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Parchim Lange Straße ist kein Mikrokosmos

Von Christiane Großmann | 11.09.2020, 07:00 Uhr

Ausschussvorsitzender Andreas Scharfschwerdt: "Situation darf nicht isoliert betrachtet werden"

Teufelskreis Lange Straße: Der ungezügelte Durchgangsverkehr geht immer mehr Leuten gewaltig auf die Nerven (unsere Redaktion berichtete). Andreas Scharfschwerdt, Vorsitzender des Stadtentwicklungsausschusses, macht sich dafür stark, bei allem Für und Wider die Situation in dieser Geschäftsstraße nicht isoliert zu betrachten. Scharfschwerdt, der sich in der Wählergruppe Unabhängige Bürger für Parchim (UBfP) engagiert, ist sich sicher, was im Ergebnis doch alle wollen: „Eine belebte Lange Straße, die mit geringen beziehungsweise verträglichen Verkehrsmengen zum Einkaufen, Flanieren, Wohlfühlen, Leben und Arbeiten einlädt.“ Nur hätten sich beide Seiten bislang nicht auf einen gemeinsamen Weg einigen können.

Verkehrsentwicklungsplan als Chance

Jetzt ist die Chance da. Stichwort Verkehrsentwicklungsplan. Die Stadt befindet sich mitten im Erarbeitungsprozess eines ganzheitlichen Konzeptes für die Kreisstadt Parchim. Es soll bis Jahresende beschlussreif sein. Der zuständige Fachausschuss der Stadtvertretung hat sich bereits mehrfach damit beschäftigt. In wenigen Tagen findet wieder ein Treffen der Arbeitsgruppe statt. Sie begleitet den Erarbeitungsprozess der strategischen Zielstellungen für die zukünftige Verkehrssituation in Parchim. Ihr gehören neben Mitarbeitern der Stadt sowohl die Fachplaner als auch Vertreter aller Fraktionen an. Scharfschwerdt wurde von den Unabhängigen für dieses Gremium berufen.

Mehr tun für Radfahrer und Fußgänger

In den Augen des Stadtentwicklungsausschuss-Vorsitzenden kristallisiert sich „ein breiter fraktionsübergreifender Konsens dafür heraus, in Zukunft dem Rad- und Fußverkehr deutlich mehr Bedeutung oder auch eine höhere Priorität in der verkehrlichen Infrastruktur beizumessen.“ Andreas Scharfschwerdt zeichnet seine Vision für ein denkbares Szenario: Die Stadtvertretung bekennt sich zu einem verkehrlichen Leitbild, welches dem Rad- und Fußverkehr einen deutlich größeren Stellenwert einräumt und Verkehre dahin lenkt, wo sie hingehören. Um diesem übergeordneten Ziel Rechnung zu tragen, wird durch eine Vielzahl von baulichen und verkehrslenkenden Maßnahmen in der Altstadt eben dieser Bereich für den Durchgangsverkehr deutlich unattraktiver.

Lösung nur über ein schlüssiges Gesamtwerk

„Zugleich erhöhen wir die Attraktivität der Hauptverkehrsstraßen und setzen uns für den Bau einer Ortsumgehung ein. Hier sind wir derzeit noch im vordringlichen Bedarf beim Bund gemeldet“, führt Scharfschwerdt sein Szenario weiter fort. Auch die Lange Straße werde dann baulich für den motorisierten Durchgangsverkehr unattraktiver gestaltet, ermögliche aber weiterhin Ziel- und Quellverkehr für Gewerbetreibende und Anwohner. Scharfschwerdts Fazit: Nur über ein schlüssiges Gesamtwerk lässt sich auch etwas für die Lange Straße erreichen.

Ein Zurück scheitert schon an rechtlichen Hürden

Ein Zurück zur reinen Fußgängerzone dürfte derzeit schon an den rechtlichen Hürden scheitern: Unabhängig von der Frage, ob eine erneute Schließung der Langen Straße breite Zustimmung in der Bevölkerung erhalten würde oder nicht, müssten für so einen Schritt zwingend einige rechtliche Anforderungen erfüllt sein. „Vor allem muss sich die Verkehrsbedeutung geändert (verringert) haben, was faktisch derzeit nicht der Fall ist.“

Genau das hat André Pinnau, für die SPD-Fraktion im Stadtentwicklungsausschuss, schon lange vorausgesehen: „Als die Stadtvertretung 2011 den Beschluss zur Umwidmung der Langen Straße fasste, war den meisten Stadtvertretern wahrscheinlich nicht bewusst, welche weit reichenden Folgen das haben wird und wie hoch die rechtlichen Hürden für die Umkehr dieses Beschlusses sind“. Der Rad-Aktivist macht keinen Hehl daraus:

„ Auch wenn ich mich vordergründig für mehr Fahrradfreundlichkeit in Parchim einsetze, möchte ich keineswegs Autos vollständig verdrängen. Autofreie Innenstädte sind sicher eine tolle Vision für Großstädte, aber hier im ländlichen Raum sind die Menschen auf PKW angewiesen.“
André Pinnau, Stadtvertreter (SPD)

Eine „autofreie“ Innenstadt könne seines Erachtens nur funktionieren, wenn zumindest Anwohner und Anlieger mit ihrem Auto einfahren dürfen. Pinnau schlägt folgende Alternative vor: Die Verkehrsrichtung ändern, indem die Lange Straße vom Neuen Markt aus befahren wird. Allerdings müsse auch das wiederum im Kontext des Umfeldes gesehen werden, zumal davon auch die Citybus-Linie betroffen wäre.