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Katja Mickan im Porträt Theaterleben – Lebenstheater

Von Monika Maria Degner | 16.12.2017, 05:00 Uhr

Dicht dran am Leben war die Regisseurin und Dramaturgin mit ihrer Theaterarbeit und in Zeiten der politischen Umbrüche

In Potsdam lebt sie schon lange nicht mehr - aber dort schlug sie als Kind Wurzeln im Theater und im Theater lebt sie seitdem immer noch, wenn auch an wechselnden Orten. Das „Theaterkind“, wie Katja Mickan sich selbst nennt, geboren im Mai 1962, wuchs in einer Bilderbuch-Theaterfamilie auf, der Vater war Schauspieler und Regisseur, die Mutter Maskenbildnerin im Potsdamer Hans-Otto-Theater, heute Potsdams Stadttheater.

Ihr Büro ist tapeziert mit Theaterplakaten und vermittelt sofort ein gewisses Theatergeschmäckle, diesen Mix aus Heimeligkeit und Intellektualität. Katja Mickan erzählt gern. Sie ist freundlich, eloquent, ein maßvolles Gegenüber. Von ihr, das wird mir bald klar, sind weder steil-euphorische Schilderungen noch selbstverliebte Theater-Anekdötchen zu erwarten. Was vor allem auffällt: Die Erzählbewegungen der Dramaturgin und Regisseurin holen immer wieder in großzügigen Schwüngen in die Geschichte aus und darin verweben sich die persönliche und die allgemeine politische Entwicklung. Was nicht wundern muss. Denn als Katja Mickan nach den Demos vom 7. Oktober 1987 in Dresden fortan auch in ihrem Wohnort Bautzen mit Kinderwagen an den Montagsdemonstrationen teilnahm, war sie gerade 25 Jahre alt und auf der Straße spielte wahrlich großes Theater, etwa Ende zweiter Akt. Die Klimax war noch nicht ganz erreicht.

Das Theaterkind durfte im SED-Staat nicht studieren. Katja Mickan begann für die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ Theaterrezensionen zu schreiben, stand politisch der liberalen NDPD nahe. Wieder Probleme! Sie gab die Zeitung auf, lernte kurz darauf ihren Exmann kennen, einen Sorben, der an der Ernst-Busch-Schule Schauspiel studierte. Mit ihm zog sie nach Osten, dahin, wo ein Theater auch in sorbischer Sprache aufführte, nach Bautzen.

„Immer habe ich Westfernsehen gesehen“, berichtet Mickan, „aber so weit im Osten gab es keinen Empfang.“ Die Gegend um Bautzen herum habe man daher damals das „Tal der Ahnungslosen“ genannt. Aber die junge Familie hatte Glück. Genau am 7. Oktober 1987 zog sie im „Tal der Ahnungslosen“ in den sechsten Stock einer Wohnung, die in der Nähe des politischen Knasts auf einem Berg lag. So hatte sie an diesem geschichtsträchtigen Tag einerseits doch wieder den Blick ins West-TV, andererseits die Aussicht auf das sogenannte „gelbe Elend“, das Gefängnis, wo reihenweise Lkw vorfuhren, die verhaftete Demonstranten auslieferten.

„Aber“, sagt die Theaterfrau, „an den Fall der Mauer haben wir gar nicht gedacht. Wir wollten auch keinen Anschluss an den westdeutschen Staat, sondern die alten Männer, die Diktatorenriege sollte weg. Wir wollten Reformen.“ In Bautzen jedenfalls blieb sie bis 1996. Mittlerweile war sie geschieden, zog ihre beiden zwei Kinder groß, arbeitete in der Dramaturgie, führte Regie, kämpfte für das Überleben des Theaters. Krachend voll sei es vor der Wende gewesen, sagt sie. Danach war der Saal plötzlich leer, Abos krachten zusammen. „Die Leute wollten ihr Geld lieber im Westen ausgeben.“

1997 wurde sie Direktorin der Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin, verjüngte das Repertoire des „Ohnsorgtheaters des Ostens“ mit eigenwilligen Synthesen zwischen Volkssprache und Hochliteratur, wie ins Plattdeutsche übersetzten Shakespeare-Sonetten. 2004 dann begann eine Kärrnerarbeit im Parchimer Theater. Diese „wichtigste Arbeit meines Lebens“, sagt sie, „ist ensembletechnisch auch die schönste gewesen.“ Vieles habe hier im Argen gelegen. „Das Haus in Montevideo“ hat die Neue als erste Produktion in Angriff genommen und hier lag bereits der Ursprung des Parchimer Theaterclubs: Viele Kinder haben in diesem Stück mitgespielt und sie blieben nachher der Bühne als Theaterclub treu. Katja Mickan ist es wichtig, dicht am Publikum und an den Schulen „dran“ zu sein. Dicht dran ist ein öffentliches Theater aber immer auch an der politischen Lage, die es selbst betrifft. Die Regisseurin kann nur orakeln, wie es mit der Bühne weitergehen wird, sehr dicht „dran“ ist sie an der Parchimer Theaterfrage.

Dann gilt es nur noch, die obligatorische Schlussfrage zu stellen: Was glaubt Frau Mickan am besten zu können? Sie überlegt, nur eine Antwort gilt. „Ich glaube“, sagt sie dann schnörkellos, „ich kann am besten lieben. Ich bin ein Mensch mit großem Herzen.“