das Empfinden für Funktion, Form und Farbe der Architekten und der Baumeister früherer Epochen ist bei der Sanierung denkmalgeschützter Häuser unabdingbar. Es gilt, den historischen Bestand mit einer zeitgemäßen Wohnfunktion in Einklang zu bringen. Das ist für alle Beteiligten eine Herausforderung und gleichzeitig die Basis für Individualität in der Wohnraumgestaltung.

Parchim hat in den vergangenen 20 Jahren ein gewaltiges Förderprogramm für die Stadt aufgelegt. Davon profitierten nicht nur private Bauherren, sondern auch Straßen, Plätze und öffentliche Gebäude. Ohne Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen wäre das Ereichte nicht möglich gewesen. Eine gelungene Sanierung ist stets das Ergebnis einer guten Zusammenarbeit zwischen Bauherr, Fördermittelgeber, Denkmalpflege, der Stadt und den beteiligten Architekten. Letzterer muss nicht nur die Regeln der Baukunst beherrschen, sondern vor allem als Vermittler zwischen den am Bau beteiligten Partnern fungieren. Und das hat aus meiner Sicht in Parchim bisher gut funktioniert. Im besonderen mit dem Bauamt der Stadt und der Landesentwicklungsgesellschaft konnte stets ein zügiger Ablauf der Maßnahmen gesichert werden. Wenn auch so manche Hürde beim Landesförderinstitut zu nehmen war, so zählt doch am Ende das sichtbare Ergebnis.

Was waren für Sie die bislang anspruchvollsten Objekte?

20 Jahre Stadtsanierung sind für mich persönlich mit mehr als 20 Häusern verbunden. Wenn ich ein Resümee ziehe, fällt mir auf jeden Fall das Fachwerkhaus am Schuhmakt 7, Eiscafe Kroll, ein. Es handelt sich um ein hochrangiges Denkmal, über 300 Jahre alt mit niedrigen Raumhöhen in den oberen Geschossen. Für eine Wohnraumnutzung keine guten Voraussetzungen. Aber durch das teilweise Öffnen der Geschossebenen konnte mehr gefühltes Raumvolumen geschaffen werden. Alte Handwerkstechniken wie die Lehmbauweise gestalteten die Sanierung sehr aufwändig. Ohne öffentliche Mittel wäre es nicht machbar gewesen. Heute ist dieses Fachwerkhaus mit seinem historischen Antlitz und dem Eiscafe und der Pizzaria ein Highlith in der Mitte der Altstadt.

Zu meinen interessanten Aufgaben gehörte auch der Umbau des gegenüberliegenden Postgebäudes zum Brauhaus. Das Gebäude war mit seinen schönen Kellerräumen, dem großzügigen Erdgeschoss und der imposanten Renaissancefassade prädestiniert für die jetzige Nutzung.

Womit beschäftigen Sie sich derzeit und wie wird Parchim in etwa zehn Jahren aus baulicher Sicht aussehen?

Nun, wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, dem werden auch die baulichen Aktivitäten auf dem Sassenhagen 92 aufgefallen sein. Dieses kleine, ehemalige Handwerkerhaus stand schon seit über 15 Jahren leer, wechselte in dieser Zeit zweimal den Eigentümer. Die Parchimer Familie Mathews, schon erprobt beim Sanieren alter Fachwerkhäuser, nahm sich des Kleinods an und begann, es im Sommer 2010 zu sanieren. Für ihr erstes Haus haben sie 2005 sogar den Bauherrenpreis der Stadt Parchim bekommen.

Im Frühjahr wird die aufwändige Sanierung der Fachwerkhäuser in der Lindenstrasse 13 und 14 weitergehen. Hier entstehen insgesamt acht Wohnungen. Diese haben ein bis vier Räume und werden ganz individuell zugeschnitten.

Die Zahl der noch für eine Sanierung geeigneten Häuser nimmt stark ab. Einige sind nicht mehr zu retten und die Zahl der Baulücken nimmt zu. Damit entstehen künftig neue Probleme, die für das städtische Bauen zur Herausforderung werden. Die Baulücken zu Grünflächen umzugestalten, sie mit einem Zaun zu versehen oder als Parkflächen herzurichten, kann nicht die Lösung sein. Erfreulicherweise sehen das die Verantwortlichen in der Parchimer Stadtverwaltung genauso. Es ist wichtig, bauwillige Parchimer und auswärtige Interessenten davon zu begeistern, ihr Eigenheim nicht wie bislang üblich auf der freien Wiese am Stadtrand zu bauen, sondern im Zentrum der Altstadt. Das mag im ersten Moment für den Laien abwegig und unvorstellbar erscheinen. Ich glaube, dass das Ergebnis viel interessanter und individueller aussehen wird, als wir es beispielsweise aus der Parchimer Südstadt kennen. Jede Altstadt-Baulücke ist ein individueller Standort. Ich bin sicher, mit dem nötigen Einfühlungsvermögen werden sich Bauherren dafür gewinnen lassen.

Wie könnte das praktisch funktionieren? Sind potenzielle Bauherren nicht überfordert, wenn sie vor so einer öden Baulücke in der Altstadt stehen?

Das ist richtig. Nur mit Worten ist aus Erfahrung wenig zu machen. Deshalb habe ich in Zusammenarbeit mit der Stadt Parchim und zwei weiteren Planungsbüros Entwürfe für insgesamt acht Standorte vorbereitet. Auf acht verschiedenen Flyern wird jeweils die Idee präsentiert. Damit bekommt jeder Interessierte einen konkreten Einblick in das Thema ,Bauen im innerstädtischen Bereich.

Sie selbst haben in der Innenstadt investiert und historische Häuser aufwändig saniert. Die Parchimer Zeitung hat auch über die Rettung des Speichers in der Heidestraße berichtet. Doch dieses Vorhaben liegt offensichtlich auf Eis. Warum?

Der kleine Speicher ist eines der ältesten Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, das wir in der Stadt haben. Ich habe es seinerzeit kurz vor dem völligen Verfall erworben und mit finanzieller Unterstützung der Stadt zunächst nur die äußere Hülle saniert. Geplant war, noch eine kleine angrenzende Fläche von der Stadt zu zukaufen und zwei Wohnungen im Speicher einzubauen. Zur gleichen Zeit wurde die Idee eines neuen Museumsstandortes in dem Quartier zwischen Heide- und Lindenstrasse geboren. Der Gedanke, den Speicher in das Museumskonzept zu integrieren, schien schlüssig. Leider wurde das neue Museum auf Grund der angespannten finanziellen Lage der Stadt vorerst einmal zu den Akten gelegt. Ich plane, noch in diesem Jahr, den Speicher als Wohnhaus fertig zu stellen. Der Antrag für den Zukauf einer Fläche am Speicher ist bereits gestellt. Der Gebäudecharakter als Speicher wird dabei erhalten und auch nach dem Umbau sichtbar bleiben.

Historische Speicher sind für das Bild einer Stadt prägend. Erfreulicherweise ist man sich dieser Verantwortung gegenüber der Geschichte bewusst. So wurde auch Dach und Fassade des Speichers in der Mittelstraße 12 saniert, obwohl es noch keinen konkreten Verwendungszweck für dieses Gebäude gibt.

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