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Neues Baugebiet in Parchim Schlummert hier noch Munition in der Erde?

Von Christiane Großmann | 12.08.2020, 15:15 Uhr

Arbeiten in der Regimentsvorstadt können erst losgehen, wenn die Bescheinigung vom Kampfmittelräumdienst vorliegt

Die Hiobsbotschaft zuerst: Bevor im neuen Baugebiet in der Regimentsvorstadt überhaupt an den ersten Spatenstich zu denken ist, wird der Munitionsbergungsdienst das Areal durchkämmen müssen. Es gibt nicht eher eine Baugenehmigung, bis der Schein vom Kampfmittelräumdienst vorliegt. Fast die gesamte Fläche des B-Plan-Gebietes, jedoch mindestens 80 Prozent, muss dabei unter die Lupe genommen werden. Das teilte Bauamtsleiter Frank Schmidt am Dienstagabend im Stadtentwicklungsausschuss mit.

Untersuchungen sollen noch dieses Jahr beginnen

Wie lange die Untersuchungen dauern und was dabei an zusätzlichen Kosten auf die Stadt zukommt, sei momentan völlig offen. Erfahrungen besagen, dass darüber mehrere Monate bis zu einem Jahr ins Land gehen könnten. „Wir tun alles, um die Suche schnellstmöglich hinzubekommen“, versichert der Fachbereichsleiter. Dabei schwingt auch die Hoffnung mit, kurzfristig über das Land Fördermittel akquirieren zu können, um die zusätzliche Belastung für den städtischen Haushalt in Grenzen zu halten. Ein Leistungsverzeichnis für diese Maßnahme ist erstellt und dieser Tage zur Abstimmung beim Kampfmittelräumdienst eingereicht worden. Die Stadt möchte zügig die Ausschreibung über die Bühne bringen. Mit den Sondengängen soll noch dieses Jahr begonnen werden.

Bauherren warten händeringend darauf, dass es los geht

Bürgermeister Dirk Flörke und Bauamtsleiter Frank Schmidt wissen um die Brisanz, die hinter dieser Information steckt: Viele Parchimer warten händeringend darauf, dass sie sich in diesem Quartier endlich den Traum vom eigenen Heim erfüllen können, nachdem der B-Plan Anfang November 2019 nach zweijähriger Aufstellungszeit beschlossen wurde. Bürgermeister Flörke gibt zu bedenken: Während des Verfahrens habe sich zu keinem Zeitpunkt abgezeichnet, dass eine solche Aufforderung ins Haus stehen könnte. Das Landesamt für Katastrophenschutz habe zum Beispiel bei der Trägerbeteiligung eine neutrale Stellungnahme abgegeben. Die Lehre für die Zukunft sei, bei künftigen Vorhaben die für Munitionsbergung zuständige Behörde direkt einzubeziehen.

Baugebiet hat eine militärische Vorgeschichte

Eigentlich waren Altlastenbeseitigung und Munitionsbergung in diesem einst militärisch genutzten Areal schon vor etwa 15 Jahren abgeschlossen worden. Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte, der 1993 beendet war, nahm sich die Stadt dieser Militärbrache an. Betonruinen wurden abgerissen, Beton aus versiegelten Flächen wurde in Größenordnungen weggestemmt, das heruntergekommene Kanalisations- und Entwässerungssystem aufwändig entfernt. Wie aus dem Abschlussbericht der Stadt für dieses städtebauliche Entwicklungsgebiet hervorgeht, brachten Voruntersuchungen damals allein 45 Altlastenverdachtsflächen ans Tageslicht, vor allem in Bereichen ehemaliger Fahrzeug- und Reparaturhallen oder von Tankstellen. 22 Müllvergrabungen wurden beseitigt und 5500 Tonnen Boden ausgetauscht.

Alles lief nach den damaligen Vorschriften sauber ab

Im Prinzip war das ganze Areal einmal „umgepflügt“ worden. Im Zusammenhang mit dem Bodenaushub wurden Kampfmittel geortet und geborgen. Der gesamte Prozess wurde nach den damals geltenden Vorschriften umweltschutztechnisch fachgerecht überwacht und dokumentiert. Das ist nach der heutigen Baugesetzgebung nicht mehr ausreichend: Erst wenn der Kampfmittelräumdienst seinen Schein ausgestellt hat, gilt das Gebiet als altlasten- und munitionsfrei.

Planung für die Erschließung auf gutem Weg

Doch es gibt auch gute Nachrichten zur Regimentsvorstadt: Sichtbare Fortschritte vermeldet die Stadt in Sachen Kinder-Bildungs-Zentrum (KiBiZ) und Erschließung des Baugebietes. Wie bereits berichtet, wurde zu Wochenbeginn der Bauantrag für den Ersatzneubau der Regionalen Goetheschule eingereicht. Die Abstimmungen zur energetischen Versorgung kommen gut voran. Ein Vermesser hat einen Parzellierungsvorschlag erarbeitet. Demnach dürften die Grundstücke zwischen 700 und 800 Quadratmeter groß sein.

Radfahrer sollen Vorrang haben

Dr. Frank Wobschal vom gleichnamigen Ingenieurbüro in Wismar brachte den Stadtentwicklungsausschuss auf den neuesten Stand in Sachen Erschließungsplanung für den Bereich des Wohngebietes. Vorgesehen sind sechs Planstraßen. Parchim könnte sich mit einem Pilotprojekt überregional als fahrradfreundliche Kommune ins Gespräch bringen: Es steht die Idee im Raum, vier Planstraßen als Fahrradstraßen zu widmen. Das heißt, hier haben Fahrradfahrer Vorrang.