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Abschied : 45 Jahre ihren Beruf als Glück gesehen

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gisela Rickert aus Parchim hat heute ihren letzten Kindergartentag. Sie möchte weiterhin ehrenamtlich als Yogalehrerin fürs DRK arbeiten und eine neue Sprache lernen.

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erstellt am 18.Dez.2014 | 08:44 Uhr

Die Kinder der Welt sind ihr großer Lebensinhalt: Nach 45 glücklichen Kindergartenjahren hat Gisela Rickert am heutigen Donnerstag ihren letzten Arbeitstag im Parchimer „Kinderland“. 26 Jahre leitete, gestaltete und prägte sie diese Einrichtung, die seit 1992 unter Trägerschaft des Deutschen Roten Kreuzes steht.

Schon als 14-Jährige, nach dem ersten Schülerpraktikum im Kindergarten „Freundschaft“, wusste Gisela Rickert, dass es für sie nur einen einzigen Beruf auf dieser Welt gibt. Nachdem sie 1969 in Schwerin erfolgreich ihre Kindergärtnerinnen-Ausbildung abgeschlossen hatte, war sie ein Jahr im Domsühler Kindergarten tätig, bevor sie ihre berufliche Laufbahn in Parchim begann – zunächst als „Springer“ in der Kinderkombination „Liselotte Herrmann“ (heute „Regenbogen“), von 1979 bis 1984 bereits als stellvertretende Leiterin.

Es folgten vier turbulente Jahre in der Baracke am Ostring, wo damals bis zu 90 dreijährige Jungen und Mädchen betreut wurden, weil die Kita in der Weststadt bereits aus allen Nähten geplatzt war. Die Kinder wurden jeden Morgen mit dem Bus von der Einrichtung in der Leninstraße abgeholt und nachmittags dorthin zurück gefahren. Um die Räume am Ostring warm zu bekommen, mussten damals sogar noch Kohlen geschleppt und morgens um 5 Uhr die Öfen geheizt werden.


Einer der schönsten Tage: 29. Juli 1988


Der Tag, als Gisela Rickert und ihr Team am 29. Juli 1988 den symbolischen Schlüssel für „ihre“ neu erbaute Kinderkombination in der Karl-Liebknecht-Straße entgegen nehmen konnten, gehört zu den schönsten in ihrem Berufsleben. Den Bau hatte sie als künftige Leiterin des neuen Hauses zusätzlich zu ihrer Tätigkeit am Ostring die ganze Zeit eng mitbegleitet. Noch heute wundert sich Gisela Rickert, wo sie und ihre Kolleginnen damals nach einem langen Kindergartentag immer wieder aufs Neue die Energie für die vielen bis in die Nacht dauernden Putzeinsätze hernahmen, bevor 90 Krippen- sowie 180 Kindergartenkinder Einzug halten konnten und nur darauf brannten, ihre neue kleine Welt kennenzulernen. Die Außenanlage war damals noch gar nicht eingezäunt, der Spielplatz ließ noch eine Weile auf sich warten und auf dem Hof standen (heute undenkbar) Teerkessel herum…

„Wir sind in der Anfangszeit immer durch die Weststadt gewandert und haben uns Spielmöglichkeiten gesucht. Es war eine prägende, unvergessliche Zeit“, teilt Gisela Rickert diese Erinnerungen mit Silvia Mößner, Kerstin Meßmann, Christine Schmidt sowie der guten Seele in der Wäscherei und an der Nähmaschine Elvira Höppner. Sie alle sind ebenfalls seit der Eröffnung hier im Haus tätig. Elvira Höppner verbrachte mit Gisela Rickert insgesamt 31 Arbeitsjahre: „Sie war eine gute, immer ausgeglichene Chefin und Kollegin“, mag sie den Gedanken an den Abschied eigentlich gar nicht an sich heranlassen.


Sich mit Kollegen oft auf neue Wege gemacht


So wie Elvira Höppner geht es derzeit vielen Berufskolleginnen, Weggefährten oder Netzwerkpartnern u. a. aus dem Malteser Betreuungsheim, der Frühförderstelle der Lewitz-Werkstätten oder der Grundschule West. Sie sagten ihr bereits vor wenigen Tagen offiziell Danke für eine wunderbare und bereichernde Zusammenarbeit, um ihr den heutigen letzten Arbeitstag nicht noch schwerer zu machen.

„Gisela Rickert war immer der Motor im Team. Stillstand gab es bei ihr nicht“, lernte zum Beispiel Gisela Böse, Leiterin der DRK-Kita „Pfiffikus“ in Lübz, ihre Kollegin in 21 Jahren wertschätzen. Beeindruckt haben sie vor allem ihre Beharrlichkeit, überzeugende Fachlichkeit, ihr Optimismus, ihre Streitfähigkeit und Herzlichkeit. Eineinhalb Jahre durfte Ines Müller als Fachbereichsleiterin für Kitas in Trägerschaft des DRK-Kreisverbandes Gisela Rickert begleiten: „Ich habe die Zusammenarbeit mit ihr sehr genossen, sie als überaus engagierte Kita-Leiterin, als eine wissbegierige Kita-Fachfrau kennengelernt, die ihre Kollegen motiviert hat, neue Wege zu gehen.“

