Überforderte Kinder : 35 Kilo Hilflosigkeit

Erziehungsprobleme: Coco Plümer (links) als Davy und und Svea Bein als Psychologin
Erziehungsprobleme: Coco Plümer (links) als Davy und und Svea Bein als Psychologin

Anna Gavaldas Stück „35 Kilo Hoffnung“ ist die neueste Produktion des Jungen Staatstheaters Parchim

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11. Juni 2018, 12:00 Uhr

Wieder Krach. Sie streiten sich miteinander und mit ihr, der Tochter. Dabei ertönt immer dieselbe Leier: Du musst mehr lernen, streng dich mehr an. Vater, Mutter und ihr einziges Kind, dreizehn Jahre alt, sind zu Beginn des Stücks „35 Kilo Hoffnung“ schon ziemlich am Ende. Was noch geht, sind Forderungen, Anklagen und Schuldzuweisungen der Eltern. Dabei dürfte jedem, der zuschaut, klar sein: Das alles ist die schreiende, krachende Hilflosigkeit.

Die Inszenierung dieses Stücks von Anna Gavalda ist die neueste Produktion des Jungen Staatstheaters Parchim und sie ist wichtig, trifft sie doch ins Zentrum eines der größten Erziehungsprobleme, seit Knute und Karzer abgeschafft wurden, TV, Internet und Handy aber angeschafft: die Konzentrationsschwäche. Aber nein, das Stück bietet keine grundsätzlichen Lösungsansätze und spricht auch nur begrenzt von Ursachen, denn es ist nicht für Pädagogen geschrieben worden, sondern für Jugendliche.

Für sie hat die Autorin eine exemplarische Theaterfigur erfunden, mit der Heranwachsende sich identifizieren können. Es ist die dreizehn Jahre alte Davy (im ursprünglichen Text ein Junge). Jungschauspielerin Coco Plümer, die mit dieser Inszenierung ein erstes festes Engagement angetreten hat, ist die Rolle der mädchenhaft-burschikosen Schülerin, die zum Lernen keinen Zugang findet, wie auf den Leib geschrieben. „Die Schule interessiert mich einfach nicht“, erklärt Davy dem Publikum.

Sie geht auf in der Welt der Technik und des Handwerks, die ihr geliebter Großvater, überzeugend gespielt von Ismael Volk, und dessen Werkstatt repräsentieren. Sie ist der Fluchtort, aber im Verlauf des Spiels wird Davy verstehen, dass sie ihre technische Begabung später nur dann wird ausleben können, wenn sie vorher das Problem Schule löst.

Die Bühnenbauten wurden von Luise Czerwonatis proportional stimmig in den gemütlichen Parchimer Malsaal eingefügt und leuchtend bunt mit Motiven nach Art von Graffitis bemalt. In die Mitte der Rückwand ist, sparsam angedeutet, Opa Leons Werkstatt integriert. Zwei Türen rechts und links begleiten scheppernd die Auftritte der Eltern: die Mutter, leicht zerzaust und fast immer auf hundertachtzig, wird von Marlene Eiberger, der Vater vom neuen Ensemblemitglied Kai Friebus gespielt. Die Bühnencharaktere der Eltern folgen einem gängigen Rollenmuster. Je hartnäckiger der Vater sich zunächst dem Problem verweigern möchte, desto hysterischer wird die Mutter.

Es ist der besonnene Großvater, der erkennt, dass die Enkelin aus dieser unseligen Familiendynamik ausbrechen muss. Und das wird sie auch, aber aus eigener Kraft.

Am Ende des Stücks wird der Großvater sterben. Auf einer Metaebene bedeutet sein Tod, dass Davys einseitige Konzentration auf die „Leon-Welt“ aufbricht, „stirbt“ und sie beginnen kann, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Liebe und Verständnis des Großvaters verwandeln sich nun in ihre eigene Kraft – und Konzentration.

Stück und Inszenierung sind sehr sehenswert. Eine Stärke des Textes ist Gavaldas Fähigkeit, die Gefühlsebene einzubeziehen. Die Regie von Thilo Schlüßler und die Dramaturgie von Katja Mickan sorgten für eine schnelle, schlanke, aber nicht atemlose Inszenierung, die erheiternd aufgemischt wird durch die Einlagen verschiedener Nebenfiguren, wie einer Psychologin und der schusseligen Nachbarin Frau Blume, gespielt vom dritten neuen Ensemblemitglied Svea Bein.




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