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Parchim Nachschub an Medikamenten kommt dreimal am Tag

Von Christiane Großmann | 07.08.2020, 16:00 Uhr

Hilke Möller leitet seit 35 Jahren die Rats-Apotheke in Deren Tradition lässt sich bis 1614 zurückverfolgen.

Der Hals kratzt, die Nase tropft, im Magen rebelliert es, ein Heuschnupfen ist im Anmarsch: Um das Problem zu lindern, führt der erste Weg häufig in die Apotheke. Ist sie doch für solche Fälle immer gerüstet. „Erkältungen, Magen-Darm-Geschichten und Allergien gibt es das ganze Jahr“, weiß Hilke Möller. Sie ist seit 1990 Inhaberin der ältesten Apotheke in Parchim.

Für die Approbation nach Parchim gekommen

Aufgewachsen in Zarrentin, kam Hilke Möller nach dem Pharmaziestudium 1981 in die Eldestadt, um in der Rats-Apotheke ihre Approbation zu machen. Ein Jahr später hatte sie die staatliche Zulassung und damit die Berechtigung zum eigenständigen Führen einer Apotheke. „Ich durfte bleiben und bin geblieben“, sagt Hilke Möller. 1985 übernahm sie die Leitung des Apothekenbetriebes. Am 12. November 1990 machte sie sich selbstständig. Nach 33 Jahren Unterbrechung war die Parchimer Rats-Apotheke damit wieder in privater Hand. Nur ein Rats-Apotheker brachte es im Laufe der Jahrhunderte auf mehr Berufsjahre als Hilke Möller.

Geschichte reicht bis ins Jahr 1614 zurück

Ambitionen, Johann Christian Friedrich Schumacher nachzueifern, hegt sie nicht. Er war von 1813 bis 1868 Rats-Apotheker von Parchim. Die Namen der früheren Inhaber lassen sich lückenlos bis ins Jahr 1614 zurückverfolgen. Dass überhaupt so viel über die Rats-Apotheke bekannt ist, ist neben dem unvergessenen Parchimer Apotheker Kurt Huth auch Dr. Christoph Prösch, dem Vater von Hilke Möller, zu verdanken. Eine von ihm 1992 verfasste Chronik vermittelt spannende Einblicke in die wechselvolle Historie und bewahrt damit wertvolle Stadtgeschichte.

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Zur Geschichte

1614 erhielt der Apotheker Johann Berkhusen vom Rat der Stadt das Privileg, eine Apotheke im Anbau der Ratsbude zu betreiben. Das Gebäude befand sich bis 1892 zwischen Rathaus und Georgenkirche. Im Laboratorium, wo es nur so siedete und brodelte, wurden die Rezepturen auf dem offenen Feuer gewissenhaft zubereitet. Seit 1808 befindet sich die Rats-Apotheke an ihrem heutigen Standort Ecke Ziegenmarkt/Apothekenstraße. (Quelle: Chronik der Ratsapotheke von Dr. Christoph Prösch)

Chemie gehörte zu ihren Lieblingsfächern

Zweifellos hatte ihr Vater auch die entscheidenden Aktien daran, dass sich Hilke Möller für diesen Beruf entschied. Der Lehrer für Chemie und Biologie weckte in ihr das Interesse an Naturwissenschaften. Chemie war schon zu Schulzeiten Hilke Möllers Leidenschaft. Die Leidenschaft für ihre Arbeit bewahrte sie sich in den bisher 39 Berufsjahren, „weil der Alltag immer wieder neue Herausforderungen und Veränderungen mit sich bringt.“ Da war 1992 die Kernsanierung des Gebäudes bei laufendem Betrieb. „Der Verkauf fand durch das Fenster statt, es ging ja nicht anders. Wir hatten sehr viel Spaß daran und die Leute waren ebenfalls begeistert.“

Die neue Einrichtung wurde damals um einen alten Teeschrank aus Eichenholz geplant. Er stammt aus der Wirkungszeit des unvergessenen Parchimer Apothekers Kurt Huth. „Mir lag damals sehr viel daran, diesen Schrank zu erhalten“, verrät Hilke Möller. Eine weitere größere Baumaßnahme folgte, als vor neun Jahren der Kollege „Automat“ eingestellt wurde. Von der Erfassung des Medikamentenbestandes bis hin zur Ausgabe sind seitdem viele Arbeitsgänge elektronisch gesteuert.

Doch egal ob im vergangenen Jahrtausend oder im 21. Jahrhundert: Eine persönliche Beratung der Kunden, die sich mit ihren Sorgen und Nöten vertrauensvoll an den Apotheker vor Ort wenden, wird kein Automat und auch keine Internetapotheke übernehmen können. Ebenso wenig wie die Bereitschaftsdienste in der Nacht, an den Wochenenden oder Feiertagen. Sie werden von den hiesigen Apotheken abwechselnd gewährleistet. Mehr als 3500 verschiedene Produkte sind in der Parchimer Rats-Apotheke ständig verfügbar. Etwa drei Stunden dauert die Beschaffung eines Medikamentes, wenn es nicht vorrätig ist.

Dreimal am Tag fährt der Lieferwagen in der Apothekenstraße vor. Zu DDR-Zeiten gab es alle zwei Wochen eine Medikamentenlieferung. Heute arbeitet Hilke Möller mit mehreren Großhändlern zusammen. Vor der Wende lief alles über ein staatlich gelenktes Versorgungsdepot. Eine Mitarbeiterin war seinerzeit nur mit dem Prüfen der Bestände und den Bestellungen beschäftigt. Um Patienten aus dem ländlichen Raum zu entlasten, betreut die Rats-Apotheke eine Rezeptsammelstelle in Grebbin. Einmal täglich leert eine Botin den Briefkasten. Wenige Stunden später steht sie mit dem Medikamentenpäckchen vor der Haustür des Patienten.

Zwei Mitarbeiter lernten hier schon ihren Beruf

Von den zehn Mitarbeitern in der Rats-Apotheke haben zwei ihren Beruf bei Hilke Möller gelernt. „Ich arbeite sehr gerne mit meinem Team zusammen und kann mich hundertprozentig auf meine Mitarbeiter verlassen“, sagt die Diplom-Pharmazeutin. Unter ihnen sind eine Pharmazie-Ingenieurin, drei Pharmazeutisch-technische Assistenten sowie zwei Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte.

Handarbeit ist übrigens wieder mehr gefragt. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass der Bedarf an individuell zusammengesetzten dermatologischen Cremes wächst. Nicht im Traum hätte Hilke Möller allerdings gedacht, dass sie in ihrem Berufsleben noch einmal Desinfektionsmittel herstellen muss. Gibt es sie doch als Fertigprodukt. Doch dann kam Corona und damit der Engpass, auch an Rohstoffen. Den medizinischen Alkohol machte die Kammer zum Beispiel in Anklam ausfindig und Hilke Möller holte ihn persönlich dort ab.