Auch Ines Müller hatte das Bedürfnis, ihr ganz persönliche Worte mit auf den Weg in den verdienten Ruhestand zu geben: „Es hat mich immer wieder bereichert, dich auch als eine kritisch hinterfragende Kollegin zu erleben, die ebenso in der Lage ist, die eigene Perspektive kritisch und humorvoll zu betrachten. Mit großem Herzen hast du deine Kita zu dem gestaltet, was sie jetzt ist. Du hast dein Herz geöffnet für die vielen nicht deutsch sprechenden Familien, die in der Weststadt Parchims ein neues Zuhause gefunden haben oder finden möchten.“

Von den 180 Kinderland-Kindern kommen heute 41 Prozent aus Familien, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben. 70 Prozent der Jungen und Mädchen wachsen in Familien auf, die auf soziale Unterstützung angewiesen sind. Als in den 1990ern die Vielfalt der Kulturen in Parchim, insbesondere in der Weststadt größer wurde, nahmen Gisela Rickert und ihr Team das als eine große Berufung an, Kindern bereits im frühesten Alter Fähigkeiten und Werte zu vermitteln, die sie zum toleranten Mitgestalter einer Gesellschaft werden lassen – einer Gesellschaft, die von Menschen mit ganz unterschiedlichem kulturellem Hintergrund geprägt ist.


„Wir sind Kinder einer Welt“ als Leitmotiv


„Der Sozial- und Erfahrungsraum in der Gruppe des Kindes in der Kita als Lernort für alle bietet viele Möglichkeiten, einander wirklich zu begegnen und den Blick dafür zu weiten, dass Menschen zwar im selben Land leben, aber unterschiedliche Muttersprachen sprechen, kulturell geprägte Essgewohnheiten pflegen oder andere Feiertage begehen.“

„Wir sind Kinder einer Welt“. Diese Liedzeile zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Alltag im „Kinderland“. Um die Sprachförderung für alle Kinder als eine der wichtigsten Säulen des interkulturellen Erziehungskonzeptes nachhaltig, differenziert und dabei natürlich eingebettet in den gesamten Tagesablauf verwirklichen zu können, setzte sich Gisela Rickert selbst noch einmal auf die Schulbank, obwohl sie den Abschied aus dem aktiven Berufsleben da schon greifbar nahe vor Augen hatte. Gemeinsam mit Anke Stegemann absolvierte sie im Rahmen des Bundesprogramms „Offensive Frühe Chancen: Schwerpunkt-Kitas Sprache und Integration“ in Berlin eine Fortbildung zur Sprachexpertin.

Welche Voraussetzungen man für den Beruf mitbringen müsse, an dem sie 45 Jahre mit Leib und Seele gehangen hat? Die Antwort klingt verblüffend einfach: „Das Menschenbild muss stimmen. Man muss Kinder lieben und respektvoll mit ihnen umgehen können. Jedes Kind ist einmalig und etwas ganz Besonderes auf der Welt.“ Für sie sei es an jedem einzelnen Arbeitstag immer wieder aufs Neue ein Wunder gewesen, beobachten zu können, wie sich Kinder entwickeln, wie schnell sie lernen und wie neugierig sie auf ihr Umfeld reagieren. Stolz ist Gisela Rickert, dass sie von ihrer Liebe zum Beruf, ihrer Lebenserfahrung und ihrem Fachwissen auch etwas an andere weitergeben konnte. So durfte sie z. B. Ende der 1990er Jahre im Rahmen der Fortbildung zum Rahmenplan in der sozial-pädagogischen Praxis als Dozentin in Güstrow, Parchim und Ludwigslust an einer Fortbildungsmaßnahme für ca. 150 Erzieherinnen mitwirken.

Die Zahl der Kinder, die bei Gisela Rickert die ersten eigenen Schritte ins Leben gemacht haben, mittlerweile selbst gestandene Eltern, ja sogar schon Großeltern sind und fest im Berufsleben stehen, muss unglaublich groß sein. Auch das ehemalige „Kinderland“-Kind Luisa Wandschneider, heute 22 Jahre, gehört dazu. Als deren Tochter Lina geboren wurde, stand für die junge Mutter fest, dass sie ihr Kind ebenfalls in die Obhut dieser Einrichtung geben würde. Im Jahr 2014 hat Luisa Wandschneider hier außerdem ihren Wunscharbeitsplatz als Erzieherin gefunden, in diesem Haus sogar ihre Prüfung absolviert. „Das war ein toller Moment“, erinnert sich Gisela Rickert.


Als Yoga-Lehrerin dem DRK weiter verbunden


Auf die Zeit nach dem heutigen Donnerstag hat sie sich gedanklich schon lange vorbereitet. Wer Gisela Rickert kennt, weiß, dass der Lehnstuhl für die zweifache Mutter und vierfache Großmutter absolut keine Option ist. Vielmehr möchte sie auch weiterhin ehrenamtlich als Yoga-Lehrerin für das DRK Kurse in den Räumlichkeiten ihrer langjährigen Wirkungsstätte anbieten – gemeinsam mit den ebenfalls ausgebildeten Kolleginnen Kerstin Meßmann und Silvia Mößner. Gisela Rickert entdeckte die indische philosophische Lehre vor fast 20 Jahren für sich und zieht daraus viel Kraft für den Alltag.

Um sich künftig auf ihren Urlaubsreisen an die polnische Ostseeküste besser verständigen zu können und um sich selbst geistig zu fordern, hat sie gerade damit begonnen, intensiv eine neue Sprache zu erlernen. Ihr Sprachlehrer ist das Internet.
 

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