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100 Jahre 1. Weltkrieg : 25 toten Soldaten nachgespürt

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Parchimer Heimatbund ruft Erinnerungen an Gefallene wach / Spurensuche: Aufruf an Parchimer

Erster Weltkrieg (1914-1918) an der Westfront: Millionen von Toten in den von Trommelfeuer eingeebneten Schützengräben, Einsätze von Giftgas, Panzern und Flugzeugen, traumatisierte Verwundete, trauernde Familienangehörige der Gefallenen in ärmlicher Hinterlassenschaft. Danach: Vaterlose Familien, die ohne Ernährer überleben mussten, Kriegsversehrte und orientierungslose Veteranen als willkommenes Futter für radikale politische Ideen. Wolfgang Kaelcke machte dieses beklemmende Szenario mit seinem Vortrag im Parchimer Heimatmuseum am vergangenen Samstag hautnah nachvollziehbar.

Monatelang hatte er geforscht und nachgefragt. Gleich zwei Mappen mit den Todesanzeigen der damals in Belgien oder Frankreich gefallenen Soldaten aus Parchim konnte er dabei zusammenstellen. Sie stammen allesamt aus den Archiven der Zeitungen „Norddeutsche Zeitung“ und „Parchimer Zeitung“ und waren dort auf allgemeinen Anzeigen-Seiten platziert – inmitten der Werbung für Wäschereien, Brillen oder Militärkonzerte. Laut dem städtischen Sterberegister haben nach dem heutigem Erkenntnisstand zwischen 1914 und 1918 insgesamt 265 Parchimer Bürger ihr Leben im 1. Weltkrieg gelassen. Denkmäler in den Wallanlagen und in den Kirchen erinnern daran, listen ihre Namen auf. Einer von ihnen ist Georg Assmuss. Der Ackerbürger hatte spät geheiratet und mit seiner Frau „Toni“(geborene Kipcke) drei Kinder. Der jüngste Sohn Georg II. war gerade zwei Jahre alt, als sein Vater als 38-jähriger Landsturmmann in den Krieg zog. Am 18. Juli 1916 tötete ihn in der großen Schlacht an der Somme ein Granatsplitter. Wenige Tage später verstarb mit 23 Jahren der Musketier Otto Odemarck, der als Angehöriger der 1. Kompanie des 162. Infanterie-Regiments schwer verwundet worden war. In Parchim war seine Familie als Musikalienhändler bekannt.

100 Jahre danach stieß der Parchimer Heimatbund laut Wolfgang Kaelcke auf große Schwierigkeiten, Nachkommen der 265 namentlich bekannten Gefallenen zu finden. Erst bei 25 Familien ist dieses Vorhaben bislang gelungen. „Wir wollten die Menschen hinter den Todesanzeigen lebendig machen.“ Ursula, als Enkelin von Georg Assmuss 1937 geboren, scheint ihrer Großmutter Toni wie aus dem Gesicht geschnitten. Dass ihr Großvater als Soldat im 1. Weltkrieg gefallen war, war ihr vollkommen neu. „Nicht alle Nachkommen haben Interesse an der Geschichte ihrer Vorfahren“, weiß Kaelcke.

Manche Parchimer Familien verschwanden spurlos aus der Stadt. So die jüdische Familie Gumpert. Dem Tuchfabrikant gehörte einst das Gebäude, in dem heute das Heimatmuseum untergebracht ist. Keine Nachkommen mehr in Parchim verzeichnet auch die Familie Bohn, obwohl sie sechs Söhne aufzubieten hatte. „Die sind alle im Westen.“

Laut Wolfgang Kaelcke will der Parchimer Heimatbund mit seinen Vorträgen das Bewusstsein für die Historie wecken und schärfen. „Wir rufen alle Parchimer auf, in ihren Familien nach Gefallenen des 1. Weltkriegs zu forschen und sich mit uns in Verbindung zu setzen.“


25 Parchimer Kriegstote: Max Ascher, Julius Ascher, Georg Assmuss, Bohn, Albert Bruhn, Hans-Jürgen von Dechand, Kurt Elkan, Friedrich Ehrlich, Dr. Kurt Freise, Carl Götting, Otto Gumpert, Karl Heyden, Hans Köhler, Carl Lock, Albert Müller, Otto Odemarck, Walter Rosenberg, Willi Schomann, Erich Schultz, Robert Schütt, Paul Schweder, Hans Weitzin, Erich Willöper, Erich Zachow. „Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens, und ihre Bedeutung als solche wird immer zunehmen (Albert Schweitzer).“
 

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