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Kuren für übergewichtige Kinder : Abspecken im Wald von Parchim

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Junge Patienten entdecken im Kindersanatorium "Markower Mühle" ein neues Körpergefühl. Peter will durchhalten. 15 Minuten auf dem Hometrainer, dann das Joggen im Wald. Auch zu Hause muss der 13-Jährige stark bleiben.

Parchim | Peter will durchhalten. 15 Minuten auf dem Hometrainer, dann das Joggen im Wald, schließlich die ganze Kur. Vor allem aber will der 13-Jährige auch zu Hause stark bleiben, mehr Fußball spielen und zusammen mit Mama weniger fett kochen, wie er sagt. "Wenn die Eltern nicht mitziehen, schaffen es die Kinder nicht", weiß Annemarie Schulze, Leiterin des Kindersanatorium "Markower Mühle" in Parchim. Deshalb bezieht das Kurhaus am idyllischen Wockersee die Familien in die Behandlung ihrer übergewichtigen Sprösslinge mit ein und bietet den Eltern an Besuchswochenenden Ernährungs- und Einkaufsberatung an.

"Behütete Kinder" sind am stärksten gefährdet

In der ersten Woche hat Peter aus Neukalen (Kreis Demmin) gut zwei Kilogramm abgenommen - von vormals 85; zwölf Kilo schaffte Stefanie aus Sachsen in sechs Wochen und wiegt nun 90 Kilo… Rund zehn Prozent Körpergewicht sollen die Kids während einer vier- bis sechswöchigen Kur abspecken und danach motiviert weitermachen, nennt die Leiterin das Ziel der Heilbehandlung. Mehr als 80 Prozent der jährlich rund 200 Kurpatienten, die aus ganz Deutschland nach Parchim kommen, leiden an Adipositas, dem krankhaften Übergewicht, so Cornelia Vester. Betroffen seien überwiegend die "behüteten Kinder", denen es weder an Süßem noch an Taschengeld mangelt, die jedoch aufgrund der Berufstätigkeit der Eltern ihren Tag weitgehend selbst gestalten.

Laut dem Berliner Robert-Koch-Institut sind bundesweit sechs Prozent der Minderjährigen adipös, weitere neun Prozent hätten leichteres Übergewicht. Ärzten zufolge nimmt durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung unter Kindern der Typ 2-Diabetes (Alterszuckerkrankheit) zu, den es vor zehn Jahren in der Altersklasse von 3 bis 17 Jahren gar nicht gab. Hinzu kämen Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen, Skelettveränderungen wie auch psychische Probleme.


Null-Entzug funktioniert nicht, "Nein" sagen schon

Kinder stark machen - so heißt die Devise in Parchim. Dazu gehören Spielen und Toben an frischer Luft, Schwimmen im See, Aerobic, Nordic Walking oder Line Dance ebenso wie Rückenschule, Fußgymnastik, Sauna und autogenes Training. Wichtig sei dabei der Wissenserwerb beim gemeinsamen Kochen, dem Einkaufs- und Motivationstraining, erklärt Physiotherapeut Sebastian Schulze. Abnehmen sei eben auch eine Kopfsache. Im Rollenspiel üben die Kinder "Nein" zu sagen, auch zu Omas Sahnetorte oder der Cola im Freundeskreis. "Null-Entzug geht aber nicht", so Annemarie Schulze. "Die Kinder lernen hier, das Stück Schokolade ganz langsam auf der Zunge zergehen zu lassen, zu genießen statt zu schlingen also."

Abwechselnd gibt es Reis-, Obst-, Kartoffel- und Safttage in der "Markower Mühle", kein absolutes Fasten, aber auch keinen Nachschlag. Statt Kalorien zu zählen gilt das Ampelprinzip: Rot steht für Stopp, Gelb mahnt zur Vorsicht, Grün heißt "freie Fahrt". Immer bewusst und in Maßen - das gilt beim Essen wie beim wenigen Fernsehen am Abend.

Rank und schlank sind die "Mühlenkids" auch nach sechs Wochen nicht. Aber sie lernen bei Annemarie Schulze, den Trainern und Therapeuten der Kureinrichtung, vor allem aber auch voneinander eine Menge: Während der Kur lag der Fokus auf Ernährungsumstellung, auf Sport, Motivation, darauf, den inneren Schweinehund zu besiegen und Selbstbewusstsein zu tanken. Annemarie Schulze: "Nach der Kur liegt es an ihnen und ihren Eltern, aus dieser Chance auch langfristig etwas zu machen."

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erstellt am 08.Dez.2011 | 06:40 Uhr

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