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Martinimarkt Ein Volksfest ohne Volk und Fest?

Von Amelie Uding | 07.08.2020, 19:20 Uhr

Die Meinungen darüber, ob der Martinimarkt abgesagt werden soll, gehen weit auseinander.

Einige sprechen vom Jahrmarkt, andere von der Messe, wieder andere vom Rummel oder von der Kirmes. Die Rede ist von Volksfesten. Beliebte, regionale Feste mit einer sehr langen Tradition. Ein Treffpunkt für Groß und Klein, Freunde und Familie, Nachbarn und Touristen. Hier teilen sich Fremde einen Wagon im Fahrgeschäft und Paare eine Tüte gebrannter Mandeln. Auf dem Nachhauseweg klagen alle über den Nachhall der ohrenbetäubenden Musik und darüber, dass sie zu viel Geld gelassen haben. Und dennoch kommen alle wieder. Nur nicht in diesem Jahr. Aufgrund der Corona-Pandemie wurden so gut wie alle Volksfeste abgesagt. Erst der Hamburger Frühlingsdom, dann die Paderborner Libori-Kirmes, dann das Münchener Oktoberfest und jetzt auch womöglich der Parchimer Martinimarkt.

Weichen für Absage gestellt

Am kommenden Montag entscheiden die Parchimer Stadtvertreter, ob der Martinimarkt 2020 endgültig abgesagt wird. Bereits bei einer Vorberatung am Mittwoch diskutierten die sechs Mitglieder des Wirtschaftsausschusses über diesen Beschluss. Die Mehrheit stimmte für eine Absage. Die Gründe: Volksfeste zählen zu den Großveranstaltungen und sind somit gemäß der Verordnung der Landesregierung zur schrittweisen Rückführung der coronabedingten Einschränkungen in MV verboten. Bei Veranstaltungen mit maximal 1000 Personen im Freien muss die zuständige Gesundheitsbehörde eine Ausnahmegenehmigung erteilen.

„"Aber wenn wir die Besucherzahl auf 1000 Besucher beschränken, das wäre ein Volksfest ohne Volk."“
Detlev Hestermann, Fachdienstleiter für Recht und Sicherheit der Stadt Parchim

Zudem sei auch der zeitliche Aspekt ein Problem: Das Verbot gilt bis zum 31. Oktober. Der Martinimarkt soll vom 6. bis 9. November stattfinden. Keine könnte sagen, ob es eine Verlängerung der Maßnahmen gibt. Und für die Vorbereitung müssten jetzt zahlreiche Verträge mit Dienstleistern abgeschlossen und bezahlt werden, unabhängig davon, ob der Markt stattfindet oder nicht.

Harter Schlag für Schausteller

Die rund 80 Schausteller reisen normalerweise bereits ab Mitte Oktober an, um ihre Geschäfte aufzubauen. Bislang mussten die Schausteller nur die Bewerbungsgebühr in Höhe von 15 Euro bezahlen. Dieser Beitrag sowie weitere 15 Euro für Postporto und den Handlungsaufwand soll für alle Schausteller erstattet werden. Insgesamt sind das also 2400 Euro. Würden die Schausteller nun anreisen, müsste die Stadt zudem noch die Reisekosten erstatten. "Ich kann doch nicht 80 Leuten zusagen, wenn sie womöglich kaum Umsatz machen", sagt Detlev Hestermann. Das sei weder für die Vertragspartner noch für die Stadt Parchim noch für die Schausteller zielführend.

Zudem wären gewaltige finanzielle und personelle Aufwendungen notwendig. Das Gelände müsste eingezäunt werden, das Kontrollpersonal erhöht, Desinfektionseinrichtungen und Besucherlenkung geregelt werden. Die Fläche des Festgeländes mache es jedoch unmöglich, unter Corona-Bedingungen den Martinimarkt abzuhalten. "Selbst das Oktoberfest in München wurde abgesagt", sagt Bürgermeister Dirk Flörke. Eine Alternative zur Absage gebe es nicht.

Unabhängige sind anderer Meinung

Das sieht Stadtvertreter Andreas Steuck und Mitglied der Fraktion Unabhängige Bürger für Parchim anders. Er hat gegen den Beschluss gestimmt. Seiner Meinung nach seien noch nicht alle Möglichkeiten, das Volksfest doch noch stattfinden zu lassen, vollkommen ausgeschöpft worden. Eine Absage zum jetzigen Zeitpunkt ohne eine vorherige ganzheitliche Betrachtung und ohne intensive Gespräche mit allen relevanten Akteuren halte die Fraktion für verfrüht und nicht sachgerecht. "Daher fordern wir eine detaillierte Abwägung, die weitergehende Prüfung von Alternativen und vor allem die aktive Suche nach Lösungen mit weiteren Partnern aus dem Land, die bereits heute gute Ideen und Konzepte vorbereiten“, so Steuck. "Die Fraktion Unabhängige Bürger für Parchim fordert, dass die Absage des Martinimarktes erst als allerletzte Alternative in Erwägung gezogen werden sollte."

Wichtiger Magnet für die Region

Darüber würde sich auch Dieter Schmidt freuen, der Vorsitzende des Schaustellervereins Westmecklenburg. Die Schausteller hätten seit dem vergangenen Weihnachtsmarkt keine Einnahmen. "Wir sind alle noch im Wintermodus. Das sind wir nicht gewohnt", sagt er. "Wir müssen arbeiten. Das zweite Konjunkturpaket reicht nicht aus. Wenn wir nicht arbeiten, schaffen es viele von uns nicht." Falls der Markt abgesagt wird, bleibt den Schaustellern aus der Region noch die Möglichkeit, einen sogenannten mobilen Freizeitpark einzurichten. Dies wäre aber kein Martinimarkt. Es gibt keinen freien Eintritt, die Besucher müssen ihre Namen, Adressen und Telefonnummern und die Aufenthaltsdauer angeben. Es gelten die üblichen Schutzvorschriften mit der Einhaltung von 1,5 Metern Abstand, Maskenpflicht und ständiges Desinfizieren aller Gerätschaften, mit denen der Kunde in Berührung kommt. "Aber für uns wäre das zumindest eine Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen", sagt Schmidt. Warum das beliebte Volksfest nicht stattfinden dürfte, dafür aber die Leute täglich unbeschwert und maskenfrei durch jegliche Fußgängerzonen spazieren dürfen, dafür hat er jedoch kein Verständnis.

64 Prozent der Online-Nutzer stimmen für eine Absage

Ähnlich sehen es auch einige Facebook-Nutzer. Einige können die Entscheidung nicht nachvollziehen, andere wiederum haben Verständnis dafür. Die Meinungen der Kommentare zu diesem Thema gehen weit auseinander. Bei einer Online-Umfrage der SVZ, ob der Martinimarkt abgesagt werden soll, stimmten von 107 Teilnehmern 64 Prozent mit Ja und 36 Prozent mit Nein. Auch wenn die Entscheidung noch nicht getroffen wurde: Dass es in diesem Jahr doch noch einen Martinimarkt gibt, daran glaubt Dieter Schmidt nicht wirklich. "Hoffen wir mal, dass zumindest noch der Weihnachtsmarkt in diesem Jahr stattfinden darf."