Schwefelsäure-Unfall in Parchim : Ätzende Wolke lähmt die ganze Stadt

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Lkw verliert 750 Liter 96-prozentige Schwefelsäure: drei Verletzte. Fehlende Sicherung der Ladung Ursache des Unfalls

svz.de von
01. März 2016, 17:57 Uhr

Der Schwefelsäure-Unfall am Dienstag in Parchim (Kreis Ludwigslust-Parchim) wurde nach Erkenntnissen der Feuerwehr durch Schäden an den Kunststoff-Säuretanks auf dem Lastwagen verursacht. Das sagte der Wehrführer der Feuerwehr Parchim Bernd Schröder am Mittwoch.

Die beiden 1000-Liter-Tanks seien auf dem Gefahrgut-Lkw nicht ordnungsgemäß festgezurrt gewesen, dadurch beim Fahren hin und her gerutscht und beschädigt worden. So seien mehrere Hundert Liter der ätzenden Säure auf die Straße geflossen. Die Polizei ermittelt in dem Zusammenhang bereits gegen den Fahrer und die Spedition. Der Lkw war auf dem Weg zu einer Firma unweit von Parchim.

Der Lastwagen hatte nach Angaben des Landkreises etwa 1500 Liter Säure geladen und etwa die Hälfte auf zwei Straßen verloren. Die Beseitigung und Umladung dauerte rund sieben Stunden. „Wir hatten viel Glück, dass dies nicht 200 Meter weiter passierte“, erklärte Schröder. Dann hätten eventuell eine Schule und ein Krankenhaus evakuiert werden müssen. Durch ätzende Dämpfe mussten drei Männer medizinisch behandelt werden. Ernsthaft verletzt wurde niemand.

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Es ist wenige Minuten nach 8 Uhr. „Ich habe in der Kurve kurz vor der Kreuzung bemerkt, dass irgendetwas auf meinem Lkw umgestürzt sein musste. Dann sah ich Rauch und dachte, dass ein Reifen in Brand geraten sei“, so schilderte der Kraftfahrer am Mittag das Geschehen vom frühen Morgen. „Ich habe sofort den Notruf gewählt, habe den Verkehr gestoppt und begonnen, einen Gully abzudichten“, erzählt er weiter.

Eine riesige Wolke hat da schon den Brummi sowie die angrenzenden Häuser eingehüllt. Umgehend werden die Anwohner in der Wallallee und im Ostring aufgefordert, Türen und Fenster zu schließen. Die Polizei leitet den Autoverkehr weiträumig um. „Es besteht die Gefahr von Atemwegreizungen“, sagt Parchims Wehrführer und Einsatzleiter Bernd Schröder vor Ort. Im engeren Bereich dürfen nur Kameraden in speziellen Schutzanzügen agieren.

Als die ersten Kräfte den Laster erreichen, stellten sie fest, dass die anfangs gemachten Angaben des Kraftfahrers zur Säure nicht stimmen. Laut dem Begleitpapier auf den beiden 1000-Liter Behältern handelt es sich um 96-prozentige Schwefelsäure. „Wir müssen äußerst behutsam vorgehen“, sagt der Einsatzleiter. Ein Behälter ist beschädigt, der andere hat ein Loch und aus beiden sind nach Schätzungen vor Ort etwa 750 Liter ausgelaufen. Weitere Wehren werden alarmiert, so aus Lübz, Groß Laasch und Ludwigslust. „Da die benötigte Ausrüstung auf dem Parchimer Gefahrgutwagen nach dem Chemieunfall im August vergangenen Jahres noch nicht ganz vollständig ist, benötigen wir weitere Hilfe, deshalb erfolgt die Alarmierung der Groß Laascher“, begründet Schröder diese Nachalarmierung. Da aber auch die Ausrüstung auf dem Groß Laascher Wagen nicht ganz komplett ist, wird der Rüstwagen aus Ludwigslust zusätzlich alarmiert.

Inzwischen sind auch der Fachdienstleiter Brand- und Katastrophenschutz des Landkreises Joachim Reimer  sowie Mitarbeiter der Unteren Wasserbehörde vor Ort. Geklärt werden muss auch die Qualität der Schutzanzüge, denn ein Kamerad klagt über brennende Füße und muss ambulant im nahen Krankenhaus behandelt werden. Scheinbar ist der Anzug nicht 100-prozentig dicht und muss nun geprüft werden. Während der Kraftfahrer sicherheitshalber ebenfalls im Krankenhaus untersucht wird und dieses gesund wieder verlassen konnte, muss ein Polizist wegen Atemwegreizungen behandelt werden. Helga Reichert (76) wohnt in der Wallallee und war auf dem Balkon, als der Lkw vorbeifuhr. „Ich sah die Rauchschwaden und dachte, es ist ein Feuer dort. Dann brannten mir die Augen und ich ging in die Wohnung und verschloss die Tür“, erzählt sie. Als die Meldung kam, dass die Anwohner Türen und Fenster geschlossen halten sollen, hatte sie „Angst vor einer Evakuierung, aber dazu kam es zum Glück nicht.“ Auch eine mögliche Räumung der nahe gelegenen Goethe-Schule war nicht nötig. „Der Schülerverkehr war vorbei und sämtliche Schulfenster wurden geschlossen gehalten. Nach Schulschluss war der Weg in die Lindenstraße sowie in Richtung der John-Brinckman-Straße ebenfalls frei, so dass es dort keine Beeinträchtigungen gab“, so Einsatzleiter Bernd Schröder.

Am frühen Nachmittag rollten die Fahrzeuge einer Entsorgungsfirma an. Feuerwehrleute pumpten die Säure in Transportbehälter um und reinigten anschließend intensiv die Straße mit Wasser und die Parchimer Stadtwerke spülten die Kanalisation. Nach Informationen der Kreisverwaltung werden Proben aus der Kanalisation und aus dem nahen Burggraben gezogen und untersucht.

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